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Beach House

Eskapismus als Pärchen?

23.02.2010, 17:00, Text: Thomas Venker, Foto: Jose' Cunha

Die Sache ist klar: Wer Beach House sagt, der zeigt der großen weiten Welt mit all ihren Verbindlichkeiten den Staub. Doch rennen Victoria Legrand und Alex Scally wirklich davon? Und halten sie dabei Händchen? Thomas Venker (Text) und Afsaneh Taki (Interview-Assistenz) haben das Duo dem Realitätscheck unterzogen.

Kaltstart mit Fakten

Beach House, das sind Victoria Legrand und Alex Scally. Die beiden stammen aus Baltimore, Maryland, der Stadt von The Wire, John Waters und Dan Deacon. Einer Stadt also, die zugleich und sich bedingend Drogenkriminalität, hohe Mordraten und spannende kulturelle Strömungen zu bieten hat, neben billigen Mieten und - hervorgerufen durch die Kleinstadtverhältnisse (Baltimore hat 600.000 Einwohner) - einem sehr engen, kooperativen sozialen Künstlernetzwerk. Gemeinsam Musik machen sie seit fünfeinhalb Jahren, zunächst im Rahmen einer anderen Band, die allerdings jäh an ihrer vornehmlichen Konzentration auf Party, nochmals Party und Drogen zerbrach, um sich dann als wortwörtlicher Pop-Phönix aus der Asche wieder und erst so richtig als Duo aufzuraffen.


Bislang haben es Beach House zwar noch nicht in den Mainstream der Schwermütigen geschafft, den ihre Musik absolut bedienen könnte. Aber das Touren als Vorband ihrer Freunde Grizzly Bear, die diesen Sprung bereits gemeistert haben, hat sie immerhin in die Welt der 400er-Clubs gebracht - von dort aus ist es bekanntlich nur einen Werbedealsong weit in die 1000er-Hallen. Damit aber erst mal genug der Fakten, beginnen wir lieber mit dem Eskapismus, auf den im Diskurs zu Beach House so vieles hinausläuft. Konstruiert und dekonstruiert.

Der Soundtrack zur Weltflucht?
Ist ja so ein schönes Klischee: Girl/Boy-Duo lässt sich gar nicht erst hineinziehen in die globale Verwirrung über Systemzukunft, Währungsstabilität und all den Mist, den sich die Erwachsenen ausgedacht haben, um die schönen Dinge im Leben auf die Teenagertage beschränkt zu lassen (und vielleicht noch die Twens-, wenn man privilegiert studieren darf), und rennt Hand in Hand in einen überstilisierten Hollywood-Sonnenuntergangs-Himmel. Ein immer wieder Tränen in die Augen treibendes romantisches Bild (auch wenn wir nur zu gut wissen, dass es meistens wie bei Romeo und Julia endet), das im Sound von Beach House auch sehr gut geerdet wird.

Victoria Legrand und Alex Scally wollen keinem wehtun. Der Sound ihres Duos, das live um einen Schlagzeuger ergänzt wird, besetzt binnen Sekunden alle ansonsten auf Abwehr geeichten Synapsen, macht willenlos ergeben. Ergeben der Schönheit dieser Musik, ergeben der Leichtigkeit, die das Leben plötzlich wieder zu haben scheint. Alles fügt sich ineinander, die Synthesizer-Anschläge schmeicheln mehr den Tasten, als dass diese akzentuiert gedrückt werden, das Schlagzeug ist so zärtlich in seinem Antippen wie ein schüchterner Jüngling beim ersten Kuss, alles ist wie in Watte gepackt - Victorias Erzählstimme unterfüttert das mit ihrem monotonen, zutiefst beruhigenden Duktus.

Und eben doch nicht: Hängt man erst einmal an ihren Lippen, so öffnet sich die scheinbar in ihrem Ausdruck so zentrierte Stimme Takt um Takt, offenbart Abgründe, melancholische San-Andreas-Gräben, wie sie in ihrer Vehemenz eben nicht nur zwischen Erdplatten vorkommen, sondern auch zwischen Menschen - und einem selbst und der Welt. Victorias Stimme trägt diesen Zweikampf zwischen dem kindlichen Beharren auf "alles wird gut" und den drohenden Übeln der kalten Welt da draußen in einem fort aus: Brüchig, in Whisky eingelegt, croont sie sich auf eine betäubte Art und Weise durch die Songs.

Insofern gilt: Ach, wär das schön gewesen, das mit dem Eskapismus, aber wie so viel schwermütige Musik, in deren Tradition man Beach House sehen sollte - ich denke da beispielsweise an Mazzy Star, Codeine, Hope Sandoval oder auch Slowdive -, versteht man diese absolut nicht richtig, reduziert man sie auf immer kleiner werdende Schritte im Sand. Die laut grölende Musik der Stadienacts erscheint zwar viel eher dem survival of the fittest battle entsprechend, das unsere heutige Gesellschaft - auf sozial nach unten deregulierend und dementsprechend zurück zum Ellbogencheck konditioniert - zu verlangen scheint, aber eben nur, wenn man denkt, durch Anschreien könne man Probleme lösen. Millionen Kinder geschiedener Eltern wissen es besser. Und auch Melancholiker. Denn niemand denkt intensiver über die Welt nach - und leider hört auch kaum jemand jenen zu, die keine Wahl haben, sich zu stellen oder nicht.

Hören wir also zu. Konkrete Lebenshilfe gibt es natürlich - um die Fallhöhe gar nicht erst entstehen zu lassen - nicht. Zuhören heißt, die feinen Schwingungen zu spüren. Beach House sind keine Band für Slogans, sondern für Empfindungen - was wir aus diesen machen, das steckt in uns. Victoria spricht in diesem Zusammenhang davon, dass ihrer Musik "etwas Reales anhaftet", und liefert sofort die weiter ausführende Definition dessen, was das für sie bedeutet und woher ihr Anteil kommt: "Es ist obsessive Musik. Ist es nicht seltsam, einen Song aus den eigenen Gefühlen zu entwickeln? Ich weiß anschließend nie, wie er zustande gekommen ist. Ich schreibe die Texte meistens am Klavier, kann aber nicht sagen, wann das losgeht. Plötzlich sind abstrakte Bilder da, ohne narrative Linien, eher seltsame intuitive Gefühle. Sie basieren auf meinen Empfindungen, sind aber nicht direkt, auch wenn die Amerikaner das so mögen, so in der Art von 'I Am A Slave For You'. [lacht laut] Nein, letztlich muss jeder Hörer seine eigene Welt daraus machen. Die Leute spüren die Energie, es hat was von Seelenverwandtschaft."

Das Interessante an den Texten von Beach House ist genau diese hier skizzierte Mischform aus real und vage. Wo andere Künstler, die sich nicht direkt präsentieren wollen, auf die Welt der Literatur zurückgreifen und so eine Distanz zu sich und allen direkten Ableitungen, für die man sie haftbar machen könnte, schaffen, taumelt Victoria sozusagen in die eigene Erschaffung einer literarisch verschwommenen Welt, die alles und nichts aussagen kann - ganz wie die echte Welt. Für Alex fühlt sich das dann so an: "Ich höre mir Victorias Texte natürlich sehr intensiv an - oft stirbt ein Song ja, wenn der Text dazukommt, aber Victoria ist das noch nie passiert. Sie sind sehr normal angelegt, so was wie 'Ich komme in einen Raum, da ist ein Stuhl, und ich setze mich auf diesen'. Auf ihre Art sind sie referenziell zur Gesellschaft - und dienen zugleich auch als Bindeglied zur Musik. Alles ist ein Hin und Her."



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aus Intro #180 (März 2010)
 
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