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Pantha Du Prince

Der Wald der Städte

22.01.2010, 15:46, Text: arno raffeiner, Foto: Joachim Zimmermann

Trotz Schnee, trotz Nebel hat man von oben eben doch eine andere Sicht auf die Dinge. Pantha Du Prince hat sich für sein drittes Album "Black Noise" in die Berge zurückgezogen - das Ergebnis ist ein völlig neuer Blick auf die Natürlichkeit von House Music. Auch Arno Raffeiner genießt das Panorama.

Hendrik Weber will raus. Aus den üblichen Zusammenhängen, inzestuösen Szene-Spots, raus aus dem Kontext. Zum Gespräch über seine Musik bittet er in ein elegantes gutbürgerliches Kaffeehaus auf der Kurfürstenstraße in Berlin-Tiergarten. Keine Medien-People, kein Mitte-Schick, kein Indie-House, dafür ringsum Suppenschlürfer beim zweiten Frühstück um elf, dazu französische Tageszeitungen. Weil bedeutungsschweren Metaphern in Webers Welt kaum zu entkommen ist, möchte man auch das gleich als Symbol lesen. Und es stimmt: Eine Rausbewegung führt eben immer auch irgendwo rein.


Weber will rein in die Natur, in die Berge - und er will rein in die Mitte. Nicht in die des Biene-Maja-Mittelstands, sondern in die Mitte im Club, nach der er als jenem gedanklichen Idealort sucht, an dem man alles hört und alles hat: Minimal-Beat und Flächenromantik und Elektroakustikgefummel, Erzählung und Exzess und Sich-Vergessen. "Ich habe diese Vorstellung, dass es im Raum so Zonen gibt. Dass also die strengen Minimal-Leute den ganzen Abend nur im Beat bleiben können. Und die, die überhaupt keine Lust haben zu tanzen, die können sich nur die Flächen und Melodien anhören. Und die, die alles wollen, die gehen in die Mitte." Es würde Weber bestimmt gefallen, mitten in diesem sozialen Raum eine organisch gewachsene Naturbetonwand zu sehen, an der die Sounds sich brechen und vielfach aufgesplittert ihre Geschichten erzählen, die eben nicht nur von den immergleichen urbanen Techno-Klischees handeln.

Von Erdrutsch to: hörbare Antimaterie
Anfang 19. Jahrhundert, Schweizer Voralpen. Ein Erdrutsch begräbt ein ganzes Dorf unter sich. Die Stille nachher ist unheimlich, trügerisch, eloquent, schwarz. Fast zweihundert Jahre später spüren Kontaktmikrofone dem Hintergrundrauschen der Katastrophe nach, den Klängen des Gesteins, des Waldes, der sich auf dem abgerutschten Hang zur Ruhe gesetzt hat.

Es sind die Mikrofone von Hendrik Weber, lange Bassist der Hamburger Band Stella, heute als Mitbetreiber des House-Labels Dial in Berlin und Paris zu Hause. Er hat sich gemeinsam mit seinen Freunden Joachim Schütz und Stephan Abry nahe Zürich in einer Holzhütte einquartiert, um Geräusche und Geschichten zu sammeln. Aus den in den Bergen entstandenen Aufnahmen modelliert er später - mit Noah Lennox (alias Panda Bear) als Gast am Mikrofon und Tyler Pope am Bass - die Stücke für sein drittes Pantha-Du-Prince-Album: sonische Antimaterie, ins Hörbare überführt.

Wenn Weber über die Entstehung des Albums spricht, nimmt er viele Worte, nicht mal nur die besonders schweren, mit einem distanzierenden Gestus in den Mund, mit Samthandschuhen aus Umgangssprachenfloskeln und lauter dazwischengeschobenen Sos und Wies. Durch die Sammlung von Klängen im Unterholz, im Schnee, im Gestein unter dem abgerutschten Berg habe er in etwas reingucken wollen "so wie in so ein Spektral", um darin etwas zu entdecken, dann selbst weiterzuerzählen und dadurch "so etwas wie einen Track" entstehen zu lassen, destilliert aus einem Erlebnis, einer Atmosphäre, aus dem damit aufgeladenen Klangereignis selbst.

Dass er für das Ergebnis dieses Prozesses vom eigenen Label Dial zur Indie-Institution Rough Trade gewechselt ist, beschreibt er als angenehme Überraschung, letztlich aber als etwas vollkommen Natürliches. Man will sich auch gar nicht wundern darüber. Schließlich steht Pantha Du Prince für den organischsten House, den man in den letzten Jahren zu hören bekam und der auf Tanzflächen ebenso entzückt wie beim Shoegazing.
Vorherrschende Klangfarbe auf "Black Noise": Antidüsternis. Mit einer vom "K-Jahr" 2009 geprägten Lesart würde man es sich zu einfach machen, selbst wenn im CD-Booklet von in Clustern kommenden Desastern zu lesen ist, angekündigt oder vielmehr begleitet von einem Soundtrack aus schwarzem Rauschen. Weber schaut zu, wie sich dieses Rauschen wie von selbst verwandelt, döst im Prozess weg, schreckt plötzlich wieder hoch, weiß zwar nicht wirklich, was war, aber fängt den Nachhall davon noch ein und schafft es, ihn zum Tanzen zu bringen. Dass man nachher nun ewig schlau über diese Musik spekulieren und theoretisieren kann, ist ein Mehrwert, der Freude macht, die Musik aber doch seltsam unberührt lässt. Sie ist nicht auf ein verstandesmäßiges Erfassen ausgerichtet. Es ist eine Musik der Ahnungen, des Sich-Einlassens, der Empfänglichkeit für schwache oder ab und zu auch eindeutigere Impulse, und es ist - ganz pragmatisch unverschwurbelt gesagt - elektronische Tanzmusik, Musik für den Club. "Ich sag immer: Der Club ist der Wald der Städte. So habe ich das auch wahrgenommen, mein Leben lang. Der Club war für mich irgendwann das Substitut. Bis zwölf geht man in den Wald, ab 13 geht man samstags in den Club. Bei mir war das wirklich so, übergangslos. Vorher habe ich meine Vögel beobachtet, und danach war ich im Club und nicht mehr im Wald."
Wenn man Hendrik Webers Kunst ganz auf- und auseinanderklappt, ist da als Foto mitten im Booklet: Naturbeton. Entstanden aus Druck und Bewegung, aus dem ewigen Geschiebe der Naturkräfte im Berg.

Termine Pantha Du Prince
22.01.2010 Hamburg, Uebel & Gefährlich » Details | Merken | Anreise
23.01.2010 Lüneburg, Gebäude 9 » Details | Merken | Anreise
23.01.2010 Köln, Stadtgarten » Details | Merken | Anreise
05.02.2010 Wien, Pratersauna » Details | Merken | Anreise
27.02.2010 Zürich, Club Zukunft » Details | Merken | Anreise
05.03.2010 Dresden, Scheune » Details | Merken | Anreise
07.03.2010 Amsterdam, Melkweg » Details | Merken | Anreise
12.03.2010 München, Rote Sonne » Details | Merken | Anreise
30.04.2010 Frankfurt / Main, Tanzhaus West » Details | Merken | Anreise
25.06.2010 Köln, Zoo » Details | Merken | Anreise

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aus Intro #179 (Februar 2010)
 
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