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The Kills

Die Bonnie und Clyde des Dirt-Rock

25.03.2011, 15:09, Text: Martin Riemann, Foto: Christoph Voy

Seit zehn Jahren schocken Jamie Hince und Alison Mosshart mit skelettösen Rock-Arrangements samt verruchter Aura. Mit Martin Riemann sprachen sie über das neue Kills-Album »Blood Pressure« und warfen einen Blick zurück im Zorn.

»Ein Leben für den Rock'n'Roll«. Guter Spruch für den Grabstein. Oder auch, um The Kills' Herangehensweise an Musik zu beschreiben. Das amerikanisch-britische Paire terrible, bei dem störrischer Trotz und abgefuckter Glamour genauso zum Konzept gehören wie spärliche Instrumentierung und Lo-Fi-Sound, hat sich mit Haut und Haaren der Künstlerexistenz verschrieben.


Seit sie sich 2003 mit ihrem Debütalbum entschieden, auf der »mean side« - also der fiesen Seite des Lebens - zu bleiben, haben sie mit ihren streng abgesteckten Duo-Möglichkeiten ein Soundmonster zusammengebastelt, das an Suggestivkraft im kontemporären Rock seinesgleichen sucht. Der Brite Jamie Hince ist dabei über die Jahre ein Meister der Akzentuierung geworden, die Stimme der Amerikanerin Alison Mosshart sprengt mittlerweile mit großen Popgesten und Chanson-Anleihen die Grenzen des Genres.

Outlaws durch und durch

Zwei Topleute des Rockbiz also, die da grade auf der Karl-Liebknecht-Straße in Berlin ihre Koffer aus dem Taxi laden. Schon von Weitem kann ich Hince' nackte Brust sehen, die trotz Minusgraden nur symbolisch von einem dünnen Schal umhüllt wird. Auch der Rest ist eher sommerlich - ein grau schimmerndes Jackett, etwas zu eng, klar, dazu eine ebenso tighte Hose und Stiefeletten, beide ebenfalls in Grautönen. Die Frisur erinnert an einen ungekämmten Schuljungen. Mosshart trägt Pelz, also Kunstpelz, in Form einer hellbraunen Jacke, etwas zu kurz, sowie enge schwarze Hosen und Creeps im Raubtierlook. Ihre Koffer tragen die beiden die vielen Stufen zum Interviewort selbst hoch.

Als ich sie kurze Zeit später treffe, ist Hince schon beschäftigt. Sorgfältig bekrickelt er allerlei Fotos mit einem Bleistift. Selbst aus circa einem Meter Entfernung ist schwer zu erkennen, was er da eigentlich hinmalt, aber er tut es mit Hingabe. Und der riesige Stapel an Bildern lässt vermuten, dass er noch einiges vorhat. Ein paar altmodische Anatomiebücher hat er auch mitgebracht. Zeichnungen von gehäuteten Menschen gefallen ihm offensichtlich. Mosshart stehen nur ihr Terminkalender und eine Illustrierte als Ablenkung zur Verfügung.

Die Art, wie Hince redet und dabei in seinem Stuhl hängt, erinnert stark an den Habitus von Figuren, wie man sie aus Gangsterfilmen der 1930er kennt. Den Kills ist ihre Affinität zu berüchtigten Outlaws merkbar in jede Körperfaser gedrungen. Doch die ostentative Reserviertheit ist nur Vorsichtsmaßnahme. Das Duo ist von seinem Bild in den Medien nicht gerade begeistert und setzt auf kritische Distanz. Hince' anstehende Prominenten-Hochzeit hat die Sache bestimmt nicht besser gemacht. Es ist auch heute nur eine Frage der Zeit, bis irgendein Idiot die Moss-Frage stellt, und Jamie glüht insofern schon mal vor. Sobald es um Musik geht, sind beide allerdings kooperativ.

Nerds, Let's Talk About Music

Hince zeigt sich sogar so auskunftsfreudig, dass er Mosshart kaum zu Wort kommen lässt. Die nimmt das dominierende Verhalten ihres Kollegen jedoch gelassen. Ihre Stimme steht ja sonst im Vordergrund. Auch gibt sie offen zu, dass ihre Lieder erst durch Hince' geniales Händchen zu wahrer Größe gereichen würden. »Ich schreibe die Lieder auf der Gitarre, aber ich kann nicht sehr gut spielen, also hilft mir Jamie dabei, die Musik richtig großartig werden zu lassen.«

Wenn Hince über seine Musik spricht, ist er Freak aus Leidenschaft. Liebend gerne bastelt er endlos lange am Sound rum, probiert, verwirft und fängt wieder neu an. Das sei sicherlich alles eine schwere Geduldsprobe für Mosshart, befürchtet er. Wobei sie abwinkt. Immerhin teilt sie seine Begeisterung für obskure Geräte und Instrumente wie Tape-Echo-Maschinen (»Die machen den Sound so schön eirig«). Ganz besonders hat es Hince ein Spielzeugkeyboard namens Optigan angetan. »Das ist ein altes Keyboard aus den 1960ern, das von der Spielzeugfirma Mattel hergestellt wurde«, schwärmt er.



Fortsetzung auf der nächsten Seite...


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aus Intro #191 (April 2011)
 
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