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Salem

Welcome White Trash

02.12.2010, 15:59, Text: Thomas Venker, Foto: Jonathan Forsythe

»Du bist Deutscher, nicht wahr?« ruft mich Jack Donoghue überraschend auf Deutsch an den Tisch der Band rüber. Die drei genehmigen sich die erste Bloody Mary des Tages, es könnte auch bereits die zweite sein, so, wie sie mir dabei zuzwinkern.

Er sei auf eine Waldorfschule gegangen, berichtet Donoghue. Dann ist aber auch schon Schluss mit seinen Deutschkenntnissen. Dafür reißt der Verlobte von Heather Marlatt, der die Band auf Schritt und Tritt begleitet und mit seinem Look aus Andre-Agassi-Perücke und Johnny-Depp-Piratenlook verdächtig nach Parkplatzwächter aussieht, das Gespräch erst mal an sich.Er liest gerade Roberto Bolanos Buch »2666« und möchte wissen, ob der Name des im Zentrum der Geschichte stehenden Schriftstellers Benno von Archimboldi typisch deutsch sei. Nun ja, was ist schon genuin bei einer Nation, die sich in der Vergangenheit leider nicht oft in ihren Grenzen zufrieden zeigte, gebe ich zu verstehen. Die Band schweigt. Dann lacht sie.


Man kann sich ja nicht ganz frei machen von Erwartungen. So sehr man sich gerne als weltoffenen Menschen sehen möchte, der nicht mit Vorurteilen hantiert, so sehr ist man doch in diesem Koordinatensystem aus transportiertem Halbwissen und Meinungen gefangen. Dementsprechend sind Salem also solide kaputte Typen, die sich mit Drogen vollpumpen und außer White Trash nicht viel zu bieten haben - ähm, und natürlich das spannendste Debütalbum des Jahres.

Stattdessen sitzen plötzlich drei belesene Mittzwanziger vor einem, die allesamt aus mittelständischen Familien stammen. Aufgewachsen sind sie alle am Lake Michigan, erzählt Jack mit einem Grinsen im Gesicht, das eine Pointe erahnen lässt. Und so ist es: Während er in Chicago mit den Lehren von Waldorfschulen-Gründer Rudolf Steiner groß wurde, wuchsen Heather und John in Traverse City (ca. sechs Stunden entfernt an der nordöstlichen Küste des Sees) auf. Beide gingen auf eine künstlerisch ausgerichtete Schule, an der Johns Eltern, Musiker, unterrichteten. Dass John aus diesem Milieu ausbrach und sich in Drogen und Beschaffungsprostitution verlor, habe dann auch weniger mit den Eltern als eher mit dem hoffnungslosen Hinterwaldleben zu tun gehabt. Die alte Suche nach dem Teenage Kick. Es hatte sich dann aber auch bald ausgekickt, bilanziert er diese Lebensphase von zwei Jahren. Salem sei reizvoller als jegliche aufgelöste Substanz in den Adern gewesen. Als ob beides nicht auch zusammenhinge.

Aber gut, die Band will sowieso lieber über ihre Musik reden. Ihr Privatleben ginge nicht nur niemanden was an, sagt Heather, es sei auch nicht so spannend. »Wen interessiert es schon, dass ich mir ein Haus in den Wäldern von Traverse City gekauft habe«, wirft John ein, der mittlerweile nicht nur seinen Frieden mit Wald, Tieren und Stille gemacht hat, sondern diese Dreieinigkeit geradezu braucht.

Also die Musik. Wer denkt, diese entstände in rabenschwarzer Nacht, der ist wie so oft bei Salem dem Klischee verfallen. Klingt halt immer schön romantisch. In Wahrheit haben wir es mit drei Pragmatikern zu tun, die immer und überall loslegen können. So asozial sie sich anderen Bands und überhaupt Menschen gegenüber sehen, so gebondet sind sie als Trio. An dieser Stelle wirft Jack ein, dass seine Mutter ihn gestern wegen eines Interviews angerufen habe, in dem stand, ihre Musik sei ein Hybrid aus Shoegazer und Südstaatenrap. »Sie meinte ganz trocken: Das passt zu dir, du nimmst dir, was dir gefällt, und machst daraus, was du willst.« So schön das auch klänge, sei es aber nur die halbe Wahrheit: »Es war keine bewusste Entscheidung. Zum Beispiel die Raps: Es ist nicht so, dass ich in die Rapwelt rein will, ich spürte nur keine Scheu, als ein Song danach verlangte.«

Salem scheren sich einen Dreck um die an den Sounds klebenden Identitäten und Szenen. Da, wo sie herkommen, habe es so was wie eine Szene nie gegeben. Insofern verbieten sie sich auch die Frage nach berechnendem Stil und Outfits. Statt des düsteren Kreuzes auf dem Cover hätte es auch eine weiße Blume werden können, und auf die Bühne gehe man immer genau so, wie man eh rumschlurfen würde. Das stimmt: Heather trägt Baseballklamotten, John an The xx und andere Neo-Gruft-Acts erinnernde Farbtreue, und Jack sieht aus, als wolle er gerade für »Miami Vice« vorsprechen, weiß diese ästhetische Unmöglichkeit aber selbstbewusst nach außen zu tragen: »Wir machen nichts, wo man uns beim Ausrutschen erwischen kann. Wir stellen kein Image aus, das man abfucken kann, indem man hinter den Kulissen ganz anders ist. Wir sind ehrlich. Nicht subversiv oder so was.« Und Heather ergänzt, besoffen vom eigenen Pathos: »Wir sind wir. Wir reden eh wenig über Dinge. Es gibt da einen hohen Grad an Übereinstimmung. Und wir werden uns ganz sicher durch nichts ändern lassen.«

Salem - »King Night« (Sony) VÖ: 28.09.2010

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aus Intro #188 (Dez 2010/Jan 2011)
 
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