MGMT
Rückkehr ohne Singles
19.03.2010, 11:36, Text:
Martin Riemann, Foto: Tara Darby
Erst war es Spaß. Dann waren es Hits. Und dann kamen die Touren. Jetzt wollen zwei Freaks ihr Leben zurück. Dafür haben sie erst mal verschnörkelte Teppichmuster in Musik verwandelt. Mit "Congratulations" stellen unsere Lieblinge MGMT ihre Erfolgshölle so süß in Frage, dass Martin Riemann den Haufen bitterer Substanzen gerne mitschluckt.
"Ich hatte keinen Boden mehr unter den Füßen. Ein Jahr lang lebte ich ohne Wohnung. Und bestimmt sieben Monate hatte ich keine Freundin! Sieben Monate! Ich wusste nicht mehr, was ich überhaupt tat. 2008 fühlte ich, dass ich mich zu jemandem entwickelte, der ich nicht sein wollte - aber ich war nicht in der Lage, es aufzuhalten." Andrew VanWyngarden, die Engelsstimme von MGMT, erzählt das alles zwar mit einem schiefen Grinsen, das ändert aber nichts daran, dass er wirklich bestürzt klingt. Vor allem das mit der Freundin, also das Dasein ohne eine, war für ihn unerträglich. Von Ben Goldwasser hört man Ähnliches: "Wir haben diese zwei verrückten Jahre hinter uns, und mit Abstand betrachtet waren wir in dieser Zeit zwei völlig andere Personen - wir haben das Gefühl, etwas verloren zu haben." Schon 2008 beim Interview zum Debütalbum zeigte sich Goldwasser eher besorgt als erfreut. Dabei lief mit "Oracular Spectacular" doch alles bestens. Die beiden avancierten zu Everybody's Darling - und selbst das ist noch eine monströse Untertreibung. Aber Rampenlicht ist eben nicht jedermanns Sache.
Ich bekomme ein Gefühl davon, als ich Goldwasser und VanWyngarden beim Intro-Fotoshooting beobachte. Die Körpersprache der beiden wäre nicht anders, wenn jemand eine Schrotflinte auf die beiden richten und schreien würde: "Los, tanzt, ihr Penner!!" Die Knipserei ist ihnen so peinlich, dass man schon als Nebenstehender im Erdboden versinken möchte. Dabei wird hier nicht mal Antihaltung demonstriert. Nein, das ist einfach nur verstörte Schüchternheit. Und die führt uns direkt zu dem echogetränkten Pop-Museumsbesuch, zu dem uns MGMT mit "Congratulations" einladen. Das Album klingt wie eine Rock-Oper, die sich mit der Wirkung bewusstseinserweiternder Drogen von den späten 60ern bis in die frühen 80er auseinandersetzt. Doch laut NME behauptete die Band im Vorfeld, dass man Hits wie "Kids" und "Time To Pretend" diesmal vergeblich suchen könne. Huch.
No Kids! No Hits?
Warum erzählt ihr eigentlich der Presse, dass auf dem Album keine Hits sind? Klingt nicht sehr clever.
BG: Daraus haben wir Folgendes gelernt: Egal, was wir dem NME oder der englischen Presse im Allgemeinen erzählen, sie werden aus dem kleinsten negativen Detail die größte Schlagzeile basteln.
AV: Ich glaube nicht, dass Ben gesagt hat, es gäbe keine Hits. Er hat nur gesagt, es gibt nichts mehr, was mit "Kids" oder "Time To Pretend" vergleichbar wäre. Ich weiß, jetzt hört es sich so an, als würden wir uns von vornherein beschützen wollen, weil wir nicht mehr wissen, wie man Hits schreibt.
Fotostrecke:MGMT Intro-Fotoshooting
Wissen sie aber noch. Schon "It's Working In The Blood", der Opener des Albums, geht einem mit seinen raffiniert gesetzten Wall-of-sound-Chören nach einmaligem Hören nicht mehr aus dem Kopf. Auch die folgenden Stücke saugen einen immer weiter in die bittersüße Kaleidoskop-Welt, die man schon von MGMTs letztem Album kennt. Aussetzer - Fehlanzeige! Allerdings gibt es nach Willen der Band keine Singleauskopplungen. Das Motto des Albums: ganz oder gar nicht. Und dementsprechend ist keiner der neun Songs auf Hit gebügelt. Allen voran "Siberian Breaks", die gut 12-minütige Psychedelic-Eskapade des Albums. Selten kommt Rausch so fein rüber. Das ist doch jetzt Psychedelic, oder?
BG: Wir haben einen ziemlich breiten Begriff von psychedelischer Musik, d. h., wir nennen vielleicht manche Sachen psychedelisch, die andere nicht so bezeichnen. Unsere Einflüsse liegen hauptsächlich in älteren Sachen, wir versuchen die Musik allerdings nicht absichtlich so klingen zu lassen, als wäre sie aus einer bestimmten Zeit.
Apropos andere Zeit: Laufen bei euch im Publikum eigentlich immer noch so viele Hippies rum?
AV: Ja, zumindest Leute, die ein Stirnband anziehen und glauben, sie wären Hippies. Wir sind Hippies, aber eher in dem Sinn, dass wir gerne psychedelische Musik hören und einen Teppich für zwei Stunden anstarren können, hehe. Mit unserer Kleidung hat das weniger zu tun.
Ihr starrt also gerne Teppiche an.
AV: Manchmal ja, man findet ganze Welten in manchen von ihnen.
BG: Es hat etwas mit Wahrnehmung im Allgemeinen zu tun. Wir haben natürlich psychedelische Drogen genommen. Aber wir machen die Musik nicht unter Drogen. Viele sagen zu uns: "Mann, ihr müsst wirklich drauf gewesen sein, als ihr das aufgenommen habt." Psychedelic ist für mich eher eine Art, bestimmte Dinge wahrzunehmen, man muss dafür keine Drogen nehmen. Die sind nur eine Abkürzung.
AV: Wir haben schon sehr viele psychedelische Erfahrungen zusammen gemacht. Und für diejenigen, die ähnliche Erlebnisse kennen, haben wir kleine Geschenke in die Musik eingebaut, kleine Welten, in denen sich die Hörer vielleicht auskennen.
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