Parry Gripp - Katzenmusik Artikelbild (groß)

Parry Gripp

Katzenmusik

07.02.2011, 10:09, Text: Felix Scharlau, Foto: Andreas Klammt

Das Internet hat der Popmusik unwiederbringlich seine Gesetze aufgedrückt. Doch kaum eine Band ändert ihre Spielgewohnheiten und schlägt ästhetisch zurück. Parry Gripp, der jede Woche einen Miniatur-Hit über Sandwiches, Schimpansen oder Kätzchen ins Netz stellt, schon. Obwohl die halbe Welt seine Songs hört, rufen bei dem Orchideen-Züchter aus Santa Barbara dennoch nie Musikmagazine an. Warum eigentlich nicht, fragt sich Felix Scharlau.

Michael Moore, der schwer berühmte und mindestens genauso umstrittene Dokumentarfilmer, lässt sich Zeit. Mithilfe einer zähen Montage alter Kostümfilme inszeniert Moore in "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" die antike römische Gesellschaft als kultiviert und modern. Dann, endlich, wendet sich seine Stimme aus dem Off süffisant an den Zuschauer: "Ich frage mich, wie künftige Zivilisationen unsere Gesellschaft sehen werden. Denken Sie spontan an das?" Nach einem harten Schnitt folgen verwackelte Videoaufnahmen von Hauskatzen.

Mit der Pfote betätigen sie Klospülungen und starren anschließend irritiert dem Wasser nach, das durch die Schüssel davonrauscht. Markant an der Szene ist der vergnügte Song, der zu den Bildern erklingt. Zu einem Gutteil scheint er es zu sein, den Michael Moore hier als den Schwachsinns-Nukleus der westlichen Zivilisation markieren will. In dem Neo-Fun-Punk-Song singt eine hochgepitchte Mickey-Mouse-Männerstimme:

"He does not care
If he's wasting water
He likes to pull the handle
And watch the water go down
He's a cat (miau!) flushing the toilet."


Es ist die Stimme von Parry Gripp.

Eine Karriere, die es nie gab, geht zu Ende

Parry Gripp, 43 Jahre alt und Zeit seines Lebens Bewohner des wohlhabenden, von der Sonne verwöhnten Küstenstädtchens Santa Barbara, wirkt ein bisschen stolz über die Verwendung seines Songs in dem Michael-Moore-Film. Betonung auf: ein bisschen. Gripp mag Michael Moore eigentlich. Die Szene und den ganzen Film, sagt er, habe er sich aber trotzdem nie angeschaut. Vielmehr freue ihn etwas anderes: "Das wirklich Interessante an 'Cat Flushing A Toilet' war für mich, dass der rechtskonservative Talkshow-Moderator Bill O'Reilly, der in den USA berühmt ist und das exakte Gegenteil von Michael Moore darstellt, das gleiche Video in seiner Sendung vorgestellt hat.

Auch er betonte, wie dumm man sein müsse, um sich so was anzuschauen. Das hat mir wahnsinnig geschmeichelt - zu sehen, wie zwei Männer, die in nichts einer Meinung sind, darin einer Meinung sind, wie verblödet mein Song ist. Parry Gripp freut sich, wenn seine Songs Kontroversen auslösen. Auch, weil er weiß, wie es ist, wenn die eigene Musik wenig mediale Aufmerksamkeit hervorruft.

Parry Gripp, der mit bürgerlichem Namen wirklich so heißt, kam nicht wie die Jungfrau zum Kinde zu seinem YouTube-Songwriter-Ruhm mit achtstelligen Zugriffszahlen auf einzelne Song-Uploads. Als Sänger und Gitarrist der hierzulande höchstens leidlich bekannten Punkband Nerf Herder versuchte er ab 1994 zunächst ganz konventionell, Musik zu schreiben, die haften bleibt. Im Gegensatz zu stilistisch verwandten Bands wie Weezer, Blink 182 oder der Bloodhound Gang blieb ihm der große Durchbruch aber versagt. Nerf Herder lösten sich 2003 auf. Ihr humorvoller "Can't Get A Date"-Punk (Eigenbeschreibung) blieb - abgesehen von ihrem Titelstück zur TV-Hitserie "Buffy" - etwas für Eingeweihte.



Heute existiert die Band lediglich als eine Art Hobby wieder.
"Wir hatten damals ein Label, haben Musikvideos produziert. Aber irgendwann wurde sehr deutlich, dass ich nie davon würde leben können", erinnert sich Gripp. "Also habe ich mit der Musik aufgehört, um in unserem Betrieb zu arbeiten - meiner Familie gehört eine Pflanzenschule hier in Santa Barbara. Eine Art Orchideen-Farm. Ich war gerade dabei, mein gesamtes Musik-Equipment zu verkaufen, als diese E-Mail kam."

Eine Flucht aus dem Knast namens Liebeslied

Parry Gripps Sinnkrise löste 2003 jedoch nicht nur finanzielle Nöte aus. Er sah auch als Songwriter inhaltlich keine Perspektiven mehr. Die Pop-Etikette, die vorsieht, dass Songs zu circa 95 Prozent von Liebe oder Herzschmerz zu handeln haben, obwohl nur ein geringer Teil des alltäglichen Lebens damit zusammenhängt, war schon zu Nerf-Herder-Zeiten nichts für ihn.

"Bei mir war es genau wie bei Schauspielern. Da gibt es die Typen, die gute Comedians sind, und da gibt es die eher ernsten Schauspielertypen. Deren Karrieremöglichkeiten werden oft schon alleine durch das Aussehen bestimmt. Ich habe am Anfang meiner Bandkarriere versucht, ernste Songs zu schreiben, dann aber feststellen müssen, dass ich von den Leuten paradoxerweise viel ernster genommen werde, wenn ich witzige Songs schreibe."

Doch auch der Weg des ironisch gebrochenen 3-Minuten-30-Songs schien ihm nun, 2003, kaum noch gangbar. Dann kam besagte E-Mail. Ein Bekannter fragte Gripp darin, ob er sich vorstellen könne, einen halbminütigen Werbesong zu schreiben. Thema: eine neue tiefgefrorene Waffelart. Innerhalb weniger Tage entstand das nach Buzzcocks oder Ramones klingende, beklemmend eingängige "Do You Like Waffles?". Der Song dauert exakt 31 Sekunden.

Ein Song pro Woche - bis 2018

Schon "Do You Like Waffles?", der erste von Hunderten Parry-Gripp-Songs nach dem immer gleichen Muster (1. unter einer Minute Länge, 2. eingängig, 3. einfaches Thema, 4. jeder erdenkliche Musikstil herzlich willkommen), brachte die erste Kontroverse: Der Songwriter war davon begeistert, die Werbefirma wollte ihn nicht. Folge: Der Song fand nie in einer Werbung Verwendung. Gripp war das damals schnell egal - und ist es heute erst recht: "Do You Like Waffles?" hat wie etliche seiner Songs mittlerweile fast 10.000.000 Zugriffe alleine auf YouTube.



"Mir gefiel das Song-Format damals auf Anhieb", erinnert sich Gripp an seine ersten Versuche im heimischen Schlafzimmer-Studio in Riechnähe zu seinen Orchideen. "Kurze Stücke, die ich meinen Freunden zum Spaß schicken konnte. Ich habe dann einige mehr aufgenommen, und mit der Zeit entwickelte sich eine Art Karriere daraus."
Zunächst schrieb Gripp zahllose Werbesongs zu fiktiven Produkten - ungefähr einen pro Woche -, die 2005 im Album "For Those About To Shop We Salute You" mündeten. 2008 griff er die Idee, einen Song pro Woche zu schreiben, wieder auf.

Jetzt stellte Gripp die Songs allerdings, häufig begleitet von selbst gemachten Videos, auch wöchentlich gratis online und verkaufte sie parallel über iTunes. Sein Durchbruch in der digitalen Welt, von dem er mittlerweile leben kann. Mit regelmäßigen Aussetzern hält Gripp seinen ungewöhnlichen Wochen-Rhythmus seitdem durch. Wenn es nach ihm geht, insgesamt über zehn Jahre. Bis 2018.

"Früher", erinnert sich Gripp sichtlich glücklich, "war es immer ermüdend, Songs zu schreiben, weil jeder besonders gut und möglichst einfallsreich daherkommen sollte. Bei einem Song pro Woche kann ich stattdessen heute sagen: 'Der Song ist nicht ganz so toll, aber hey, der nächste Woche wird bestimmt besser.'"

Die Songs von Parry Gripp haben sich seit einiger Zeit thematisch gefunden. Gripp singt vor allem über Essen und sein Lieblingsthema Tiere. Häufig lässt er sich zu seinen Songs von YouTube-Videos wie jenen inspirieren, in denen Besitzer ihre Katzen dabei filmen, wie sie Toilettenspülungen bedienen. Oder dem, in dem Hunde mit Schachteln über dem Kopf durchs Zimmer irren.

Oder dem mit dem Hamster, der Klavier spielt. Oder ... "Tiere eignen sich, weil sie unpolitisch, alltäglich und total positiv besetzt sind", erklärt Gripp den Erfolg seiner Songs im Netz. "Beim Thema Essen verhält es sich ganz genauso, deshalb sind das wohl auch meine beiden Leitmotive."

Längst ist Parry Gripp zu einem Kuschel-Seismografen geworden, der die niedlichsten Hypes im jugendfreien Netz kommentiert, multipliziert oder sogar erst anschiebt. Wie im Fall des deutschen WM-Kraken Paul ("Paul the octopus / You pick a winner / While you eat your dinner") wird er mittlerweile aber auch mit Fan-E-Mails bombardiert und genötigt, gezielt Songs zu schreiben.

"Paul war auch hier in den USA schon sehr berühmt. Dennoch habe ich den Hinweis dankend angenommen, weil man ja bei einem Song pro Woche immer auf der Suche nach Ideen ist. Die Reaktionen auf den Song und den Kraken waren übrigens sehr außergewöhnlich. Die Leute liebten ihn oder hassten ihn. Extrem auffällig, was dieser kleine Krake mit den Menschen anstellte."

Zwischen Banalisierung und Weltruhm

Keine Frage: Parry Gripps Songs wirken entwaffnend, vielleicht naiv. Sie werden die Welt schwerlich verändern. Aber welche Songs tun das schon? Immerhin sind seine Stücke in erschreckender Regelmäßigkeit bereits nach 30 Sekunden gemeingefährliche Ohrwürmer, veritable Hits. Außerhalb des Internets finden sie und sein Erschaffer trotzdem nicht statt. Zu ungewohnt oder künstlerisch irrelevant erscheinen Musikmedien offenbar die kurzen Songs.

Ihr zugrunde liegender Veröffentlichungsrhythmus, der ohne regelmäßige Alben, Tourneen (und entsprechende Promotion) auskommt, die kindliche Inszenierung zwischen Die Ärzte und Outsider Art tun ihr Übriges. Medial ist Parry Gripp eine Persona non grata. An Reichweite oder Fans mangelt es Parry Gripp trotzdem nicht.

Einige seiner Videos, wie der Ohrwurmfluch "Nom Nom Nom Nom Nom Nom Nom", haben 12 Millionen Views auf YouTube. Zwar nur ein Drittel von Lady Gagas "Telephone" - aber dreimal so viel wie das letzte Revolverheld-Video. Nicht wirklich schlecht für einen Song, über den niemand schreibt und in dem nur eine Silbe gesungen wird.



Parry Gripp kennt die Vorurteile gegen seine Musik zur Genüge, hat aber kein Problem damit. "Ich bekomme oft Mails, in denen mir Leute Dinge schreiben wie: 'Ich mag deine Musik total gerne. Weißt du was? Du solltest mal richtige Musik machen!'"
Richtige Musik, das heißt Albummusik und nicht zuletzt: Songs, die drei, vier Minuten gehen. Aber warum eigentlich? In den 60ern lag die landläufige Single-Länge zwischen zwei und drei Minuten, danach stieg sie bis in die Achtziger stetig an.

Und heute? Heute organisieren Jugendliche mit breit gefächertem Medien-Nutzungsverhalten, kleinerer -Verweildauer und angeblich immer geringerer Aufmerksamkeitsspanne ihre Lieblingssongs in Playlists. Oder sie klicken Dutzende Links in der Stunde, die schnell überzeugen müssen. Ist Gripps Häppchen-Musikansatz da nicht sogar eher zukunftsweisend?

"Mir schreiben viele Leute, die ausdrücklich mein kurzes Songformat loben und es tatsächlich als alternative Form des längeren, auch massiv formatierten Radio-Popsongs akzeptieren. Meine Songs werden, weil sie nur ein Drittel so lang sind wie ein normaler Song, oft einfach dreimal hintereinander gehört."

Bei witziger Musik hört der Spaß auf

Eine weitere markante Kluft zwischen Gripp und dem "richtigen" Musiker, dem die Hoheit für die Vermittlung echter Gefühle alleinig zu gehören scheint, macht der subtile Witz in Gripps Musik aus. Mit Szenegrößen wie Weird Al Yankovic oder Tenacious D ist der aber kaum zu vergleichen.

"In meinen Songs geht es eher um Absurditäten, um Lächerlichkeiten, aber nie um die klassische Humorpointe oder das Schenkelklopfen. Ich möchte, dass in meinen Songs ein ernsthaftes Äußeres, also Sound und Pathos des Liedes, auf einen lächerlichen Textinhalt trifft. Nur an dem Kontrast entsteht das, was die Leute dazu bewegt, zu sagen, meine Musik sei witzig."

Eine Ballade wie "Pile Of Kittens" macht das deutlich. Die äußere Form des Liedes rührt zu Tränen, aber textlich handelt der Song lediglich davon, dass sich der Ich-Erzähler "Berge von Katzen" erträumt. Viele Musikhörer dürften sich von der Magie dieser Musik unterschwellig verarscht fühlen - darf dieses Liedchen das Gleiche in mir auslösen wie ein Lied von Elliott Smith oder Arcade Fire?



Parry Gripp liebt dieses Versteckspiel hinter bunten Fassaden und kultiviert seinen Außenseiter-Status. Welchen Wert hätte es heutzutage auch schon, "richtiger" Musiker zu sein? Solange er es sich leisten kann, wird er im Schlafzimmer-Studio weiter Songs aufnehmen. Und wenn das Geld mal nicht mehr reichen sollte, wird er den von der Sonne beschienenen Hof überqueren und wieder im Orchideen-Zuchthaus arbeiten.

"Das ist das Gute an Familienbetrieben", weiß Parry Gripp. "Man kann immer wieder dorthin zurück, und sie können einen nicht feuern."

- Song Of The Week: (Fast) jeden Montag neu auf www.parrygripp.com / Voraussichtlich bald im Handel: "Pet Sounds" (Oglio Records)

Fan werden? Anmelden oder einloggen!



Artikel kommentieren
aus Intro #189 (Februar 2011)
 
  • Mehr Infos

  •  
Parry Gripp
Intro.de Künstlerseite von Parry Gripp
Alle Artikel von Felix Scharlau
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
 

INTRO-TV

Intro #211 - Video: Die Produktionsnacht

Intro #211

Video: Die Produktionsnacht
... mehr

 

Platten vor Gericht: Highlights

Platten vor Gericht: Highlights

Die wichtigsten Alben des Monats - und die härteste Jury der Welt. Jetzt mitmachen! [...mehr].

 
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]