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Destroyer

Der fünfte Reiter der Apokalypse

19.05.2011, 12:20, Text: Sebastian Ingenhoff, Foto: Intro

Mit seinem neunten Album »Kaputt« hat der kanadische Songwriter Dan Bejar alias Destroyer dem vergessenen Genre Softrock neues Leben eingehaucht. Nach dem Hype in den USA erscheint das Album nun auch offiziell in Deutschland. Sebastian Ingenhoff ließ sich von Dan Bejar erklären, wie man es schafft, die Apokalypse tanzend zu überstehen.

Dan Bejar bestreitet, dass das Wortspiel »Destroyer [zu Deutsch: Zerstörer] – Kaputt« kalkuliert gewesen sei. Den Albumtitel habe er dem gleichnamigen Roman des italienischen Schriftstellers Curzio Malaparte entliehen, das Wort hätte einfach toll ausgesehen. »Ehrlich gesagt hatte ich absolut keine Ahnung, was es bedeutet. Dieser Witz mit dem Bandnamen ist mir erst später klar geworden. Es ist wie mit der Musik: Du machst irgendwelche Dinge intuitiv, und sie fügen sich plötzlich auf wundersame Weise zusammen.« So steht der Titel »Kaputt« also in Kontrast zur Musik, denn es handelt sich auf den ersten Blick um ein äußerst konsistentes Werk voller harmonischer, im wahrsten Sinne des Wortes großer Popsongs.


Nachdem das Album in Nordamerika bereits im Januar erfolgreich veröffentlicht worden ist, erscheint »Kaputt« mit halbjähriger Verzögerung nun auch offiziell in Deutschland. Es zeugt von einem Songschreiber, der die ganz großen Gesten beherrscht und diese nicht nur in Performance, sondern vor allem in Musik zu überführen imstande ist. Der Hype verdankt sich natürlich auch dem aufwendig gestalteten Video zur Single »Kaputt«, das in den sozialen Netzwerken und Blogs bereits ausführlich die Runde gemacht hat.



Dabei ist der Kanadier alles andere als ein Newcomer, sondern neununddreißig Jahre alt und gilt schon seit bald anderthalb Jahrzehnten als einer der am meisten unterschätzten Musiker der Jetztzeit. Nun scheint man sein Werk endlich angemessen zu würdigen, die Washington Post sieht ihn gar als »lyrischen Nachfahren Bob Dylans«, und Pitchfork zog Parallelen zu Leonard Cohen.

Mit zwei potenziellen Literaturnobelpreisträgern verglichen zu werden ist sicherlich nicht schlecht, dabei spielen die Texte auf dem neuen Album eigentlich eine weniger wichtige Rolle als in seinem Frühwerk, erzählt Dan Bejar in seinem Zimmer im Kölner Chelsea Hotel, wo einst schon Martin Kippenberger gelebt hat. In dem kleinen Kämmerchen gibt es nur einen Stuhl und ein kleines Bett, auf dem er sich gerade lümmelt. Mit den zerzausten Haaren erinnert er eher an einen Juniorprofessor vom Anglistikseminar. Er erweist sich als sehr eloquent, wirkt gleichzeitig aber auch ein bisschen schüchtern. Dass er den Rummel um seine Person nicht sonderlich angenehm findet, nimmt man ihm sofort ab. Auch der Auftritt in der »Late Night«-Show von Jimmy Fallon, der wie der Videoclip im Netz für Furore sorgte, habe ihn einiges an Überwindung gekostet. Dennoch strahlt er auf der Showbühne eine wahnsinnige Ruhe aus, bewegt sich kaum, die eine Hand bleibt konsequent in der Jackentasche, während er mit der anderen das Mikro hält. Dazu dieser nasale Gesang, den man fast schon »Croonen« nennen möchte.

Durch die Zusammenarbeit mit Soulsängerin Sibel Thrasher hat sich Bejars Gesangsstil, der auf den frühen Alben noch stellenweise an Carter-The-Unstoppable-Sex-Machine-Sänger Jim Bob erinnert, ziemlich verändert: »Es ist ja das erste Mal, dass noch jemand außer mir auf einem Destroyer-Album singt. Ich wollte aber keine typischen Backing-Vocals, die Songs sollten mehr diesen gleichberechtigten Duettcharakter haben. Wir mussten uns also irgendwie annähern. Ich will nicht behaupten, dass ich jetzt mit so viel Soul singe, aber zumindest etwas softer, vielleicht mehr auf die Harmonien achtend.«

In der Tat hat Bejar mit dem neuen Album einen signifikanten Bruch vollzogen. Im Prinzip müsse man sich Destroyer 2011 wie eine neue Band vorstellen, bei der die Rhythmussektion und Synthesizerpassagen deutlich mehr im Vordergrund stünden, sagt er selbst. Dass er alte Fans mit diesem eher an Softrock, Disco und klassischer Ambientmusik geschulten Ansatz eventuell vergrätzen könnte, stört ihn offenbar nicht. Doch nimmt man sein bisheriges Werk genauer unter die Lupe, fällt auf, dass der Bruch vielleicht gar nicht so radikal ist, wie er einem weismachen will.
 
Das Mäandern durch Zeit und Sound
Anfang der Neunziger vertreibt der Schlafzimmerproduzent Bejar seine Lieder nach dem Vorbild Daniel Johnstons noch über Tape. Kurze Zeit später gründet er die Band Destroyer, die in den Folgejahren mit regelmäßig wechselnder Besetzung in Erscheinung tritt. Zu jener Zeit, 1995, studiert er noch Literatur und schlägt sich mit wechselnden Jobs durch, kurzzeitig arbeitet er sogar als Aufpasser in einem Bingosalon. Das erste offizielle Destroyer-Album »We’ll Build Them A Golden Bridge« erscheint 1996 auf dem Kleinstlabel Tinker, sein Debüt für Merge Records gibt er sechs Jahre später mit »This Night«. Seitdem kann er einigermaßen gut von der Musik leben, auch dank der zahlreichen Nebenprojekte. Die meisten seiner Mitmusiker sind Freunde und Bekannte aus dem Umfeld des JC/DC-Studios in Vancouver. Das Studio wurde von John Collins und David Carswell gegründet, die auch als Produzenten von »Kaputt« fungieren und in der Vergangenheit schon mehrfach auf Destroyer-Alben zu hören waren. Mit John Collins spielt Bejar in der Matador-Band The New Pornographers, und mit Spencer Krug von Wolf Parade und Carey Mercer von Frog Eyes betreibt er noch das Projekt Swan Lake, mit dem er bisher zwei Alben veröffentlicht hat.

Bejars Werk fällt trotz klassischer Indierock-Prägung auch schon in diesen Jahren keineswegs homogen aus, bereits auf früheren Destroyer-Alben wie »Your Blues« von 2004 finden sich flauschige Popsongs, MIDI-Technologie und Synthesizer. Und mit »Bay Of Pigs« und »Archer On The Beach« hat Bejar in den letzten Jahren zwei lupenreine Ambient-EPs veröffentlicht, die das pompöse Klangdesign von »Kaputt« gewissermaßen vorwegnehmen.



Das Album ist die perfekte Symbiose dieser beiden Welten geworden. Zwanzig Monate arbeitete Bejar an »Kaputt«, und am Ende waren es acht statt der üblichen vier Musiker, mit denen er sich im Studio wiederfand.

Die Tags unter den Rezensionen heißen nun also »Soft Rock«, «Yacht Rock«, »Blue-Eyed Soul« oder »Ambient-Pop«. Späte Roxy Music, Carpenters, Steely Dan, Fleetwood Mac oder auch Leute wie John Hassell und David Sylvian werden gerne als Referenzen herangezogen. Prefab Sprout zu Thomas-Dolby-Zeiten dürfen natürlich auch nicht fehlen. Der letzte große Klassiker, der auf ähnliche Weise (wenn auch deutlich bekiffter) atmosphärische Sounds mit großem Pop verwoben hat, war vermutlich »Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space« von Spiritualized. Ein Haufen britischer Lads, die mit den Mitteln von Psychedelic versuchten, ein Soul-Album zu machen. Bejar macht im Prinzip das Gleiche mit den Mitteln von Softrock und Ambient.

Das wiederkehrende schwermütige Saxofon, überhaupt die ganzen Blasinstrumente, die gospelartigen Backingvocals, die an Chics »I Want Your Love« erinnernde Discobasslinie, die sich fast leitmotivisch durch die Songs zieht und immer wieder variiert wird, machen «Kaputt« im weitesten Sinne zu einem Soul-Album. Richtig außergewöhnlich wird dieses Werk aber eben durch die radikale Zeitdehnung, die man eher von klassischer Ambientmusik gewohnt ist. Bejar will scheinbar gar nicht auf den Punkt kommen, manche Stücke sind acht oder elf Minuten lang, und auf der Vinylversion von »Kaputt« befindet sich sogar ein zwanzigminütiger Song. Dennoch kann man sich das Album dreißig Mal anhören, ohne sich auch nur eine Sekunde zu langweilen. Jedes kleine Detail scheint tatsächlich wie eine Hookline geplant zu sein.
 
Raum zum Atmen
Die Arbeit an »Kaputt« sei zwar eine Reise zurück in die Jugend gewesen, die Klassiker der damaligen Zeit habe er aber eher aus dem Gedächtnis imaginiert, sagt Bejar: »Die Popmusik der frühen und mittleren Achtziger hat mich natürlich fürs Leben geprägt. Ich denke, jeder hat so seine ‘Desaster Zone’, also Musik, mit der du aufwächst, die du für ein paar Jahre wieder vergisst, weil sie vermeintlich uncool ist, zu der du aber irgendwann wieder zurückfindest. Bei mir hat es jetzt gut fünfzehn Jahre gedauert. Ich habe Popmusik in den letzten Jahren immer irgendwie als Folie benutzt, aber meistens versucht, die Oberfläche kaputt zu machen oder Brüche reinzuarbeiten. ›Kaputt‹ ist nun mein erstes Album, wo diese Folie intakt geblieben ist. Obwohl natürlich einige der unkonventionellsten Songs auf dem Album enthalten sind, die ich jemals geschrieben habe. Aber die poppigen Momente ergeben sich mehr aus den Sounds, der Fokus liegt nicht mehr ganz so stark auf den Texten, es gibt mehr Raum für die Musik zum Atmen.«


Trotzdem kommt die Musik ohne jeden esoterischen Blödsinn aus und ist vor allem bar jeder Ironie. Die findet sich allenfalls bei den Texten, wie in dem Song »Blue Eyes«: »King Of The Everglades: Population: 1 / I write poetry for myself! I write poetry for myself (...) I sent a message in a bottle to the press / It said, don’t be ashamed or disgusted with yourselves.« Die Texte widmen sich thematisch vor allem den düsteren Themen des Alltags: Alkoholismus, Einsamkeit, Armut, unerwiderte Liebe. Der lyrische Zynismus, der stellenweise an Morrissey erinnert, wird durch die fluffige Klanguntermalung konterkariert. So gesehen macht der Albumtitel also doch Sinn, Musik und Text stehen gewissermaßen in einer kaputten Beziehung zueinander: »Her heart’s made of wood. As apocalypses go, that’s pretty good, sha la la, wouldn’t you say?« Wer würde ihm widersprechen wollen?

Die Inspiration hinsichtlich der Texte beziehe er hauptsächlich aus Literatur und Film. So gibt es mit »Chinatown« (Roman Polanski) und »Savage Night At The Opera« (Sam Wood / Marx Brothers) gleich zwei Songs, die auf berühmte Klassiker der Filmgeschichte anspielen. Seine Lieblingsschriftsteller sind mit Roberto Bolaño und W.G. Sebald zwei Künstler, die auf den ersten Blick nicht sonderlich viel gemein haben, außer, dass beide ihre düsteren Mammutlebenswerke kurz vor dem Tod abgeliefert haben. Was hoffentlich nichts heißen muss.

Nicht alle Texte auf dem Album stammen von ihm selbst, Bejar hat auch zum ersten Mal Fremdmaterial vertont. Der Text zu »Suicide Demo For Kara Walker« fußt auf Lyrik-Miniaturen der gleichnamigen afroamerikanischen Künstlerin, die sich vor allem durch ihre politischen, den alltäglichen Rassismus anprangernden Silhouettenkunstwerke einen Namen gemacht hat. In Gemeinschaftsarbeit ist so ein Song über ein sozial kaltes Amerika entstanden, in dem es allen Freiheitsversprechungen zum Trotz keine Hoffnung mehr gibt, schon gar nicht für eine afroamerikanische Frau. Bejar findet sich also in der Rolle des Interpreten wieder, der um seine »Southern Sister« trauert – »wise, old, black and dead in the snow«. Und natürlich auch zu reflektieren weiß, dass er weder sister noch black noch old noch dead ist und sich in einer vergleichsweise luxuriösen Position befindet.

Der Songtitel sei, wie so vieles auf dem Album, einem Unfall geschuldet: »Ich habe das erste Mal Demos angefertigt, mit zum Teil ziemlich schrottigem Equipment. Am Anfang des Songs stand also ein simpler, Metronom-artiger Beat, über den ich ein bisschen gesungen habe. Ich hörte mir das Demo noch mal an und dachte: ›Das klingt wie ein schlechter Rip-off von der Band Suicide.‹ Da die Lyrics von Kara stammen, notierte ich also: ›Suicide Demo For Kara Walker‹. Erst später fiel mir auf, was für ein großartiger Songtitel das wäre. Demo kommt ja eben von ›Demonstration‹, also Anleitung. Irgendwie passt das zu dem Text, der ja sehr schwarz im Sinne von defätistisch ist.«

Dennoch sei Defätismus natürlich keinesfalls zu verwechseln mit Selbstaufgabe. Man muss den Stein schließlich weiter den Berg hoch wälzen, auch auf die Gefahr hin, irgendwann erdrückt zu werden. »Ich glaube, zwischen den Achtzigern und der Jetztzeit gibt es ziemlich viele Parallelen. Wenn du heutzutage die Zeitung aufschlägst, liest du ja auch ständig vom Weltuntergang. Ich mag diesen trotzigen Geist, der sich durch die Musik der Achtziger gezogen hat. Dieses: Wenn die Atombomben schon fallen und wir alle untergehen, dann wenigstens tanzend. Und ich mag die Idee, dass Leute zu meiner Musik tanzen und dann plötzlich denken: ›Oh mein Gott, was singt dieser Typ denn da bitte?‹ Ich glaube, der Effekt ist so ungleich größer, als wenn ich dieselben Texte in Punkmanier vortragen würde.« Damit ist „Kaputt“ vermutlich der schönste Apokalypsen-Soundtrack, den man sich im Jahr 2011 vorstellen kann. Wobei wir natürlich nicht den Teufel an die Wand malen wollen.

Termine Destroyer
24.06.2011 Zürich, Rote Fabrik » Details | Merken | Anreise
07.08.2011 Berlin, Magnet Club » Details | Merken | Anreise
13.08.2011 Rees-Haldern, Haldern-Pop-Bar » Details | Merken | Anreise

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aus Intro #193 (Juni 2011)
 
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