Scissor Sisters / Horse Meat Disco - Doll in the Box Artikelbild (groß)

Scissor Sisters / Horse Meat Disco

Doll in the Box

02.07.2010, 13:35, Text: Justus Köhnke

Scissor Sisters, diese bezaubernde vierköpfige Popgruppe aus New York mit hohem Ritalinfaktor, legt endlich ihr drittes Album auf. „Night Work“ ist es betitelt, was auch gut zum intensiven zweiten Mix aus dem Hause „Horse Meat Disco“ gepasst hätte. Kein Geringerer als Justus Köhncke hat sich für Intro nach London aufgemacht, um die Front-Sister Jake Shears und die Horse-Meat-Bärchen zu treffen.
 
Ein neuer Job: Popstar
 
Beginnen wir von vorne: Die Scissor Sisters materialisierten sich im New York der frühen Nullerjahre. Nach dem 11. September war die Stadt „wie ausgetrocknet“, beschreibt Jake Shears die Ausgangssituation für die Bandwerdung. Er, damals Klatschjournalist für das Paper Magazine, brauchte nach 9/11 dringend einen neuen Job. Also bastelte er mit seinem Busen- und Bärenfreund Scott „Babydaddy“ Hoffman in dessen Küche an Musik. Ziemlich erfolgreich, denn schnell präsentierten sie bei einer Cabaret-Nacht im Slipper Room in der Lower East Side ihre Ergebnisse zum ersten Mal live, darunter bereits viele ungeschliffene Diamanten, die es 2004 auf das Debütalbum schaffen sollten. Gastgeberin des Abends war Ana Matronic – mit ihr als Ko-Frontfigur plus Gitarrist Derek „Del Marquis“ Gruen war die Band kurz darauf komplett erschaffen.
 
FDP in gut
 
Die Scissor Sisters verhalten sich zur Welt und zu New York wie Rosenstolz zu Deutschland und Berlin. Rosenstolz funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip: aus einem Kleinkunst-Universum qua Schufterei ins Rampenlicht. Das sind schöne, wirkliche Wurzeln, nicht so netzgetriebene Strohfeuer. Idee und Basisarbeit, ein gerüttelt Maß Schicksal plus ganz viel Ehrgeiz. Sozusagen FDP in gut.
Eine Statistik hat ergeben, dass jeder zweite Brite ein Album besitzt. Und England ist auch der stärkste Markt der Scissor Sisters. Der Weg dorthin war schnell zurückgelegt. 2002 erschien auf dem damals ultrahippen House-Label A Touch Of Class ihr entwaffnendes Pink-Floyd-Cover „Comfortably Numb“. Im Original ein langsamer Filler-Track des generell ultra-unhippen „Wall“-Albums, interpretierten ihn die Scissor Sisters als hysterische Synthpop-Disco-Explosion plus Bee-Gees-Falsetto. Die Maxi detonierte per vehementer Eigenpromo Jakes („Ich wollte unbedingt eine Karriere, weißt du?“) im gleichen Jahr auf dem Sonar in Barcelona. Nachdem u. a. DJs wie Tiga oder Ellen Allien das persönlich überreichte „Comfortably Numb“-Vinyl schwer abgefeiert hatten, war Jake bei der alljährlichen das Festival abschließenden Strandparty im siebten MDMA-Himmel und „fühlte etwas Großes kommen“.




Zu Recht: Universal signte die Band – das selbst produzierte Debütalbum spannte ein Popuniversum und verließ den Clubkontext souverän in Richtung universell/zeitloser Popmusik. Wer sonst bitte schön hat etwas derart Ausgereiftes wie die Monster-Ballade „Mary“ auf seinem Debüt? Auch ich war beeindruckt.
Das Album hatte veritable Hitsingles und – gerade in der Zeit der sterbenden Popvideokultur – schöne und aufsehenerregende Clips. So ist „Mary“ im zugehörigen Clip eine Callcenter-Schindmähre mit Märchenprinz-Tagträumen in Disney-Zeichentrick. Alles, was das schlicht-campe Herz begehrt.
Jake Shears zeigt mir auf mein „Mary“-Lob hin freudig ein farbenfrohes Tattoo auf seinem Unterarm. Frakturschrift mit viel Ornament und ziemlich groß: „M.A.R.Y.“. Ich bin bewegt und kann Bunt auf Haut sehen, wie stolz er auf seine Komposition ist. Stolz auf so eine angenehm unprätentiöse Art. Dazu die passende Schlussepisode unseres Treffens: Als wir nach dem offiziellen Teil des Gesprächs, das am helllichten Tage in der düsteren Basement-Bar-Disco eines Londoner Designerhotels stattgefunden hat, vor das Hotel treten, um eine Marlboro zu rauchen, fahren fünf identische, gigantische, pechschwarze Highend-Nightliner vor. Ich so: „But you’re not playing, are you?“ – „No, that’s the Black Eyed Peas arriving“, gibt er lapidar zur Antwort.

Auf der nächsten Seite: "Dance me till the end of Panoramabar "


1 | 2 | 3 | ... weiterlesen »



Artikel kommentieren
aus Intro #184 (Juli 2010)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

Gruppen


Wir lästern nicht, wir stellen nur fest!!

Wir lästern nicht, wir stellen nur fest!!

guccibrille pradajäckchen uns gehts super!

» Mehr Gruppen