Jónsi - Die Musik des Zufalls: Sigur Rós-Sänger solo unterwegs! Artikelbild (groß)

Jónsi

Die Musik des Zufalls: Sigur Rós-Sänger solo unterwegs!

18.03.2010, 11:45, Text: Sebastian Ingenhoff, Foto: Katharina Poblotzki

Sigur Rós gönnen sich gerade eine kleine Auszeit. Nur Sänger Jónsi zeigt sich unermüdlich und veröffentlicht ein fulminantes Soloalbum. Sebastian Ingenhoff sprach mit dem Multiinstrumentalisten über "Go" und wusste ihn zu künftigen Projekten zu inspirieren.

Ein entzückender Knabe
Sigur Rós
gelten als etwas kompliziert, was Öffentlichkeitsarbeit angeht. Über die Isländer kursieren regelrechte Horrorgeschichten. Journalisten ließe man abblitzen, und wenn Interviews stattfänden, dann übten sie sich in nichts sagen oder gäben kryptische Antworten auf klare Fragen. Über Musik zu reden ist wie über Architektur zu tanzen, wusste schon Frank Zappa. Auf die entrückten Soundcollagen der Isländer mag dies in besonderem Maße zutreffen. Hochnäsigkeit mag man mit den Schöpfern solch feingliedriger Klangkunst trotzdem nicht in Verbindung bringen.


Jón "Jónsi" Thor Birgisson, der in die Provinz nach Köln gereist ist, um über sein Soloalbum "Go" zu sprechen, huscht zwar zehn Minuten zu spät herein, zeigt aber in der Tat keinen Hauch von Blasiertheit, sondern gibt den entzückend eloquenten Knaben. Er balanciert eine Tasse mit grünem Tee und trägt eine rote Strickjacke, irgendwie genau die grazile Person, die man sich vorgestellt hat. Aus der Nähe betrachtet, sieht er unglaublich jung aus, eher wie Anfang zwanzig als Mitte dreißig. Auch die Stimme klingt sanft, geradezu kindlich.

Klangliche Explosionen
Jónsi erzählt, dass er sich das Musizieren größtenteils selbst beigebracht und Improvisation immer schon eine große Rolle für ihn gespielt habe. Es kommt also nicht von irgendwoher, dass viele der charakteristischen Merkmale von Sigur Rós Zufällen geschuldet sind: So hatte ursprünglich der Bassist der Band die Idee gehabt, einen Cellobogen zum Spielen zu nutzen - eine Idde, die sich als stilprägend für den flächigen Sound der Band erweisen sollte, jedoch nicht wie ursprünglich angedacht, denn es muss ziemlich gruselig klingen, wenn man mit einem Cellobogen über vier Basssaiten streicht. Also nutzte Jónsi den Bogen für die Gitarre.


Das passt zur Philosophie der Band: Bei Sigur Rós ging es immer um Klangforschung, man folgte nie herkömmlichen Strophe/Refrain-Mustern. Jónsis ätherische Stimme wird eher wie ein eigenes organisches Instrument eingesetzt, das sich in die Arrangements einfügt. Die Texte stehen weniger im Vordergrund, es geht mehr um Sprachmelodien als um konkrete Inhalte. Für das 2002er-Album "( )" erfand man eigens eine Fantasiesprache namens Vonlenska, klanglich eine Mischung aus Isländisch und Englisch mit einem Schuss Italienisch. Der Sänger ist also nur ein Teil des gleichberechtigten Ganzen und kein Frontmann, keine Rampensau, kein Dichterfürst, der sich seine Lyrismen musikalisch untermalen lässt.



"Go" bricht zumindest zu Teilen mit dieser Tradition, denn es ist ein regelrechtes Popalbum geworden, und Jónsi steht dabei natürlich im Mittelpunkt. Als Ko-Produzent mit dabei ist Jónsis Boyfriend, der ebenfalls in Reykjavík lebende amerikanische Künstler Alex Somers, mit dem er im letzten Jahr bereits das Ambientalbum "Riceboy Sleeps" unter dem Namen Jónsi & Alex veröffentlicht hat. Mit "Go" gehen die beiden nun völlig andere Wege: Das Album ist satt arrangiert, klingt opulent, dick aufgetragen. Das Piano ist dominant, überall tönen Bläser und Streicher, erzeugen zusammen mit der zerbrechlichen Stimme eine Künstlichkeit, die an Antony And The Johnsons, manchmal sogar an Rufus Wainwright erinnert. Es gibt aber auch hysterischen Freak-Folk im Geiste von Animal Collective oder Grizzly Bear zu hören. Alles purzelt, klingt bizarr, toll, überwältigend. Die Arrangements tragen die Handschrift des jungen Produzenten und Komponisten Nico Muhly, einem Protegé von Philip Glass, der auch schon die Aufnahmen zu Grizzly Bears "Veckatimest" und zu Antony And The Johnsons "The Crying Light" begleitet hat. Das gerade mal 28-jährige New Yorker Wunderkind hat dafür gesorgt, dass das Album in klanglicher Hinsicht so explodiert ist. Denn ursprünglich hatte Jónsi andere Pläne und wollte ein reines Akustikalbum aufnehmen, nur mit Gitarre und Gesang.

Auf der nächsten Seite: Das Interview mit Jónsi.


1 | 2 | ... weiterlesen »



Artikel kommentieren
aus Intro #181 (April 2010)
 
  • Mehr Infos

  •  
Sigur Rós, Jónsi
Intro.de Künstlerseite von Jónsi
Alle Artikel von Sebastian Ingenhoff
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
Anzeige
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.