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Caribou

Solotänzer

15.03.2010, 15:37, Text: Lutz Happel, Foto: Sibilla Calzolari



Psychedelisch, elektronisch oder gitarrisch? Bei Dan Snaith weiß man nie so genau, wie das nächste Album wird. Mit "Swim" zeigt der Laptop-Workaholic nicht nur Lutz Happel seine Idee von Tanzmusik.

Dan Snaith hat in letzter Zeit gut Party gemacht und auch gern mal aufgelegt. Das ist insofern verwunderlich, da man dem blassen, dick bebrillten Doktor der Mathematik aus Ontario, Kanada nicht allzu viel Ausrast-Potenzial und Feierei zutrauen würde. Auf den ersten Blick scheint es sich bei dem Typen hinter dem Projekt, das früher einmal "Manitoba" hieß (bis ein würdeloser Proll-Landsmann namens "Handsome Dick Manitoba" Snaith mit juristischen Drohungen zur Namensänderung zwang), um einen feingeistigen zartbesaiteten Bastler zu handeln. Doch Klischee beiseite. Die Interaktion zwischen Lebenswirklichkeit und musikalischer Nutzbarmachung derselben ist bei Snaith recht komplex. Sein letzter Streich beispielsweise, "Andorra" betitelt, war noch ein kunterbuntes psychedelisches Knallbonbon von einer Post-Hippie-Elektronik-Platte mit viel Gerassel und Quergeflöte. Mit "Swim" hat sich drei Jahre später der Fokus bereits völlig verschoben, was bei Caribou nicht ungewöhnlich ist, denn Snaiths musikalische Spannbreite ist enorm. Er samplet Platten oder spielt Instrumente eigenhändig ein, er singt selbst, programmiert und editiert so lange, bis sein schräges Ein-Mann-Orchester in der digitalen Schaltzentrale Laptop zu einem homogenen Ganzen verwoben ist. Faszinierend daran ist, dass am Ende die Spuren der Caribou-Soundquellen kaum mehr nachvollziehbar sind.


Manitobas erstes Album "Start Breaking My Heart" rekurrierte noch sehr spezifisch auf elektronische "Hörmusik". Das nächste Album orientierte sich eher an einem (Indie-)Band-Begriff, bei dem erstmals auch Gesang als Instrument im virtuellen Caribou-Orchester auftauchte. Und "Swim" arbeitet sich nun mit wundersam verdaddelten Klangmodulationen an einer verquasten Form von Tanzbarkeit ab. Snaith: "Ich mag Dancemusic, die im Club beinahe zufällig funktioniert. Sie sollte zwei Dinge vereinigen: Schrägheit und Tanzbarkeit. Musik, die der Club-Tauglichkeit alles andere opfert, interessiert mich nicht. Ich möchte Zeug produzieren, das im Club, aber auch zu Hause funktioniert."


Mit "Swim" hat der gebürtige Kanadier dafür einen Titel gefunden, der diesen sonischen Anspruch seines neuen Outputs in eine perfekte Metapher kleidet: "Swim" steht für die Idee des flüssigen Aggregatzustands: "Ich war schon immer ein lausiger Schwimmer. Als ich die Platte produzierte, habe ich aber einen Schwimm-Kurs besucht. Ich bin in der Zeit also entweder geschwommen oder habe Musik gemacht."

Das Ergebnis ist Clubmusik, die um den Hörer herumfließt, weit entfernt ist von der mechanischen Präzision, die funktionale Clubmusik voraussetzt. Dadurch geht zwar viel Tightness verloren, auf der anderen Seite eröffnen sich aber breite musikalische Spielräume. Free Jazz? Bläser-Arrangements? Schiefe Singalongs? Krude Breaks? Lustige Filter? Kein Problem, alles findet bei Caribou seinen Platz.



Auch wenn es nach all den Ausführungen zu seiner Originalität zunächst seltsam anmuten mag: Snaiths Arbeitsweise dockt bei der einiger seiner musizierenden Kumpels an. Da wäre Soul-Buddy Kieran Hebden (Four Tet), früheres Fridge-Mitglied und seit gefühlten sechs Alben ein Platzhirsch des Solo-Frickel-Multiinstrumentalistentums. Oder Nathan Fake, der 2006 mit "Drowning In A Sea Of Love" bewies, dass sich Romantik und Ausrasten synergetisch verhalten können. Oder James Holden, der mit dem Nathan-Fake-Remix "And The Sky Was Pink" einen veritablen Stomper mit intimer Klangfarbe abgeliefert hat. Snaith: "James meinte mal, es sei so seltsam, dass ich und Kieran versuchen, mehr tanzbares Zeug zu produzieren, während er versucht, dort hinzukommen, wo wir sind. Also dorthin, wo Leute sich Alben anhören und Konzerte anschauen. Auf der anderen Seite bin ich manchmal richtig neidisch, wenn ich Tracks von James höre." Der positive Nebeneffekt dieser netten Rivalität liegt für den Hörer auf der Hand. So weiß niemand, was als Nächstes geschehen wird.

Zu was er mit Caribou live in der Lage ist, hat Snaith bereits 2009 gezeigt: In Zusammenarbeit mit den Flaming Lips trommelte er für eines seiner Sets eine 15-köpfige Superband zusammen. Mit dabei waren neben Kumpels wie Kieran Hebden oder Koushik nicht nur eine ganze Bläser-Kohorte und vier Schlagzeuger, sondern auch der 85-jährige Marshall Allen, seines Zeichens Master of Ceremony beim Sun Ra Arkestra. Man darf also gespannt sein, wen er diesmal mitschleppen wird.

Termine Caribou
27.04.2010 München, Feierwerk » Details | Merken | Anreise
28.04.2010 Berlin, Berghain » Details | Merken | Anreise
29.04.2010 Hamburg, Prinzenbar » Details | Merken | Anreise

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aus Intro #181 (April 2010)
 
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