Archie Bronson Outfit
Rein in die Disco, raus aus der Disco
15.03.2010, 15:14, Text:
Martin Riemann, Foto: Kathrin Spirk
Martin Riemann weiß zu berichten: Der White-Stripes-Bann ist gebrochen. Bands wollen wieder mehr Zeit im Studio verbringen, auch wenn sie dort - wie das Archie Bronson Outfit für "Coconut" - funktionstüchtige Songs vor allem ordentlich kaputt machen.
"Ich habe kürzlich zwei Rezensionen über unser Album gelesen. In der einen heißt es, dass wir, positiv gemeint, den Zuhörer mit Sounds und Ideen förmlich befeuern würden. Der andere Rezensent schrieb, dass er sich fühle wie vor einem Erschießungskommando. Dieselbe Analogie, aber völlig diametrale Ansichten. Das muss doch irgendwas bedeuten. Und genau das wollten wir erreichen: polarisierende Reaktionen."
Ja, da muss ich dem munteren Schlagzeuger Arp und seiner Review-Sammlung beipflichten: Metaphern wie bombardieren, zermalmen und "frisch aus dem Häcksler" kamen mir bei "Coconut", dem neuen Album des Londoner Trios, auch schon in den Sinn. Hier wurde doch bewusst etwas kaputt gemacht? Arp und Sänger Sam scheinen froh zu sein, dass das so rüberkommt: "So ähnlich war es auch. Wir sind während der Produktion ein paarmal nach Amerika gefahren, und am Anfang klangen viele Songs noch ziemlich clean. Aber mit Tim Goldsworthy von DFA Records fingen wir dann an, das Zeug immer mehr abzufucken."
Fotostrecke:Archie Bronson Outfit Intro-Fotoshooting
Ringkampf um die Richtung
Dabei hört sich die Vorgeschichte des Albums zunächst konsumentenfreundlicher an: Drei Männer mit Bärten, die gerne auf billigen Instrumenten spielen und für ihren konsequent garagigen Bluesrock geschätzt werden, treffen auf Goldsworthy, einen Produzenten, den man als Auge eines Orkans namens Dance-Punk bezeichnen darf. Es schien klar, was bei dieser Gleichung herauskommen musste: Garage-Dance. Und tatsächlich fängt das Album auch so an: "Magnetic Warrior" klingt nach "Einzug der Gladiatoren", allerdings solcher, die sich ihre Rüstungen im Müll zusammengesucht haben. Das Stück mit dem hypnotischen Fuzzriff rumpelt sofort ins Blut und hauruckt einen fast unbemerkt in den zweiten Song names "Sharks Tooth", eine ziemlich unverfroren mit streng riechenden Disco-Oktaven aufwartende Nummer. Bis dahin klingt alles wie ein Rave, den man durch eine schwere Betondecke wahrnimmt. Doch nach diesem kaputten Ausflug auf die Tanzfläche beginnt die Band Haken zu schlagen wie ein angeschossenes Rhinozeros: von einer sich wild überschlagenden Attacke wie "Wild Strawberries" über die verdrogt-wabernde Extravaganz "Chunk" (das klingt, als würden die Happy Mondays eigentlich Sad Mondays heißen) bis zum süßlich-psychotischen Singalong "Hunt You Down". Man bekommt in gut 40 Minuten wahrlich einiges an verstörtem Sound geboten. Alles getränkt und durchsetzt mit etlichen Schichten und Effekten. Oder anders gesagt: Es entsteht der Eindruck, Goldsworthy habe zunehmend die Kontrolle über seine drei Kunden verloren. Dazu Arp: "Wir mussten mit Goldsworthy um die Songs ringen. Ursprünglich hatten wir diese Garagerock-Songs, mit denen wir in eine für uns neue Richtung wollten. Wie sich herausstellte, hatte Tim sich bereits eine andere Richtung überlegt! Wir wollten es viel kaputter haben als er, der in seiner Produktion die tanzbaren Aspekte eines Stücks gerne zentral positioniert, das funktioniert aber einfach nicht immer. Wir wussten auch, dass man von uns so etwas erwarten würde, wenn wir Tim ins Boot holen, aber es ist wichtig für eine Band, dass sie ihr eigenes Ausgangsmaterial besser kennt und es notfalls auch verteidigt. Wir schreiben unsere Songs zwar immer noch wie Garagerock-Stücke, nehmen sie dann aber auseinander und gehen abstraktere Wege. Es geht Richtung Krautrock und Postpunk."
Krauteskapaden
Nicht unwesentlich für die Ausrichtung des neuen Albums war eine Amon-Düül-Dokumentation. Deren Studiohabitus inspirierte das Archie Bronson Outfit dazu, extra viel Zeit im Studio rumzuspinnen. Und Goldsworthy, ganz der Profi, versorgte das Trio dabei mit einem abseitigen Instrumentenpark aus Synthgitarren, seltenen Moogs sowie allerlei exotischem Schlagwerk - und Zeit. Sam und Arp glauben, was das angeht, sowieso an eine Trendwende. Die Zeiten, in denen man à la White Stripes die Alben in Rekordzeit runterrotzte, um einen möglichst hohen Authentizitätswert zu erhalten, sind selbst in einem rauen Genre wie Garagerock vorbei. Sie wissen zwar noch immer die rohe Kraft des quasi live eingespielten Materials zu schätzen, haben aber eben auch gelernt, dass dieses Modell eine geringe Halbwertszeit besitzt. "Es gibt mittlerweile Millionen von Bands, die ihre Sachen so entkernt einspielen. Da ist es schon wichtig, Wert auf intensive und fantasievolle Aufnahmen zu legen. Und natürlich hilft es auch, den richtigen Produzenten zu haben."
Termine Archie Bronson Outfit (abgesagt)
26.04.2010 Stuttgart, Universum » Details | Merken | Anreise
27.04.2010 Köln, Gebäude 9 » Details | Merken | Anreise
28.04.2010 Hamburg, Molotow » Details | Merken | Anreise
30.04.2010 München, Atomic Café » Details | Merken | Anreise
01.05.2010 Dresden, Beatpol » Details | Merken | Anreise
02.05.2010 Berlin, Magnet Club » Details | Merken | Anreise
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