Arcade Fire / Stars / Plants And Animals
Die Unberechenbaren aus dem Norden
16.08.2010, 14:42, Text:
Lutz Happel, Foto: Eric Kayne
Bei Pop aus dem Musikbiotop Montreal darf man auch fünf Jahre nach dem Hype ruhig noch Hurra schreien. Sagt Lutz Happel. Und der muss es wissen, hat er doch nicht nur die neuen Alben von Arcade Fire, Stars und Plants And Animals gehört, sondern auch die Protagonisten zum Update getroffen.
2005 war Montreal plötzlich in aller Munde. Scharen von Musikkritikern übertrafen sich gegenseitig mit Lobeshymnen auf den neuen Hotspot indiesker Popmusik, ganz so, als sei die kanadische 3,3-Millionen-Stadt am St.-Lorenz-Strom vormals musikalisches Brachland gewesen. Dabei gab es dort auch vor dem Hype einiges zu entdecken, ebenso wie die stilistische Vielfalt der Stadt größer ist, als es dieser Zuschnitt erahnen ließ (Stichwort Click-House) – nicht zuletzt durch die kluge staatliche Kulturarbeit. Matthew Woodley von Plants And Animals meint dazu: „Unsere hohen Steuern werden gut genutzt. In den letzten zehn Jahren hat sich bei uns ein sehr schönes Kultur-Ökosystem entwickelt.“ Das Gute dabei: Von der Gefahr, wie einst Seattle unter einem übermächtigen Tag wie Grunge die künstlerische Eigenständigkeit durch zu viel Nachahmung einzubüßen, ist Montreal weit entfernt. Es gibt keine Identität stiftenden musikalischen Gemeinsamkeiten dieser Szene, es sei denn, man zählt den Hang zu Kollaborationen, struktureller Offenheit oder die Weiterentwicklung der eigenen Kunst dazu. Denn nicht ohne Grund sind viele Montrealer wie Arcade Fire oder Broken Social Scene tendenziell kollektivistisch.
Fünf Jahre nach dem Hype hat sich zwar die Brisanz gelegt, nicht aber die Qualität gemindert, wie die neuen Alben von Arcade Fire, Stars und Plants And Animals zeigen.
Arcade Fire „The Suburbs“
Eine ganz ordentliche Erwartungshaltung und höchste Sicherheitsstandards gab es im Vorfeld der Veröffentlichung des dritten Albums von Arcade Fire. Nicht ohne Grund, denn mit „Funeral“ und „Neon Bible“ blickt das Kollektiv um das Songwriter-Ehepaar Win Butler und Régine Chassenge auf zwei ekstatisch rezipierte Alben zurück, mit denen sie so manch glühenden Verehrer mit klingendem Namen (z. B. David Bowie) gewannen. Die Blogs jazzten die Erwartungen zuletzt ins Unendliche. Insofern ist die Frage berechtigt, was sich nach einem new wavigen Meilenstein der in Musik gegossenen Verzweiflung („Funeral“) und einer in einer ehemaligen Kirche aufgenommenen orchestralen Monströsität ohnegleichen („Neon Bible“) noch hinzufügen lässt. Butler selbst beschreibt es so: „Die neue Platte ist viel zurückgenommener. Es ging uns darum, was wir als Band zustande bringen können.“
Herausgekommen sind geschlagene 16 Songs, die im ersten Hördurchgang etwas unscheinbar wirken und sich mit melancholischem Blick um eine langweilige Mittelstandsjugend in der Vorstadt ranken. „Wenn du in den Suburbs aufwächst, dann zählst du die Sekunden, bis du deinen Führerschein kriegst“, so Butler. In Songs gegossen hört sich das so an: „In the suburbs I learned to drive / I learned how to get out of here.“ An anderer Stelle ist von „wasted hours before we knew where to go and what to do“ die Rede. Butler: „Ich lebe jetzt seit zehn Jahren in Montreal, bin aber mit meinem Bruder in Suburbs aufgewachsen. Es ging mir darum, dieses Gefühl in Erinnerung zu rufen, bevor es für immer verloren gegangen wäre. Im Sommer habe ich diese Orte mit Régine besucht, wir fuhren von Houston los, durch Louisiana, eine Art Roadtrip war das.“
Altern, die eigene Jugend, Heimat, die Hoffnung auf ein unverfälschtes Leben. Das ungefähr sind die erstaunlich bodenständigen Themenkomplexe, an denen sich Butler hier abarbeitet. Das geschieht mitunter auf erstaunlich verklärende Art, etwa, wenn er in „We Used To Wait“ über jene handylose Zeit spricht, in der Kommunikation vor allem mit Warten verknüpft war. Dabei scheinen aber nicht nur die Texte in milderes Licht getaucht. Auch die vormals opulente Orchestrierung ist einem etwas konventionelleren Instrumentarium gewichen. Die Bandbreite reicht von dem etwas behäbigen, schunkelnd-folkigen Titeltrack bis zu einem seltsam angepunkten Song namens „Month Of May“. Auf „Funeral“ und „Neon Bible“ gab es ausgewiesene Hits, die in ihrer Großartigkeit aus dem Ganzen eines Albums herausstachen. „Wake Up“ gehört dazu, „No Cars Go“, „Rebellion (Lies)“ oder „Black Wave“. Hits derartigen Kalibers, die sofort kicken, sucht man auf „The Suburbs“ vergebens. Es scheint fast so, als hätten Butler und Co. bewusst die offensichtlichen Reize ihrer Songs ein wenig zurückgenommen, um an Tiefe zu gewinnen. Dieses Album zwingt den Hörer geradezu, es als Ganzes zu begreifen, und es braucht Zeit, um seine Größe zu entfalten. Oderwie Win Butler es in „We Used To Wait“ ausdrückt: „I hope something pure can last.“
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