Owen Pallett
Final Fantasy im Herzland
22.01.2010, 15:43, Text:
Lutz Happel, Foto: Johanna Ruebel
Final Fantasy ist ein Ein-Mann-Orchester, das sich selbst in die Enge treibt. Und da wird es interessant, findet unser Autor Lutz Happel. Er ist allerdings nicht der Erste, der dem besonderen Charme des Owen Pallett erlegen ist - dessen kanadische Landsleute Arcade Fire und Hidden Cameras haben ihn in der Vergangenheit bereits als Wundergeiger für ihre orchestralen Ambitionen gebucht. Nun will Pallett mit seinem neuen Album "Heartland" auch solo ganz groß rauskommen.
"Mein Leben war schon immer etwas schräg", sagt Owen Pallett, angesprochen auf seine Kindheit als militanter Klassik-Nerd, kokett schmunzelnd. Und mit seinen frühen Vorlieben sind nicht etwa die erwartbaren Standards Beethoven, Mozart, Haydn, Bach gemeint, sondern der avancierte Neoklassizismus des 20. Jahrhunderts: Bang On A Can, Wolfgang Rihm, David Lang.
Das sind schon fast pervers fortschrittliche Soundentwürfe für einen Teenager. Sie verraten, aus welch entlegenen Quellen dieser knabenhafte Geigen-Wonderboy, Sohn eines Kirchenorganisten aus Mississauga, Kanada, seine Inspiration schöpft. Aber sie zeigen auch, dass er es ernst meint mit dem Popformat "Geigenmusik", einer Gattung, die normalerweise scheußliche Albträume mit André Rieu oder Vanessa Mae in den Hauptrollen hervorruft. Von denen aber ist Final Fantasy so weit entfernt wie, sagen wir, John Cale von Karl Moik (immerhin kommen bei beiden hin und wieder Geigen vor). Ja, man könnte Pallett fast für einen Erben John Cales halten, der den klassischen Minimalismus im New York der 60er-Jahre in den kaputten Popkontext von Lou Reeds The Velvet Underground einbrachte. Denn Final Fantasy, Palletts Ein-Mann-Band, ist eine Schnittstelle für Pop und zeitgenössische Komposition, ohne das eine gegen das andere auszuspielen oder besser: ohne überhaupt eine Grenze zu ziehen. Das Rad muss sich weiterdrehen, und Pallett dreht kräftig mit.
Los ging für ihn alles in Toronto, nach einem Kompositionsstudium für zeitgenössische Oper. Zunächst als Teil des Bandkollektivs The Hidden Cameras, später mit Arcade Fire, und schon bald hatte er in der musikalisch eng vernetzten Indie-Hochburg Toronto den Ruf eines designierten Streicher-Arrangeurs weg, der die Alben seiner Bandkollegen mit Kammermusik veredelt.
Die Initialzündung für das eigene Projekt Final Fantasy entstand aus einem technischen Experiment: Wäre es möglich, Geigenläufe zu spielen, per Sampler übereinanderzuschichten, per Fußpedal daran herumzumanipulieren und nebenbei noch zu singen? Und das live? Die Antwort ist ein klares Ja. Und damit wäre Palletts künstlerisches Selbstverständnis definiert: Er treibt sich in die Enge und macht das bewusst sichtbar, indem er ganz allein auf die Bühne geht, dorthin, wo die Gefahr des Scheiterns lauert. Zumindest für einen Irren wie ihn, der sich, nur mit einer Loop-Station bewaffnet, die Arbeit eines ganzen Orchesters zumutet, plus Gesang. "Künstlerisches Scheitern kann genauso großartig sein wie Erfolg. Wenn du einen Turner siehst, der ganz ordentliche Schwünge draufhat, ist das schön anzusehen, aber es ist überwältigend, wenn du einen siehst, der das Unglaubliche versucht und daran scheitert", erklärt Pallett. Dabei hat er einen engen musikalischen Verbündeten im Geiste, der ebenfalls an der stark verminten Grenze zwischen hypertropher Klassik und hypermodernem Pop erfolgreich operiert: Patrick Wolf. Genauso wie Wolfs sind Palletts Alben komplexe Erzählungen, postmoderne Märchen, die mit ihrer Komplexität aber nicht hausieren gehen. Mag man darin lesen, was man will. Oder einfach einem etwas vertrackten Album voller melodiöser Songs lauschen, die eben nicht auf Gitarren-, sondern Geigenklängen aufgebaut sind. So what.
Das neue Album "Heartland" erfüllt all diese Erwartungen. Es steht zwischen allen Stühlen und funktioniert dennoch. Mal als Genre-Bastard, mal als voll funktionsfähiges Pop-Album mit Strophen, Chorus, Gesang und allem Drum und Dran. Aber auch als eine lange weltfremde Erzählung, die T.S. Eliots "The Waste Land" nicht nur im Titel ähnlich ist. Diese verschlungene Erzählung spielt in der neblig-mythischen Welt Spectrum, in der eine Figur namens Lewis unterwegs ist, die wiederum ihren Erschaffer, Owen Pallett höchstpersönlich - eine Art übergeordnete Entität dieser Welt -, besingt.
Klingt konstruiert? Pallett: "Ich glaube nicht, dass meine fiktionale Musikwelt seltsamer ist als irgendeine andere. Nimm Bruce Springsteens 'Nebraska' oder 'Ziggy Stardust' von David Bowie oder von mir aus irgendeine HipHop-Platte. Da wird über das gerappt, was im eigenen Leben passiert oder auch nicht passiert. Der einzige Grund für mich, diese fiktionale Welt aufzubauen, ist, mich von der Stimme in ihr ein wenig zu distanzieren. Ich bin nicht derjenige, der da singt. Es ist Lewis, der aus seiner Perspektive über mich, zu mir und zu anderen Leuten singt."
Nun ja, so ist das eben mit Owen Pallett. Manchmal geht der Nerd mit ihm durch. Aber immer mit großer popistischer Geste
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