Sufjan Stevens
Gefangen im Superlativ
12.11.2010, 14:43, Text:
Felix Scharlau, Foto: Felix Scharlau
Ende 2009: Sufjan Stevens, der vielleicht wichtigste Songwriter des neuen Jahrtausends, denkt darüber nach, keine Platten mehr zu machen. Ende 2010: Sufjan Stevens veröffentlicht neue Songs mit einer Gesamtlänge von über zwei Stunden. Nur die Spitze des Eisbergs, wie er im Intro-Interview erstmals einräumt. Felix Scharlau traf das getriebene Genie in New York und bekam endlich auch eine Antwort auf die nahe liegende Frage: Sufjan, warum all der Druck?
In der Spüle stapeln sich Teller. Auf dem Boden liegen Plastiktüten, Werkzeug und Baumaterial, daneben stellt ein vollgestopftes Regal mit Kartons die Wand zu. Auf den Kartons steht schlampig etwas mit Edding geschrieben: „Michigan“ und „Illinois“ lassen sich mühsam entziffern, der Rest ist unlesbar.
Wer in den letzten zehn Jahren auch nur ein Mal einen nordamerikanischen Musikblog geklickt hat, ahnt bereits: Diese New Yorker Räume hat kein Kleinverlag für Reiseführer angemietet. Hier residiert Sufjan Stevens. Jener Sufjan, der mit der Schnapsidee, zu jedem US-Bundesstaat ein Konzeptalbum schreiben zu wollen, Mitte des letzten Jahrzehnts zum Indie-Folk-Star wurde.
Das mit den Räumen ist übrigens nur halb richtig: Offiziell handelt es sich bei dem Brooklyner 50-Quadratmeter-Apartment mit bester Skyline-Sicht zwar um das New-York-Büro von Asthmatic Kitty, Sufjans Plattenlabel. Jenseits von eBay oder Online-Banking sind hier die letzten Jahre aber garantiert keine Geschäfte getätigt worden. Der Hauptraum vor mir beinhaltet einen Flügel, Amps, ein Mini-Studio und, wie vor einer Manhattan-Fototapete stehend: Sufjan Stevens.
Kein Bock, kein Staat
Es ist Anfang Oktober, und Sufjan ist im Stress. In wenigen Tagen erscheint sein neues Album "The Age Of Adz" - vor wenigen Tagen veröffentlichte er die EP "All Delighted People". Und in etwas mehr als einer Woche beginnt eine längere US-Tour. Für die hat er mal wieder seine Band zusammengetrommelt. Es gilt, die wie üblich fast alleine aufgenommene neue Musik in ein gemeinschaftliches Live-Set zu überführen.
Mittlerweile fährt man Doppelschichten: Sufjan probt heute mit drei Backgroundsängern in seinem "Büro", parallel müht sich der Rest der Band einige Meilen weiter im richtigen Proberaum alleine an den komplexen elektronischen Stücken von "The Age Of Adz" ab. Mit bescheidenem Erfolg. "Es läuft nicht richtig", wird Sufjan zugeben, als wir alleine sind.
Jetzt sagt er zu den zwei Sängerinnen und dem Sänger, die mit Notenblättern in der Hand vor ihm auf Klappstühlen sitzen: "Danke! Euer Job für die nächsten zwei Stunden wird sein, euch all das zu merken." Sie gehen. Nicht, ohne mir, von Sufjan unbemerkt, zuzuraunen: "Nimm's nicht persönlich, dass er dich warten lässt. Das macht er immer, ist so ein Control-Freak-Ding." Und: "Pass auf, er hat sehr schlechte Laune."
Von der ist kurz darauf nichts mehr zu spüren. Sufjan sieht müde aus, zeigt aber schnell, was ihn zu einem so außergewöhnlichen Songwriter und Komponisten macht: ein messerscharfer Verstand, die ständige selbstkritische Reflexion der eigenen Arbeit, der Druck, jede Song-"Prüfung", wie er es formuliert, zu bestehen - und ein hohes Maß an Wankelmut.
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