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20 Jahre City Slang

Label-Chef im Interview: Gimme Indierock!

28.10.2010, 14:56, Text: Thomas Venker

Unser deutsches Indie-Lieblingslabel wird 20 Jahre alt. Wie hat Labelmogul Christof Ellinghaus das nur geschafft? Thomas Venker hat nachgefragt. Als Bonus besprechen elf Intro-Autoren ihre Lieblingsplatte aus dem Hause City Slang.

Christof, City Slang galt lange als reines Lizenzlabel. Inwieweit hat sich das Lizenzieren denn seit den Anfangstagen verändert?
Ach Gott, eigentlich nicht groß. Es ist höchstens ein wenig schwieriger geworden. Früher war es kein Problem, eine Platte von Touch And Go, Matador oder Sub Pop zu lizenzieren. Heute haben die ihre europäischen Offices in London, die das für sie steuern sollen. Da hat so eine Art Miniglobalisierung stattgefunden.


City Slang war ja lange autark, irgendwann entstanden Bündnisse wie zuerst Labels und heute Cooperative Music. Geht es ohne nicht mehr?
Doch, es geht. City Slang ist z. B. neuerdings nicht mehr Teil eines solchen Verbundes. Das ist nur die eine Möglichkeit, sich mit solch einem Partner im Markt zu bewegen, es gibt genügend Beispiele wie Domino und Beggars Banquet, dass es auch anders geht.



Zuletzt gab es auch bemerkenswerte Eigensignings wie Get Well Soon und Norman Palm. Einfach, weil die Typen da waren und es sein musste, oder ist das auch eine notwendige Flankierungsstrategie, da beim reinen Lizenzgeschäft einfach zu wenig hängen bleibt?
Da steckt keine besondere Strategie dahinter, von wegen "weg vom Lizenzieren und hin zu den Eigengewächsen". Wir wollen immer die Platten herausbringen, die uns besonders gut gefallen. Ob das jetzt deutsche Talente wie Konstantin Gropper und Norman Palm sind, eine Band aus Südafrika oder ein kanadischer Matheprofessor in London.




Einen angegliederten Verlag gibt es zwar nicht, aber auch City Slang hat mittlerweile wieder eine Bookingabteilung. Ist das nur Notwendigkeit, oder siehst du da jetzt, wo das schon einige Zeit läuft, auch einen kreativen Effekt, einfach, da man so mit mehr Künstlern Kontakt hat?
Na klar gibt es einen angegliederten Verlag. Er heißt Ceuso (das stand auf der Flasche Wein, die mich da mal anstarrte). Wir versuchen so viele Autoren wie möglich zu verlegen, mit denen wir auch Platten machen. Das geht bei Get Well Soon los und hört bei Dear Reader noch lange nicht auf.

Die Entscheidung, das alte Booking-Schlachtschiff Sweatshop wiederzubeleben, hing mit mehreren Faktoren zusammen: 1.) Man benötigt die richtige Person dazu - und die gab es mit Severin Most, der das ganz hervorragend macht. 2.) Es gibt immer wieder Bands, die haben noch keine Agentur, und da immer wieder zu irgendwelchen anstrengenden britischen Agenturen zu rennen, um sie unterzubringen, das war mir irgendwann zu mühsam.

Zudem hat sich das Geschäft fast abgekoppelt vom Plattenmachen per se. Will sagen: Die großen UK-Agenten reißen da gerne mal einfach ihren Streifen runter und kooperieren äußerst ungern mit der Plattenfirma. Was eigentlich dumm ist, weil alle an einem Strang ziehen sollten. Mit einer Inhouse-Agentur haben wir das Problem nicht und können viel besser agieren und unsere eigene Strategie entwickeln. Gerade in den Anfangstagen eines Künstleraufbaus ist es wichtig, dass alle zusammen arbeiten.

Anekdoten. Immer gerne eingeklagt. Wenn du 20 Jahre verdichten musst auf den einen Moment: Welcher wäre es?
Boa, das ist schwer. Das Schöne an dem Beruf sind ja gerade die vielen tollen Momente, die man da so erleben kann. Das erste Mal zufällig Arcade Fire in einem Kleinstclub in New York vor 150 Leuten zu sehen und es einfach nicht fassen zu können, das war so einer. Oder das allererste Mal eine Platte in den Charts zu haben, auch wenn ich nicht mal mehr weiß, welche das war. Hole?

Manchmal liegt man ja auch so dramatisch daneben. Ich habe z. B. gedacht, dass mir das erste Tortoise-Album kein Mensch abnimmt. Dann zu erleben, wie die Platte in UK und auch in Deutschland mit offenen Ohren und Armen empfangen wird, das war ziemlich super. Oder die Anfangstage mit Calexico: Die hatten mir ein Demotape geschickt, daraufhin hatte ich das Projekt eigentlich schon abgeschrieben.

Dann gehen sie ins Studio und kommen mit einem kleinen Meisterwerk namens "The Black Light" wieder heraus. Das hat uns alle von den Socken gerissen. Es gibt unzählige dieser kleinen schönen Momente. Und dann gibt es auch die unschönen. Die, wenn man plötzlich feststellt, dass sich das alles nicht rechnet, dass man sich finanziell sehenden Auges in den Ruin begibt. Und dann kommt doch eine Platte und reißt es alles wieder raus. Das gab es 1995 genauso wie noch 2010. Eine ständige Gratwanderung.

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aus Intro #187 (November 2010)
 
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