Boy/Girl
Wenn der Mann mit der Frau
01.03.2010, 16:29, Text:
Dirk Mönkemöller, Foto: Joachim Zimmermann
... gemeinsam Musik macht, kann man (manchmal) was erleben. Dirk Mönkemöller hat für uns die Beziehungsgeflechte von gemischtgeschlechtlichen Bands aufgedröselt, um ein paar tollkühne Thesen aufzustellen. Peter Flore und Thomas Venker wenden diese anschließend auf die beiden Boy/Girl-Bands Blood Red Shoes und Beach House an, nicht ohne es sich von Intro-Pärchenpsychologin Alexandra Jepsen fachlich abnicken zu lassen.
Gefühlsduseligkeit gibt's später noch genug, hier kommen ein paar Fakten: Musikmachen ist ein Männerding - das ist zumindest das Fazit, wenn man die Liste der besten Alben von 2000 bis 2009 in Intro #178 auswertet. Demnach stammen die 100 besten Alben des vergangenen Jahrzehnts von 72 Bands, die aus insgesamt 247 Menschen bestehen. Davon sind 238 Männer - und nur 9 Frauen. Wenn ich wüsste, wie man einen Taschenrechner korrekt benutzt, würde ich die Quote errechnen. Aber geschenkt. Sie ist mies.
Statistiken sind nur spröde Mathematik. Zum Glück sind musizierende Frauen abseits von Besten-Listen überall und in allen erdenklichen Konstellationen anzutreffen. Doch was passiert, wenn Frauen mit Männern musizieren? Ist das das Ende vom "Sex & Drugs & Rock'n'Roll"-Mythos - oder die Vollendung? Schaut man sich den Werdegang der verschiedenen gemischtgeschlechtlichen Gruppen der Musikgeschichte an, fallen einem Muster auf, die zu folgenden fünf Thesen verleiten:
1. Vorteil: Liebe
Quer durch alle Genres zieht sich ein überraschendes Phänomen: Gemischte Musiker-Duos bestehen grob geschätzt nur zu 20 Prozent aus Beziehungslosen, die brav die Kreativität und Karriere in den Vordergrund stellen und eventuelle sexuelle Reize gar nicht erst zulassen (z. B. Yazoo, Roxette, Portishead). Weitere 10 Prozent bestehen aus Geschwistern (z. B. Carpenters, The Knife, The Fiery Furnaces), und rund 30 Prozent musizieren zusammen als Liebespaar (z. B. 2raumwohnung, Paula, Olli Schulz & Der Hund Marie). Die Mehrheit aller musizierenden Duos aber besteht aus - wer hätte es gedacht - Ehepartnern (z. B. Everything But The Girl, Dapayk & Padberg, Mates Of State). Das ist doch mal ein Sieg der Romantik! Und der Beweis, dass eine Heirat nicht das Ende eines wilden Lotterlebens bedeuten muss. Man führt es einfach gemeinsam. Selbst innerhalb einer Bandgemeinschaft ist Platz für die Ehe (z. B. Bruce Springsteen, Sonic Youth, Wir Sind Helden, Talking Heads). Wobei unklar ist, wie gut oder schlecht das für die restlichen Mitglieder zu ertragen ist. Vermutlich brauchen sie viel Coolness, wenn sich vor einem Konzert im Backstageraum ein Ehestreit ausbreitet. Und nach dem Konzert der obligatorische Versöhnungssex im Nightliner mit anzuhören ist. Man kann also zusammenfassen: In puncto Liebe gilt unter Musikern der Leitsatz: entweder ganz oder gar nicht. Übrigens: Das Genre HipHop kommt beinahe ganz ohne gemischtgeschlechtliche Gruppen aus. Ausnahmen sind die Digable Planets (ohne Romanze) und die dürftig bekannten Melky Sedeck (Geschwister).
2. Musik ist stärker als Sex
Was passiert, wenn eine Beziehung unter Musikern in die Brüche geht? Erstaunlich häufig: nichts. Nach dem Motto "the show must go on" werden die Zähne zusammengebissen, bis irgendwann Gras über die Sache gewachsen ist. Oder man schreibt gleich einen Song über die Beziehungskiste (gute Therapie) und wird damit bekannt (Stichwort: No Doubt). Okay, in der Regel sind die Bands in diesem Fall etabliert und die Mitglieder darauf angewiesen, das Geld mit der Musik zu verdienen, deshalb kommt es nicht in Frage, die Band wegen einer zerbrochenen Beziehung aufzulösen (z. B. Fleetwood Mac, Eurythmics, Moloko).
3. Retorte ist für'n Arsch
Immer wieder tauchen industriell geformte Musikgruppen auf, die aus den unterschiedlichsten Frau/Mann-Konstellationen bestehen. Besonders nach dem Boygroup- und Girlgroup-Hype während der Neunziger gab es eine Schwemme gemischter Popgruppen, die für sexuelle Spannung sorgten (innerhalb der Band und aus Sicht der Fans). Dass dieses Thema aber inzwischen ausgereizt ist, beweist der dürftige Erfolg des Duos Some & Any, die Gewinner der letzten "Popstars"-Staffel. Offensichtlich vertragen sich wahre Romantik und abgewichstes Musikbusiness nicht so gut.
4. Frauen können wie Männer sein
Unter Jungsbands herrscht allgemein die Meinung, Frauen würden den Spaß an Sex & Drugs & Rock'n'Roll verderben. Deshalb sind Freundinnen im Tourbus häufig verboten. Und wenn dann doch mal eine Frau mitreist, etwa als Gastmusikerin, ist die Stimmung gleich gedrückt. Wäre ja irgendwie peinlich, die üblichen Sprüche und Fürze abzufeuern, Groupies abzuschleppen und sich dumm und dusselig zu trinken. Aber weit gefehlt: Jamie Hince dürfte sich nicht beschweren können über das Verhalten seiner Musik-Partnerin Alison Mosshart. Genau wie Jon Spencer mit seiner Frau Cristina Martinez an der Boss-Hog-Seite immer viel Spaß gehabt haben dürfte.
5. Geheimnisse sind gut fürs Image
Um die White Stripes kommen wir an dieser Stelle nicht vorbei: Die zwei behaupten ja, sie hätten sich als Geschwister ausgegeben, damit sich die Fans mehr auf die Musik konzentrieren, statt sich dem neuesten Gossip des vermeintlichen Ehepaars hinzugeben. Heute wissen wir: Es ist völlig egal, welche Beziehung die beiden wirklich verbindet - die Verwirrung ist zu einem USP (unique selling proposition) geworden.
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