Tyler, The Creator
Ich bin nicht der Anführer
03.06.2011, 12:32, Text:
Thomas Venker, Foto: Bartosz Ludwisnki
Skandal und Rapper gingen schon immer gut zusammen. Thomas Venker traf Tyler, The Creator in Berlin zu einem denkwürdigen Gespräch.
Aktuell wirbelt der 20-jährige Tyler Okonma als Tyler, The Creator mit seinem Kollektiv Odd Future ordentlich Staub auf. Musikalisch mit HipHop, der endlich wieder innovativ den Weg in die Zukunft des Genres weist, inhaltlich aber auch mit frauenverachtenden Gewaltfantasien und schwulenfeindlichen Floskeln. Der britische New Musical Express (NME) nimmt Tyler The Creator mit Königskrone aufs Cover und ruft die »Odd Future Anarchy Hits The UK!« aus. Tobias Rapp feiert im Spiegel die bezaubernde Freude ab, mit welcher der Rapper und dessen Crew sich in die Wut der Stücke werfen. Und Jonathan Fischer zieht in der Süddeutschen Zeitung gleich die ganz große Schublade auf und vergleicht Okonma mit Miles Davis, Bob Dylan und Muhammad Ali. Die Wahrheit findet sich momentan zwar noch ein paar Klassen tiefer, aber eines muss man Tyler The Creator schon jetzt lassen: Er polarisiert wie lange kein HipHopper mehr.
Es war Sara Quin, eine Hälfte des Duos Tegan And Sara, die sich Mitte Mai so richtig laut echauffierte über das unkritische Tamtam um Tyler The Creator und dessen Odd-Future-Posse. Die Kanadierin regte sich weniger über seine schwulenfeindlichen Texte und die Vermischung von Gewaltfantasien und Frauenunterdrückung auf, das auch, vor allem aber setzte sie bei der unreflektierten Reaktion seitens der Medien an. Ihre Unterstellung: Okonma wird mal eben durchgewunken, da er schon jetzt so populär sei, dass keiner das Thema Tyler The Creator verpassen wolle. Denn ernst könne seinen Verweis, alles sei doch nur ein Film und somit in Anführungszeichen und keineswegs Realität, doch niemand nehmen. Und auch der auf seine lesbische DJ relativiere noch nichts.
Natürlich nicht. In der Rezension (Intro #193) zum neuen Album »Goblin« sprach ich diverse verbale Entgleisungen an, die sich Okonma auf dem Album leistet. Es tun sich wirklich elendige Abgründe auf: Da werden Frauen aufgeschlitzt und vergewaltigt, da werden Schwule aufs Übelste beschimpft, da wird geflucht, getreten und gemordet. Alles Punkte, an denen man ansetzen muss, die es im Dialog anzusprechen gilt, die aber – auch das sollte man dem Gespräch voranstellen – im Gesamtwerk nur einen Teil des Kaleidoskops der Aussagen ausmachen. Denn da ist ebenfalls der sich selbst als therapiebedürftig einstufende Protagonist, der Selbstmordgedanken offenbart, sich nach einem richtigen Vater sehnt, vom Heranwachsen bei der Oma rappt und es sich so sehr wünscht, auch mal mit einem Mädchen Händchen haltend im Kino zu sitzen. Kurzum: Selten präsentierte sich jemand so widersprüchlich zwischen schüchtern und großmäulig, angezählt und auszählend.
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