Timid Tiger
Tanz die Insolvenz
23.02.2010, 17:33, Text:
linus volkmann, Foto: Alfred Jansen
Alle reden von Krise, Krise, Krise. Timid Tiger aber wurden von jener sogar noch ins Bett gezerrt. Dabei passt der latent depressive Hyper-Realismus von Krise überhaupt nicht zum Sound, zum Look, zur Ästhetik der fünf Kölner. Zum Glück gibt es ein Leben nach der Pleite. Pop-Prunk überstrahlt Hartz IV, Linus Volkmann hat's kontrolliert.
"Mann, das war echt eine schwere Zeit. Es stand immer wieder auf der Kippe, ob wir überhaupt weitermachen können. Nach der Pleite von Lado haben wir merken müssen, dass wir absolut nicht alles selbst in der Hand haben. Wir haben damals dann mit vielen anderen Labels gesprochen, aber die Tatsache, dass nicht klar war, inwieweit man uns hätte aus dieser Insolvenzmasse rauskaufen müssen, hat viele ganz einfach auch abgeschreckt." (Keshav, Sänger bei Timid Tiger)
Geschehen war Folgendes: Das Indie-Label mit dem Instant-Star-Appeal, genauer gesagt Lado aus Hamburg, hatte sich nach der erfolgreichen Eigenveröffentlichung "Timid Tiger & The Electric Treasure Box" die Rechte an der Band gesichert. Man haute jene EP noch mal raus (mit dem bis dato größten Hit der Band "Miss Murray") und ließ ein Album folgen. Und dann ... ja, dann ging Lado eben doch recht überraschend pleite. Die Bands und ihre Rechte saßen erst mal fest.
Plötzlich ist man also Insolvenzmasse. Man ist nicht mal selbst der Schuldner, sondern nur noch ein Stück der Trümmer eines anderen, etwas, das nach der ökonomischen Implosion übrig bleibt. Man kann nicht mehr selbst alles absagen, man wird abgesagt, zwei Leute verlassen diese Umstände - also die Band. Keine neue Platte und die Rechte an der alten gehören erst mal dem Wasserwerk, der Telekom oder anderen Subunternehmen in dem pittoresken Säumnis-Netzwerk.
Und das Timid Tiger! Das den fünf frisurigen Feelgood-Boys, zu denen es niemals gepasst hätte, hätten sie aus der Not eine Tugend gemacht und plötzlich Ton Steine Scherben oder ähnliche Kritiker des Status quo gecovert. Scheitern als Chance? Nur wenn's unbedingt sein muss. Aber Scheitern als Thema? Bitte nicht! Denn war das Debüt "& A Pile Of Pipers" schon geschleckter Bubblegum-Indiepop mit vielen Tricks, ist "And The Electric Island" noch mal zwei Ligen drüber. Für eine deutsche Produktion geradezu obszön stylish, eingängig und clever.
Fünf Jahre hat jene neue Platte auf sich warten lassen. Fünf Jahre Zeit, um sich vom GAU zu erholen, sich wieder selbst zu gehören und den nervigen Schrecken abzustreifen. Jetzt aber: Neue Leute gefunden, der Schlagzeuger kann sogar Produzent, ein eigenes Studio steht voll mit eigenem Equipment, vis-à-vis der Bühne im Proberaum befindet sich ein riesiger Spiegel zum Tobenproben, und mit Von Spar nebenan teilt man sich so dies und das, also Netzwerke und Kabel. Zudem konnte man wieder eine Plattenfirma für sich begeistern, die gefälligst der nötige Wind unter den Flügeln der Post-Jugendlichen sein möge und kein Mühlstein um den Hals. 2010 decken sich Sound und Umstände für Timid Tiger also endlich.
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Real New Wave Party
---HIGHHOLYDISCOMASS comes to town---
Dass Punk und Disco weit mehr verbindet, als nur der Zeitpunkt ihres Entstehens, steht außer Frage. Wem Punk mehr bedeutet als tote Hose und für wen Disco alles andere als ein Schimpfwort ist, der weiß um die Schnittmenge dieser beiden Musikstile, die gleichzeitig beide auch Lebensgefühl waren und sind. Wunderbar beschrieben hat das gerade der englische „NME“ in einer Rezension zu Gossips neuem Album „Music for Men“. “Teenage Jesus and the Jerks crashing Studio 54“, so der Rezensent, vor dessen geistigem Auge beim Genuss von „Music for Men“ die genialen New Yorker No Wave-Dilettanten die wohl bekannteste Disco der Welt aufmischen.
Und auch Gossips dralle Gallionsfigur Beth Ditto selbst, eine Punk-Ikone des 21. Jahrhunderts, bringt es auf den Punkt sprich auf die Tanzfläche, wenn sie „For Keeps“ so erklärt: „I wanted it to be the ‚Don’t You Want Me’ of this record“. „Don’t You Want Me“ war bekanntlich der größte Dancefloor-Filler der Electro-Pioniere Human League.
Auch Arte erinnert sich gerade an die Zeit, als „Don’t You Want Me’ aus jeden Punkschuppen schallte und zu Nummer 25 der meistverkauften Singles aller Zeiten im UK wurde. So propagiert der TV-Sender den „Summer of the 80s“ und unternimmt eine Zeitreise in das Jahrzehnt, das uns Joy Division und New Order bescherte, Style Council und Prince, Duran Duran und Chic.
Grund genug für „HighHolyDiscoMass“. „HighHolyDiscoMass“ (übrigens ein Songtitel der ebenso wie Human League aus Sheffield stammenden Industrial-Avantgardisten Clock DVA) bittet nun mit Bands wie Cabaret Voltaire, Heaven 17, Shriekback, 400 Blows oder Gang of Four (just to name a few) einerseits die Creme de la Creme der 80er Jahre und der damaligen Post-Punk-Ära zum Tanz und schlägt andererseits mit neuen Helden wie Junior Boys, MGMT, Hercules and Love Affair oder White Lies (again just to name a few) die Brücke auf den Tanzboden des dritten Jahrtausends. Da bleibt dann mit David Bowie nur noch eins zu sagen: „Let’s dance!“





