Tocotronic
Die Stones werden neidisch
08.07.2010, 12:03, Text:
Wolfgang Frömberg, Foto: Jan Timme
Tocotronic haben ganz und gar nicht kapituliert. Mit „Schall und Wahn“ haben sie ein Meisterwerk abgeliefert, das es ihnen selbst zufolge gar nicht geben dürfte. Mal sehen, wie sie live den Widerstand zwischen Bumms und Bi proben!
Das Tocotronic-Album „Kapitulation“ war erst mal schwierig zu verdauen. Gerade hatten eine Menge Journalisten Blumfelds „Verbotene Früchte“ gekostet. Und dank der Goldenen Zitronen spukte „Lenin“ durch die Bäuche mehrerer Kritiker. Die Klitschkos würden sagen: „Schwääre Kost!“ Und jetzt noch so ein mit viel Bedeutung aufgeladener Begriff aus der Geschichte der Menschheit als Plattentitel aus dem Triumvirat der Hamburger Schule! Kopf in den Sand stecken, oder was? Nee, die Tocos hatten lediglich ihre eigene Beharrlichkeit mit einem drastischen Kontrapunkt ausgezeichnet. Deutlicher kann man nicht, verzeihen Sie, zwischen den Polen Bumms und Bi oszillieren. Weitermachen und aufgeben!
Nun, die Erde hat sich weiterbewegt, Tocotronic konnten ihre Berlin-Trilogie inzwischen mit „Schall und Wahn“ vervollständigen. Die „Kapitulation“ war eine Position, die sich schnell wechseln ließ. Nun könnte man einwenden, dass neues Material für Toco-Live-Shows eigentlich längst unerheblich sei, weil die Indie-Band par excellence auf ein Reservoir an Hits zurückgreifen könne, das selbst die Rolling Stones neidisch machen würde. Doch gerade die Weiterentwicklung im Studio, die an „Schall und Wahn“ gut zu beobachten ist, garantiert substanzielle Live-Auftritte.
Tocotronic bewegen sich zum Glück zwischen den schalen Nostalgie-Shows mit vertraglich festgelegter Setlist so mancher Neunziger-Jahre-Band auf der einen und dem Breitwand-Gerummse zeitgenössischer Hype-Gruppen auf der anderen Seite. Es geht nicht nur darum, Erwartungen zu erfüllen, sondern auch darum, sie zu enttäuschen – oder sie nach oben zu schrauben. Wir dürfen also gespannt sein, wie sich eine leichte Boshaftigkeit à la „Macht es nicht selbst“, die auch gegen Teile der eigenen Klientel gerichtet zu sein scheint, von der euphorisierten Masse mitsingen lässt. Etwa ironisch distanziert oder aus voller Brust?
Einer der unheimlich-schönsten Songs, die Tocotronic jemals geschrieben haben, ist „Die Folter endet nie“. Mich erinnert er manchmal an den besten Schluss, den ein Romancier jemals für seine Geschichte gewählt hat: So beschrieb Emile Zola am Ende seines im 19. Jahrhundert spielenden Bergarbeiter-Romans „Germinal“ die nach gescheiterter Revolte unter Tage wie zuvor ausgebeuteten Seelen als Samen, deren Keime eines Tages Risse in die Erde treiben würden, um die dort herrschenden Machtverhältnisse zu zerreißen. Dass sich neben dem hochgradig gegenwartsdiagnostischen – und gar nicht so bescheidenen – Glanzstück „Keine Meisterwerke mehr“ mit „Im Zweifel für den Zweifel“ auch das „Going Underground“ der Tocos auf „Schall und Wahn“ befindet, passt dazu wie die Faust aufs Auge. Die Positionen haben sich verschoben, die Ziele nicht. Während man früher „Teil einer Jugendbewegung“ sein wollte, definiert man Subkultur heute wieder vom individualistischen Ausgangspunkt her. Aber, um den besonderen Moment des Erscheinens dieser Ausnahmeband auf dem Melt! 2010 noch mal zu betonen: Wer vor der Unwirklichkeit dieser Tage auf der Flucht ist, flüchte in die kalten Arme der Tocos.
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