Delphic / Ewan Pearson
Der neue Glanz von Manchester
22.01.2010, 15:49, Text:
Thomas Venker, Foto: Sebastian Mayer
Nur weil James Cock und die Brüder Rick und Matt Cocksedge aus Manchester stammen, müssen sie noch lange nicht wie die Stadt klingen. Das gesagt, können wir vermelden, dass ihre Band Delphic trotzdem an New Order erinnert, dabei aber so erfrischend unbedarft daherkommt, dass nicht nur das üble Wort Epigonentum keine Berechtigung hat, sondern sie es sich gar leisten können, das Debütalbum kokett mit einem so uneingängigen Titel wie "Acolyte" zu verzieren. Übersetzt bedeutet das übrigens Gefolgsmann - und in Thomas Venker haben sie bereits einen gefunden. Auch Fotograf Sebastian Mayer ist mit dabei, wird aus Tokio zu Protokoll gegeben.
Verloren in Tschernobyl
Ein Mann sitzt im Auto, er wirkt verwirrt, blickt verloren in die Weite. So wie man eben dreinschaut, wenn man nicht so recht weiß, wie die Dinge weitergehen sollen. Über ihm schweben die düsteren 80s-Klänge von "Counterpoint", einem der Songs des Debütalbums der jungen britischen Band Delphic. Im Raum steht die Bitte, jemand möge ihm versichern, dass alles gut ist: "Tell me nothing is wrong today." Doch wenn man im Gegenschnitt ein weibliches Model sieht, genauso verloren, dann weiß man, so leicht wird das nicht gehen. Das Leben ist eben kein Wunschkonzert. Oder doch? Denn so trostlos die Stimmung, so grau die Bilder, so trist die vermittelte Realität, auch der Gefühlsresistenteste kann sich diesem Kribbeln nicht entziehen, das die Musik von Delphic auslöst. Sie ist es, die die Dinge ändern wird, die Welt des Protagonisten (und unsere) noch mal herumreißt.
Neues Video, gleiche Grundthematik und auch Ästhetik. Im Clip zur ersten Singleauskopplung "This Momentary" sehen wir die zerstörten Räume und Landschaften von Tschernobyl, in fahle Bilder eingefangen. Apathische ältere Menschen - aber auch tanzende Kinder. Wieder ist der Aufbruch ein dezenter. Doch wo "Counterpoint" noch deutlich verhaltener ist in seinen ekstatischen Qualitäten, geben Delphic diesmal dem Optimismus mehr Unterfütterung, in Sound und Wort. Da ist von der "time to leave it behind" die Rede, von der Aufforderung "let's do something real", gepusht von einer anmutig schön kickenden Bassdrum, einem nervös pulsierenden Keyboardsound und dem rotzig verwehten ekstatischen Seufzen des Sängers. Schöner (sic) kann man die Musik dieser jungen elanvollen Band nicht bebildern. Hier steckt all das drin, was das Trio sich auf die Fahnen geschrieben hat: inhaltlicher Überbau, Ernsthaftigkeit ohne Unlockerheit und vor allem dieser Urglaube, dass man alles, aber auch wirklich alles verändern kann, wenn man nur dran glaubt.
Fotostrecke:Delphic-Intro-Fotoshooting
Tee & Distinktion
"Wir sind nicht selbst nach Tschernobyl gefahren", erzählen mir James, Rick und Matt an einem deutlich angenehmeren Ort. Wir sitzen im Aufenthaltsraum von Cooperative Music, der Firma, die für das französische Hipsterlabel Kitsuné, bei dem Delphic unter Vertrag stehen, die deutschen Belange koordiniert. Den frischen Ingwertee, der uns netterweise serviert wird, übergießen die drei, ganz die Engländer, die sie sind, mit ordentlich viel Milch, räuspern sich kurz und blenden wieder zurück in den Schrecken: "Wir wollten eigentlich dabei sein, aber die Aufnahmen zum Album zogen sich hin und verhinderten es. Ganz so unrecht war es uns aber nicht, all die Geschichten über die Radioaktivität können einen schon verschrecken."
Durchaus mutig, eine junge Band, zumal aus so attraktiven Jungs bestehend, nicht in den Clips zentral zu inszenieren. Genau an diesem scheinbar nicht umgehbaren Axiom verreckten in den 90ern viele tolle Videoideen. Auf diese Idee wären Delphic nie gekommen: "Wir haben da nicht mal drüber gesprochen. Der Wunsch, dass das alles möglichst echt und stimmig wirkt, war leitend. An Tschernobyl fasziniert doch vor allem, dass ein einzelner Moment so viele Leben beeinflusst hat - das muss man nicht mit Schauspielern zeigen."
Dem einen oder anderen wird es schon aufgefallen sein: Die Zitate in diesem Beitrag kommen ohne Personenzuschreibung aus, die Worte werden im Wir gebracht. Delphic sprechen im Plural. Das zeugt nicht nur von der Geschlossenheit der Band, sondern hat auch viel mit dem von ihnen Verhandelten zu tun. Denn Obacht, wir haben es nicht mit der nächsten Youngster-Combo zu tun, die uns nur Schmissiges um die Ohren knallen will. Nichts gegen das und auch nichts gegen einen guten Tanz, aber: Delphic wollen wachrütteln, Dinge verändern, sich nicht allzu früh der Monotonie und Wiederholung ergeben. Mit einer für ihr Alter verwirrenden Ernsthaftigkeit diskutieren sie alles aus.
Ein kurzes Briefing in Geschichte
Auch wenn der neunmalkluge Hipster heutzutage mit den Kitsuné-Labelsamplern schon mal ganz gut ausgestattet ist, so sind diese doch selten der erstmögliche Kontakt mit einer jungen Band. Von MySpace und Free-Blog-Giveaways mal abgesehen, sind es noch immer die ersten Maxis, die uns anfixen sollen - und, wenn es klappt, sich schnell zu Objekten der Begierde mausern. Damit das auch bei ihnen so kommt, haben sich Delphic für ihre Debüt-Maxi ein ganz besonderes Label ausgesucht: R&S Records, das legendäre belgische Techno-Imprint. Die Geschichte hinter diesem One-Off-Deal sagt viel über die Band aus: "Wir hatten jede Menge Songs geschrieben und wollten auch mal live spielen, also versuchten wir auf Partys unterzukommen in Manchester. So kam es, dass wir bei 'Channel Manchester', einer lokalen TV-Show, auftreten durften - das ist so was in der Art wie 'So Goes', die Sendung, die Tony Wilson früher gemacht hat. Eine Woche später kamen all diese Majorlabelleute bei uns vorbei, diese ganzen Londoner Wichser, die mit ihren Labels immer so unbescheiden angeben. Also rebellierten wir dagegen und sprangen auf R&S an, das erschien uns als schöner Twist zu den anderen."
Es geht den dreien bei allem, was sie tun, um die höchstmögliche Kontrolle. Eine Grundhaltung, die die klassische Zusammenarbeit mit einem Produzenten nicht unbedingt leicht machte. Die standen zwar wie die A&Rs recht schnell Schlange, aber so richtig klappen wollte es dann nicht mit Tom Rowlands von den Chemical Brothers, dem sie nach langen Beratungen den Zuschlag gegeben hatten. Da die Band die Songs sowieso schon allein sehr weit getrieben hatte, war sie kurz davor, auch den letzten Schritt selbst zu machen, als ihnen Ewan Pearson empfohlen wurde. Und siehe da, bald schlugen die Herzen im Einklang.
1 | 2 | 3 | ... weiterlesen »
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Kettcar - Reset für einen Abend
- 02 Little Boots - Von eins bis vier
- 03 Neue Bands für's Jetzt - Newcomert...
- 04 Wer zum Teufel ist eigentlich...?...
- 05 Zwischen den Künsten - Dagobert
- 06 Maxïmo Park - Von der Unfähigkeit,...
- 07 Checkt das, neue Bands - beim Euro...
- 08 Checkt das, neue Bands - beim Euro...
- 09 Mouse On Mars - Unabbildbare Musik...
- 10 Checkt das, neue Bands - beim Euro...
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...
Gruppen
MISS KITTIN AND THE HACKER
Hier geht es um MISS KITTIN AND THE HACKER: Carline Herve und Michel Amato aus Grenoble, Frankreich





