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Gonjasufi

Das Schnarren der Dekaden

16.03.2010, 16:51, Text: arno raffeiner, Foto: Alex Rapada

Für Arno Raffeiner gilt: Robert Johnson lebt wieder - und zwar in Las Vegas. Gonjasufi klingt wie die Wiedergeburt des Blues aus dem Geiste von räudigem Straßen-Rap. Seine Reime singt er mitten im Nichts ein, durch seine Beats bläst der Wind vergangener Epochen.

Wüstensand, Dreads, Sufismus. Man darf sich durchaus etwas verwundert die Augen reiben, wenn im aktuellen Religions-Clash-Klima ein Debütalbum ausgerechnet mit dem Image des weirden Preachers punkten will. Die Legende rund um Gonjasufi erzählt vom mystischen Kern des Islam und von Einsiedelei im kalifornischen Ödland, die Bilder künden von hochgradiger Verzottelung und musikalischem Eremitentum: ein Freak mit Straßen-Rap-Vergangenheit auf dem Buckel und Klampfe in der Hand.


Dieser Eindruck wird etwas entkräftet, wenn Sumach Valentines Slomo-Brummbass vom Stadtrand von Las Vegas her durch die Telefonleitung knistert - sogar dann noch, wenn er von seinen früheren Leben oder von Jesus als muslimischem Yogi erzählt. Valentine predigt nicht, er erklärt. Er ist nicht Hohepriester, sondern Yogalehrer, außerdem Rapper und Sänger. Mit fundamentalistischen Überzeugungen hat er nichts am Hut, im Gegenteil: Der Sufismus habe ihm dabei geholfen, die Fesseln der Religion zu überwinden und dadurch dem, was er Gott nennt, näher zu kommen. "Alles Leben ist eins. Jeder Augenblick, jede Tat ist eine Form des Gebets", lauten seine Merksätze. Diese allumfassende Spiritualität entlässt das Individuum nicht aus seiner Verantwortung. Das Leben ist ein ständiger Kampf für Valentine. Er steht zu seinen Aggressionen, zur eigenen Unvollkommenheit: "Ich bin weit davon entfernt, perfekt zu sein. Die Leute sollen bloß nicht denken, ich wäre ein Heiliger. Sufi zu sein ist für mich nur eine Art zu leben und mich selbst zu läutern. Ich bin immer noch auf einer langen Reise, wie jeder andere Mensch."



Unterwegs auf dieser Reise drückt Valentine immer wieder auf Aufnahme. Allumfassend ist daher auch die Musik von Gonjasufi. Der Deckname ist im Grunde selbsterklärend, wie Valentine bestätigt, und doch ist die simple Übersetzung "Kiffermystik" fahrlässig verkürzend. Denn über die Musik und ihre Unerhörtheit ist damit kaum etwas gesagt. Selten hat man in jüngerer Zeit ein so vielgestaltig wucherndes Universum geschaut. Am ehesten lässt es sich noch auf jene Wurzeln zurückführen, auf die Valentine selbst von seinem letzten Leben her einen Fingerzeig gibt: "Wenn du mich fragst, wann ich zuletzt gelebt habe, würde ich sagen: in den 30ern, Mann. Jedes Mal, wenn ich Musik aus dieser Zeit höre, spüre ich, dass ich damals am Leben war. Ich kann nicht genau sagen, wo oder wer ich war. Aber ich weiß, dass meine Ahnen und die Emotionen dieser Jahre in mir gegenwärtig sind."

Gonjasufi als Wiedergänger eines Robert Johnson. Da ist was dran. Es geht um den Blues, um die schnarrende Anklage der ewigen drei Akkorde, vom Mississippi-Delta in die Mojave-Wüste verpflanzt, wo der Wind Echos von irgendwo in L.A. zusammengestückelten Riffs und Beats durch die Sonnenglut bläst und merkwürdig verschoben von nackten roten Felswänden widerhallen lässt. Er lebe nicht wirklich in der Wüste, sagt Valentine, sei überhaupt eher so der ozeanische Typ, aufgewachsen in San Diego. Aber von seinem Haus sind es nur ein paar Minuten ins Nichts. Manchmal fährt er mit ein paar Gerätschaften hinaus, stöpselt sie an die Autobatterie und nimmt mitten in der Einöde seine heulende Stimme auf. Die so entstandenen Songs, meist rotziger Underground-HipHop, hat er jahrelang auf CD-Rs gebrannt und in kleinen Auflagen in Umlauf gebracht. "Ich war zu beschäftigt damit, Geld aufzutreiben. Ich hatte keine Zeit, mich nach einem Label umzusehen, außerdem dachte ich, für meinen Kram würde sich sowieso niemand interessieren. Ich habe die Musik zum lokalen Plattenladen gebracht und dort für acht Dollar pro Platte verkauft. Von dem Geld habe ich dann wieder ein paar Wochen gelebt."

Dass nun via Warp "die ganze Welt" seine Songs zu hören bekommt, habe ihn bei den Aufnahmen von "A Sufi And A Killer" nicht gekümmert. "Ich habe nur gehofft, dass den Jungs, die die Beats gemacht haben, gefällt, was ich mit ihrer Musik anstelle." Zu diesen Produzenten-Buddys gehören Mainframe sowie Flying Lotus, auf dessen Album "Los Angeles" Gonjasufi über einen Track geröchelt hatte und der nun den Link zu Warp hergestellt hat. Den größten Teil des psychedelischen Hintergrundrauschens besorgte aber The Gaslamp Killer. Der hat einmal im Fach "Abseitiges aus aller Welt" zugelangt und Sitargedudel genauso herausgezogen wie Stooges-Riffs oder Easy-Listening-Bläser. Das Krachen der Sound-Schleifen mit all dem Orgeldröhnen, Vinylkratzen und den scheppernden Gitarren wird nur noch vom urzeitlichen Schnarren von Gonjasufis Stimme durch übersteuerte Schrottmikros übertroffen. Es ist zu hören, dass hier Geister aus mehreren Jahrhunderten am Werke sind. Über dreißig Jahre stecken in dieser Platte, sagt Sumach Valentine, schließlich dauert seine letzte Fleischwerdung auch schon so lange an. Die mühevolle Vorarbeit in diversen anderen Leben ist da aber noch gar nicht mitgerechnet.

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aus Intro #181 (April 2010)
 
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