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Blood Red Shoes

Im Interview: Geschwister im Geiste

23.02.2010, 18:00, Text: Peter Flore, Foto: Joachim Zimmermann
[2 Kommentare]

Laura-Mary Carter und ihr Bandpartner Steven Ansell wissen, dass sie mehr aneinander haben als nur ihre gemeinsame Band Blood Red Shoes. Mit "Fire Like This" legen sie ihr zweites Album vor - und sind immer noch wütend. Peter Flore hat sie in Berlin getroffen.

Gut, dass es Gerüchte gibt. Und umso besser, wenn es Gerüchte bleiben. Zum Beispiel jenes, wonach das neue Album der Blood Red Shoes mit weitaus poppigeren Momenten aufwarte als der viel beachtete Vorgänger "Box Of Secrets". "Nein", lacht Sängerin und Gitarristin Laura-Mary Carter, und ihr Lachen klingt wegen einer hartnäckigen Erkältung regelrecht verrotzt, "das Gegenteil ist wohl eher der Fall."


Drummer und Bandpartner Steven kann auch gleich aufklären, wie es dazu kam: "Ich habe im Vorfeld in einem Interview mit einem britischen Magazin einmal zu oft das Wort 'Melodie' fallen lassen - lustig, was sie dann daraus gemacht haben." Nämlich das hier: Die Brightoner Band werde auf ihrem zweiten Album "Fire Like This" den so erfolgreichen Mix aus vermeintlich angestaubten Grunge-Riffs und auf die Tanzfläche treibenden Beats um eine möglicherweise noch radiotauglichere Komponente erweitern. Als ob man nicht schon hätte ahnen können, dass das Quatsch ist, hatten doch die Songs ihres Debüts bei aller rauen Schale vor allem auch durch eingängige Gesangslinien und Refrains ins Schwarze getroffen. Spätestens der vorab als Download veröffentlichte siebenminütige Closer des neuen Albums, "Colours Fade", der einen mit all seiner Düsternis förmlich überrollt, straft alle Spekulationen um etwaige Chartstauglichkeit des neuen Materials eindrucksvoll Lüge. Hätten wir das also geklärt und stellen vorläufig fest: "Fire Like This" macht bis auf einige Nuancen da weiter, wo "Box Of Secrets" aufhörte.

Viel entscheidender für die Genese des neuen Werks scheint der Umstand zu sein, dass das Duo mit exakt dem gleichen Team an die Produktion ging (Produzent und Intimus Mike Crossey sorgte wie schon beim Vorgänger für einen unverfälscht-roughen Sound) und man zudem während der Produktion gewohnt selbstbewusst verlauten ließ, man habe die zeitweise verlorene Kontrolle über die Band wiedererlangt. Laura: "In musikalischer Hinsicht drohte da auch keine Gefahr, aber durch den plötzlichen Erfolg gab es unheimlich viele Leute, die auf uns einredeten und uns zu erklären versuchten, was ihrer Ansicht nach das Beste für die Band sei. Dabei wissen wir das nach wie vor sehr gut, es wird nur immer schwieriger, die Dinge selbst zu kontrollieren. Irgendwann musst du gewisse Sachen einfach in vertrauensvolle Hände abgeben und hoffen, dass sie trotzdem funktionieren. Wir sind schon ziemliche Kontrollfreaks und machen nach wie vor vom Cover bis zur limitierten Vinyl-7-Inch vieles selbst, aber ab einem gewissen Punkt musst du dich dann auf das Wesentliche - die Musik - konzentrieren, denn sonst sitzt du irgendwann nur noch vor dem Rechner, beantwortest Mails und versuchst, den Laden am Laufen zu halten."


"Don't ask, this time, don't ask the reasons why" (aus "Don't Ask")

Eine Band sei heutzutage ein regelrechtes Multimedia-Unternehmen, findet Drummer Steven, der mit seiner Bandpartnerin Laura-Mary bis vor Kurzem nicht nur das Bandleben, sondern auch ein Apartment teilte und damit auch abseits von Tour- und Studioleben praktisch 24/7 eine Hälfte von Blood Red Shoes war. "Eine Band wird mittlerweile über so viele Kanäle wahrgenommen, vom Videoclip über ihre Website bis hin zum Artwork und was-weiß-ich. Laura hat ja glücklicherweise die Kunsthochschule geschmissen, da haben wir also jemanden, der sich mit so was auskennt", erzählt Steven lachend. "Wenn du dich dabei aber um alles gleichermaßen kümmern wolltest, kämest du gar nicht mehr dazu, Songs zu schreiben und im Proberaum zu stehen." Laura ergänzt: "Selbst wenn du nicht auf der Bühne stehst, gibt es immer noch so viel zu tun. Letzte Woche zum Beispiel war ich furchtbar erkältet, musste aber das Cover-Artwork fertigstellen, weil die Deadline dafür immer näher rückte. Ich hätte es natürlich in die Hände des Labels legen können, aber das wollte ich eben nicht. Also musste ich es fertigmachen, obwohl ich besser im Bett geblieben wäre."

Hinzu kommt, dass durch die (bewusste und unbewusste) Beteiligung einer Band am mittlerweile üblichen Netzrauschen durch Internet-Forumsdiskussionen, Tweets und dergleichen kaum noch eine Barriere zwischen Künstler und Publikum besteht. "Gerade, wenn du über das Internet versuchst, auch noch regelmäßig Kontakt zu den Fans zu halten, wird es schwer", erklärt Steven. "Am Anfang habe ich wirklich auf jedes Posting geantwortet, einfach, weil ich die Notwendigkeit sah, mich zu erklären, wenn Fans Fragen gestellt haben. Heute mache ich es wirklich nur noch sehr dezidiert, vor allem, weil du dir selbst keinen Gefallen damit tust. Eine dauerhafte Präsenz weckt Begehrlichkeiten, irgendwann erwarten die Leute einfach, dass du dich ständig äußerst und jede Frage beantwortest. Aber du wirst sie am Ende des Tages zwangsläufig vor den Kopf stoßen, entweder du fühlst dich mal nicht danach, auf ellenlange Postings zu antworten, oder du bist wochenlang auf Tour und schwer zu greifen. Da ist es schon besser, sich dem Ganzen bewusst zu entziehen - Laura zum Beispiel antwortet fast nie bei solchen Diskussionen und steht nach Konzerten auch nicht gleich am Merchstand wie ich", spielt Steven den Ball in Richtung seiner Kollegin. "Ja, aber nur, weil ich schüchtern bin", entgegnet diese. "Ich fühle mich einfach oft unwohl, wenn Leute etwas über mich und meine Musik wissen wollen. Mittlerweile habe ich mich an Interviews gewöhnt, aber es fällt mir dennoch schwer, über mich und die Band zu reden oder zu erklären, warum wir dieses oder jenes gemacht haben."

"Inch by inch we find we're never satisfied" (aus "Heartsink")
Zum Beispiel, einen siebenminütigen Shoegazer-Track als ersten Song des neuen Albums vorab als Download zu veröffentlichen. Dass das eingangs erwähnte "Colours Fade" dabei vor allem als radikales Statement diente, liegt auf der Hand. "Wir dachten einfach, es sei eine gute Idee, den düstersten Song, den wir je geschrieben haben, als Teaser zu veröffentlichen", so Steven, der damit auch gleich eine Art Mission Statement für "Fire Like This" verbunden sehen will: "Unsere Grundhaltung hat sich nicht geändert: Wir sind immer noch angepisst, wir haben immer noch schlechte Laune." Was man beim Anblick der beiden scheinbar perfekt miteinander harmonierenden Bandmitglieder fast für eine Art Mittel zum Zweck hält. "Die Mutter einer Freundin erzählte mir mal, dass sie sich unser Debütalbum nie ganz habe anhören können, weil es so traurig sei. Ich hingegen finde es weniger traurig als vielmehr wütend. Ein Song wie 'It's Getting Boring By The Sea' ist doch nicht traurig", versucht Laura zu relativieren. Doch zwischen Trauer und Wut verläuft auch auf "Fire Like This" wieder ein schmaler Grat.



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aus Intro #180 (März 2010)
 
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  • User: stefan_
  • stefan_ 03.03.2010 | 19:31:57

    Geile Band! Geiles Album!

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