Terence Koh
Lady Koh
29.04.2011, 16:14, Text:
Thomas Venker, Foto: Jonathan Forsythe
New York ist in der Kunstwelt der place to be für Einzelkämpfer, Gruppenbohemians und exzentrische Überpersonen. Und Andy Warhol das Maß aller Dinge. Terence Koh hat das Talent, in dessen Fußstapfen zu treten. Genauso verschroben, radikal-stimmig in seinen Performances, Installationen und Objekten, dabei aber von einer überschwänglichen Zärtlichkeit im Umgang mit dem eigenen Werk und anderen Menschen. Thomas Venker besuchte Koh exklusiv in dessen New Yorker Haus, das komplett in Weiß gehalten ist, der Lieblingsfarbe des Künstlers, die auch sein Werk maßgeblich prägt.
Japaner sind Spektakel gewöhnt. In Tokio ist alles exzentrisch, selbst der Alltag. Und dennoch ist die gemeinsame Performance von Lady Gaga und Terence Koh – also die vom derzeit größten Popstar der Welt und dem asiatisch-kanadischen Enfant terrible der Kunstszene – schlichtweg der Aufreger der Saison. Womöglich, da es in Zeiten rational durchorganisierter Star-Maschinerie rar geworden ist, dass Künstler auf diesem Erfolgslevel solch eine Aura des unbegreifbar Absurden um sich herum inszenieren.
Terence Koh sitzt zusammengekauert im Saal und keucht wie Antony Hegarty in dessen kasteiendsten Momenten, als Lady Gaga am 21. April letzten Jahres in das Tokioer Warehouse Tabloid einschreitet. Sie wird dabei flankiert von einer Armee von Männern, alle sind ganz in Weiß gehüllt. Es gilt, finanziert vom Lippenstiftkonzern M.A.C., gemeinsam ein Medley ihrer größten Hits aufzuführen. Lady Gaga sitzt dazu am von Terence Koh designten Piano, was bedeutet, dass er einen weiß überpuderten menschlichen Körper darauf drapiert hat. Seit der Grammy-Verleihung 2010 ist Koh offizieller Pianogestalter der Gaga, letztlich aber mehr: Setdesinger und Performanceberater. Oder, wie sie es sagt: »When I’m around Terence I just want to poop out art ideas nonstop.«
Ein schönes Bild dafür, dass sich diese beiden Künstler auf Augenhöhe begegnen. Während Koh das Ambiente einer Performance mit einer Eleganz zu prägen weiß wie derzeit kaum ein anderer, erblüht Gaga in diesem Setting zu einer wahren Diva. Als Koh das Medley kurz mit seinem Gekeuche unterbricht, tadelt sie ihn verschmitzt-liebkosend: »I don’t understand a word that you’re singin, Gaga Koh.« Umgekehrt war es, als Lady Gaga Anfang 2010 in Terence Kohs Internetfernsehsendung zu Gast war: Die Folge, »88 Pearls« betitelt, ist einmal mehr absurdes Koh-Theater, bei dem aus ihr Lady Koh wird. Der fünfminütige Film greift den chinesischen Mythos der 88 Glücksperlen auf, ist idiosynkratisch bis zum Autismus und natürlich schillernd weiß, das Markenzeichen Kohs. Wobei Weiß sein Schwarz ist, womit er auf asiatische Beerdigungszeremonien verweist, bei denen 14 Tage lang Schwarz getragen wird, bevor sich alle in Weiß umkleiden.
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