Wir sind das Folk!
Mumford & Sons und Co.: Die neue Lust am alten Sound
28.06.2010, 15:41, Text:
Mario Lasar,
Thomas Venker,
Christian Steinbrink,
Carsten Schumacher, Foto: Elliott Beaumont
[13 Kommentare]
Ist Folkrock der neue Grunge der 10er-Jahre? Woher kommt die neue Freude an der Nostalgie? Wollen in Zeiten der Weltwirtschaftskrise wieder alle kuscheln? Und was machen die Protagonisten mit all dem Wissen, das seit Punk über uns gekommen ist? Christian Steinbrink, Carsten Schumacher, Thomas Venker und Mario Lasar blicken hinter die Erfolgsgeschichte eines Sounds, der kein Genre sein will.
Mumford & Sons – Mit Liebe und Andacht und Nestwärme
Sie sind die größte Überraschung unter den neuen Folkpopbands des letzten Jahres: Mumford & Sons.
Man kann sagen, wir haben es gewusst: "Sigh No More" "besitzt genügend Potenzial, innerhalb von kurzer Zeit den Erfolg der Fleet Foxes sogar noch zu übertreffen", stand zum Ausgang der Albumkritik in Intro #177 zu lesen. Nun, erfolgreicher als die Fleet Foxes sind Mumford & Sons zumindest hierzulande längst.
Gründe für den regen Zuspruch in der Stimmung ihrer Musik zu suchen ist nicht schwer: Der Folkrock der Londoner ist von einer hymnischen Feierlichkeit, warm klingende Arrangements sind in wunderbar harmonische Songs gegossen, es gibt zwar sanfte Melancholie, aber keine Brüche. Trotzdem war musikalische Güte dieserart in der Vergangenheit noch lange kein Garant für Erfolg, geschweige denn Erfolg dieses Ausmaßes. Ben Lovett, der bei Mumford & Sons Keyboard und Akkordeon spielt, kann auch nichts zur Erklärung beitragen: „Es ist besser, sie nicht zu kennen“, sagt er lachend. "Wir werden auch nicht damit anfangen, unseren kleinen Erfolg zu analysieren."
Wie in solchen Fällen nicht selten reagierte die Presse zunächst zwar wohlwollend, aber keineswegs euphorisch auf "Sigh No More": "Das Album ist ein beeindruckendes Debüt. Es beeindruckt aber mehr durch Aussichten für die Zukunft als durch seine halbgare Gegenwart", bilanzierte etwa der All Music Guide. Pitchfork verriss die Platte mit einer Wertung von 2.1 gleich ganz und unterstellte der Band mehr oder weniger explizit, verkleidete Faker zu sein. Solcherlei Lamento beeindruckte allerdings keinen Fan, der seit dem Release im Oktober letzten Jahres das Album für sich entdeckt hat. Man muss nicht lange suchen, um in Blogs und Foren leidenschaftliche Kommentare à la „Die Schönheit dieses Albums überwältigt. Genau das, was ich auf meinem dunklen Weg zurück brauche“ zu finden, wie die Emphase der Fans überhaupt bei Bands dieses Spektrums deutlich überwältigender ist als normal.
Mumford & Sons befeuern mit ihrer Musik die sinnlichen Adern ihrer Fans so, wie es in den letzten Jahren nur Bands aus dem Spannungsfeld des Emo schafften. Thomas Sarkadi, Produktmanager bei der deutschen Plattenfirma Cooperative Music, hat eine passende Erklärung: "In allererster Linie merken die Leute, dass die Musik von Mumford & Sons mit sehr viel Liebe und Leidenschaft gemacht ist. Die Musiker beherrschen ihre Instrumente perfekt und spielen mit viel Freude energiegeladenen Folkrock – die Leute schätzen ihre erfrischende Unbekümmertheit. Das in Kombination mit den lyrischen Texten und spannenden musikalischen Wendungen scheint den Zuspruch von Mumford & Sons in den Köpfen der Leute auszumachen."
Mit dem Folkrock der späten 1960er haben Mumford & Sons gleichzeitig viel und gar nichts zu tun: Rein klanglich preisen sie zwar den Sound, den etwa Crosby, Stills, Nash & Young prägten, die Protestkultur der alten Riege geht ihnen aber völlig ab. Textlich halten sie sich ganz und gar an Innerlichkeit, und zwar in einer Andächtigkeit, die religiöse Züge trägt. Trotzdem sei "Sigh No More" kein religiöses Album, beteuert die Band. Sie lebt in dem Selbstbewusstsein, eben nicht die scharfe, explizite Musik zu spielen, die als Spitze der Dialektik von Pop gefeiert wird. Mumford & Sons orientieren sich ausschließlich am puren Klang klassischer Harmonien, sie wissen um den Traditionalismus dieser Haltung und können damit gut leben. Womöglich auch, weil sie beim Zitat des Sounds der späten 60er- und frühen 70er-Jahre jeglichen Ballast abschütteln.
Auf der nächsten Seite: Folk – Neues Interesse am alten Sound
1 | 2 | 3 | ... weiterlesen »
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren [13]- Mehr Forumsdiskussionen
Intro 28.06.2010 | 15:41:00
Ist Folkrock der neue Grunge der 10er-Jahre? Woher kommt die neue Freude an der Nostalgie? Wollen in Zeiten der Weltwirtschaftskrise wieder alle kuscheln? Und was machen die Protagonisten mit all dem Wissen, das seit Punk über uns gekommen ist?
de_anna 13.07.2010 | 15:05:08
Kommt dieser Artikel nicht ein paar Monate zu spät ??
broseph 13.07.2010 | 19:44:57
eher ein paar Jahre zu spät...
daisteinlicht 02.08.2010 | 16:19:54
Ich kann machen was ich will, ich verstehe diesen Artikel nicht! Wieso soll Folk weg gewesen sein? Wieso wird Folk auf einmal wieder als auferstanden erklärt? Auf die erste Frage wird gar nicht eingegangen, auf die zweite wahnsinniger Weise mit Chartsplazierungen! Das muss die Intro doch besser. Ich erinnere mich an ausverkaufte Band of Horses-, Felice Brothers- Avett Brothers-, Wilcokonzerte in den letzten Jahren und ich erinnere mich auch, dass ich die Intro in den letzten 10jahren immer weniger gelesen habe, weil sie immer elektronischer wurde. Und jetzt endlich wieder ein Artikel über Folk, weil er plötzlich wieder Massenkompatibel ist und sich verkauft. Das ärgert mich!
PS: Ausnahme der Artikel von Martin Büsser!
Carsten Schumacher 02.08.2010 | 17:48:34
Folk war natürlich nicht weg, nur etwas vom Radar gerutscht. Anti, Weird oder Freak waren als Prefix beliebt, da ging was. Und es geht ja auch nicht nur um Folk, es geht in dem Artikel vielfach um Folkrock und dann noch ganz ausgewiesen um den Publikumszuspruch, den er im letzten und vorletzten Jahr erhalten hat. Die Album und Ticket-Verkäufe von Mumford & Sons haben selbst dem eigenen Label den Mund offen stehen lassen. Den Artikel haben wir jetzt zu einer Zeit reingenommen, kurz bevor die Folgealben erscheinen und wir sehen werden, ob es weiter nach oben geht oder ab hier wieder einbricht. Es ging dabei darum, das Geschehen bis hierhin zu reflektieren. Es ging bewusst um das "Massenphänomen" (übertrieben gesprochen), nicht um etwas, das sich gerade völlig neu im Underground formiert o.ä.
PS: Martin Büsser kam diesmal als Interviewpartner vor.
black sheep beuys 03.08.2010 | 12:47:09
Heart's fear
So viel Viertel-wissen wie in dem Artikel war selten. Hier wird alles zusammengerührt, was nicth zusammen gehört, Thesen aufgestellt, die keine sind. Kümmert euch doch um eure Kernkompetenzen. Der Artikel ist unerträglich.
Was hat denn Pentangle in dem Zusammenhang zu suchen?
Ahhhhhh "Mit dem Folkrock der späten 1960er haben Mumford & Sons gleichzeitig viel und gar nichts zu tun: Rein klanglich preisen sie zwar den Sound, den etwa Crosby, Stills, Nash & Young prägten, die Protestkultur der alten Riege geht ihnen aber völlig ab." Was ist das zum Beispiel - eines von vielen - für ein Käse? Habt ihr mal die Platten von Poco, Pure Prairie League, Loggins & Messina, Eagles, etc. angehört? Das war doch bei weitem nicht alles automatisch explizite Protestkultur, nur weil es in der Zeit entstanden ist.
black sheep beuys 03.08.2010 | 12:54:49
Heart's fear
"Die vermeintlichen Gegensätze zusammengebracht haben allerdings erst The Byrds (deren Mitglied oben erwähnter Gram Parsons mal war). Im Gegensatz zum dogmatisch minimalistischen Folk, der den Akzent ganz auf die Texte legte, geht im Folkrock ein zunehmend harmonischer, vielschichtig arrangierter Sound mit abnehmender Relevanz der Texte einher. Obwohl Folkrock noch Spuren der psychedelischen Phase zwischen 1967 und 1968 in sich trägt, markiert er eine generelle Abkehr von schriller, stilisierter, aufgedonnerter Musik."
Habt ihr euch mal die Byrds-Platten ab 67 angehört? "Spuren der psychedelischen Phase"? "Nobody's Fool/El Tonto de Nadie, Regressa." von Poco? Die Burrito Brothers? Die Dillards?
black sheep beuys 03.08.2010 | 12:56:29
Heart's fear
Abgesehen davon, was bei The Band, Hollies oder Grateful Dead lief.
die konsum jugend 03.08.2010 | 13:05:33
indie
folk hat einen langen bart. hihi
Carsten Schumacher 04.08.2010 | 12:14:47
@BSB:
"Das war doch bei weitem nicht alles automatisch explizite Protestkultur, nur weil es in der Zeit entstanden ist."
-> Du relativierst es ganz richtig, denn absolut wurde die Aussage nie getroffen. Wenn wir im Bezug auf die Revival-Bands von heute schreiben "die Protestkultur der alten Riege geht ihnen aber völlig ab", gehen wir darauf ein, dass der Ursprung der Folk-Bewegung in den 50er und früher 60er Jahren sehr stark motiviert war und sich das sogar noch in Teilen bis CSN(&Y) gehalten hat. Wir haben nirgends geschrieben, dass automatisch alle Folkrockbands dieser Zeit explizit einer Protestkultur zuzuordnen sind. Wäre ja ne ziemlich blöde Aussage.
"Habt ihr euch mal die Byrds-Platten ab 67 angehört?"
-> Logo. Aber nochmal: Du fischst hier nach absoluten Aussagen, die es so nicht gibt. Die von Dir genannten Bands stehen für die Verbindung von Country-Rock/ Folk-Rock und psychedelischen Klängen, z.T. in exzessiver Ausprägung. In der Gesamtheit des Folkrocksounds ist das aber ein Randbereich, eben die Spuren dessen, wogegen sich das Gros der Bands eigentlich richtet, dieses Übereffektete, Verstärkte, Ausschweifende, Exzessive gegenüber dem klaren, trockenen, zurückgenommenen, erdigen Sound, der da aus dem klassischen Folk kommt und in die verstärkte, verzerrte Rockmusik hineingetragen wird.
black sheep beuys 04.08.2010 | 12:48:08
Heart's fear
"-> Du relativierst es ganz richtig, denn absolut wurde die Aussage nie getroffen. Wenn wir im Bezug auf die Revival-Bands von heute schreiben "die Protestkultur der alten Riege geht ihnen aber völlig ab", gehen wir darauf ein, dass der Ursprung der Folk-Bewegung in den 50er und früher 60er Jahren sehr stark motiviert war und sich das sogar noch in Teilen bis CSN(&Y) gehalten hat. Wir haben nirgends geschrieben, dass automatisch alle Folkrockbands dieser Zeit explizit einer Protestkultur zuzuordnen sind. Wäre ja ne ziemlich blöde Aussage."
Der Ansatz/Vergleich wäre doch nur relevant, wenn sich der sogenannte Folkrock auf den ihr euch bezieht, aus der Folk-Bewegung primär gespeist hätte. Das, was damals an der Westküste an Sound entstanden ist, speiste sich doch primär aus dem Rock'n'Roll und weniger aus der Folk-Bewegung und dem was an der Ostküste (s. auch Newport Festival) passierte. Der Einfluss von Country, Folk und Americana jeglicher Art wurde doch erst später addiert - s. Gram Parsons, Gene Clark, die Dead, CCR, etc. Und das war doch mit CSN(&Y) nicht anders. Deshalb finde ich es falsch, M&Ss über drei Ecken mit diesen Folk-Idealen in Berührung zu bringen, weil die sich an Bands anlehnen, die widerum schon erst im zweiten Schritt Americana in ihre Musik haben einfließen lassen. Das ist ja nicht so, dass N. Young in der direkten Tradition von Woody Guthrie stehen würde.
"In der Gesamtheit des Folkrocksounds ist das aber ein Randbereich, eben die Spuren dessen, wogegen sich das Gros der Bands eigentlich richtet, dieses Übereffektete, Verstärkte, Ausschweifende, Exzessive gegenüber dem klaren, trockenen, zurückgenommenen, erdigen Sound, der da aus dem klassischen Folk kommt und in die verstärkte, verzerrte Rockmusik hineingetragen wird."
Wenn denn, wie geschrieben, diese Bands primär aus dem Folk kämen. Nennt doch bitte andere Bands als die Byrds, wenn ihr einen Punkt machen wollt, aber gerade diese sind doch das beste Beispiel für eine RnR-Band, die mit Folk/Country erst später Erfahrungen gemacht hat. Vor allem unter dem Einfluss von Gram Parsons, der aber auch erst mal RnR machte. Und diesen klaren, trockenen, zurückgenommenen, erdigen sound, der aus dem klassischen Folk kommt, den musst Du mir mal benennen. Auf "Zuma" vielleicht? Bei den Ozark Mountain Daredevils? Bei Joni Mitchell vielleicht, aber halt, die hat mit Jazz und Folk experimentiert, spielt aber auch Akustikgitarre = Folk?
Für Mumford & Sons eine Verbindung zum klassischen Folk zu suchen, ist, glaube ich, ein irre führender Ansatz. Die Jungs zitieren den kompletten Westcoast-Kanon. Von Byrds, B Springfield, die frühen Psychedelic Sachen, Mamas & The Papas - was weiß ich. LA zwischen 65 und 71 wäre sicherlich der richtig Ort für eine Suche.
"I thought that if you had
An acoustic guitar
Then it meant that you were
A Protest Singer
Oh, I can smile about it now
But at the time it was terrible"
(Shakespear's Sister - The Smiths)
black sheep beuys 04.08.2010 | 13:14:43
Heart's fear
Es ist doch eben so, dass die von euch kurz genamedroppten Laurel Canyon-Leute um Mama Cass wie im Süßwarenspielzeugparadies alles mal ausprobieren wollten, und ich spreche hier nicht nur von Substanzen jeglicher Art, und Folk, Country, Blue Grass, Traditionals, etc sehr reizvoll waren, vor allem weil sie mit einer Tradition behaftet waren, die man auseinander brechen konnte - dadurch ergaben sich völlig neue Spielwiesen und auch Hörerschaften. Die Eagles haben dieses Potential am besten erkannt und daraus ein Big Business gemacht. Aber die Grundlage für diese Bands lag im Blues, im Rock.
Bei den Fleet Foxes, die von euch ja auch mit in die Runde geschmissen werden kann man den Psychedelic-Anteil doch sehr deutlich raushören. Oder hat die Hallbox auf dem Gesang was mit erdig, etc zu tun?
Schönes Beispiel für eine Spielwiese aus diesem Geist ist das zweite Soloalbum von Stephen Stills: Country, Folk und über allem thront viel Blues und Soul, fette Bläsersätze so wie in Open Secret. Oder die Sachen mit Manassas, etc. pp.
black sheep beuys 04.08.2010 | 13:37:36
Heart's fear
"Wenn wir im Bezug auf die Revival-Bands von heute schreiben "die Protestkultur der alten Riege geht ihnen aber völlig ab", gehen wir darauf ein, dass der Ursprung der Folk-Bewegung in den 50er und früher 60er Jahren sehr stark motiviert war und sich das sogar noch in Teilen bis CSN(&Y) gehalten hat."
Nö, tut ihr nicht. Ihr schreibt: "Mit dem Folkrock der späten 1960er haben Mumford & Sons gleichzeitig viel und gar nichts zu tun: Rein klanglich preisen sie zwar den Sound, den etwa Crosby, Stills, Nash & Young prägten, die Protestkultur der alten Riege geht ihnen aber völlig ab."
Ein Schuh würde draus, wenn man den Einfluss beschreiben würde, den linke Gegenkultur (auch) über den Folk, aber nicht über diesen alleine, in den RnR/Pop getragen hat. Da hat Folk seine Rolle gespielt. Aber auch Jazz, bildende Kunst, etc haben dazu beigetragen, RnR politischer/bewusster/intellektueller zu machen.
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Kettcar - Reset für einen Abend
- 02 Little Boots - Von eins bis vier
- 03 Neue Bands für's Jetzt - Newcomert...
- 04 Wer zum Teufel ist eigentlich...?...
- 05 Zwischen den Künsten - Dagobert
- 06 Maxïmo Park - Von der Unfähigkeit,...
- 07 Checkt das, neue Bands - beim Euro...
- 08 Checkt das, neue Bands - beim Euro...
- 09 Mouse On Mars - Unabbildbare Musik...
- 10 Checkt das, neue Bands - beim Euro...
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...






