M.I.A.
Hinrichtung & Pop
30.06.2010, 16:58, Text:
Hanno Stecher
Mit ihrem Skandalvideo zu „Born Free“ gibt sich M.I.A. dieser Tage politischer denn je zuvor, gleichzeitig hat sie seit letztem Jahr einen steinreichen Ehemann und tritt für MTV auf. Wie sie das alles unter einen Hut bringt, hat sie Hanno Stecher erzählt.
London, Notting Hill, Headquarter des Labels XL Recordings: Mathangi Arulpragasam, besser bekannt als M.I.A., spielt nervös auf ihrem MacBook herum und guckt ständig auf das Display ihres Handys. Normalerweise gilt sie als jemand, der in Interviews kein Blatt vor den Mund nimmt und sich für kein noch so lautes politisches Statement zu schade ist. Doch heute gibt sie sich scheu, redet fahrig. Grund dafür ist ihr am Tag zuvor erschienener Clip zur Vorabveröffentlichung „Born Free“, ein rohes und verstörendes Stück Videokunst, das Kritiker wie Fans ziemlich genau in der Mitte gespalten hat. Selbst die sonst so toughe M.I.A. scheint ernsthaft von den vielen scharfen Reaktionen auf das Video überrumpelt zu sein. Gerade eben erst hat Videoregisseur Romain Gavras (von dem u. a. auch der nicht minder skandalträchtige Clip zu „Stress“ von Justice stammt) sie angerufen und von Drohanrufen erzählt, die er bekomme. Man hat sich darauf verständigt, so lange nicht öffentlich über das Video zu sprechen, bis sich die Wogen geglättet haben.
„I fight the ones that fight me“
Der Clip zu „Born Free“ zeigt amerikanische Soldaten, die mit roher Gewalt rothaarige junge Männer in einen Bus verfrachten und sie im staubigen Wüstensand blutig hinrichten. Die USA werden hier als repressive, unbarmherzige Macht gezeigt, die ihre Feinde bis zum Äußersten hin jagt und jeden zum potenziellen Verdächtigen macht. Das mag manchem in Zeiten eines Präsidenten Obama recht oldschool vorkommen, entspricht aber zumindest im übertragenen Sinne den Erfahrungen, die M.I.A. zurzeit mit den US-Behörden macht. So erzählt sie gleich zu Beginn des Interviews, dass sie systematisch schikaniert werde, seit sie mit ihrem Mann Ben Brewer, dem ehemaligen Sänger der Band The Exit, und dem gemeinsamen einjährigen Sohn Ikhyd in Los Angeles lebe. Von den USA wird sie nach wie vor für eine potenzielle Bedrohung gehalten: Man beschattet sie und hat ihrer Mutter mehrfach die Einreise verweigert, indem man dieser Probleme bei der Visumvergabe bereitete und wichtige Akten einfach „verlor“. Außerdem habe sie ihr eigenes Visum nur mit Ach und Krach verlängert bekommen.
In einem Interview mit dem englischen NME sagst du, dass deine Songs wie Waffen eingesetzt werden. Ist der Clip zu „Born Free“ eine direkte Antwort auf deine Situation in den USA, auf die Tatsache, dass du dort zwar geduldet, aber als potenzielle Gefahrenquelle wahrgenommen wirst? Ist er auch so eine „Waffe“?
Was du da sagst, stimmt so nicht. Ich habe meine Songs nie als „Waffen“ bezeichnet, im Gegenteil, ich habe in dem Interview gesagt, dass die Regierung einen Mechanismus namens „Sound Cannon“ entwickelt habe, durch den man Menschen von innen her explodieren lassen kann. Es ist also die andere Seite, die ein Interesse daran hat, Musik als Waffe einzusetzen. Ich glaube an Musik als Kunst und als Ausdrucksmittel, als etwas, durch das der Mensch die Welt verstehen lernen kann. Klar ging es mir in dem Interview auch darum zu sagen, dass es wichtig ist, „Gegenmusik“ zu machen. Allerdings wäre es sehr beschränkt, nur direkt die bekämpfen zu wollen, die einen bekämpfen. Es geht doch darum, etwas Besseres zu finden als das, was die Herrschenden machen. Ich will nicht auf dem Niveau von Leuten stehen bleiben, die etwas so Gewaltiges wie Musik benutzen, um andere in die Luft zu jagen.
So, wie die Rothaarigen in dem „Born Free“-Video am Ende in die Luft fliegen?
Ja, so wie im Video. Da sind es allerdings nicht die „Sound Cannons“. Vielleicht hätte ich deutlicher werden müssen, sodass die Leute sagen: „Krass, so eine Waffe gibt es?“ anstatt „Krass, ist das gewalttätig“, wie es jetzt der Fall ist.
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