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Tegan And Sara

Der heilige Schmerz

22.01.2010, 15:45, Text: Lutz Happel, Foto: Diane Vincent

Die kanadischen Powerpop-Zwillingsschwestern Quin sind Kinder der 90er und nach sieben Alben schon alte Hasen im Musikbiz. Unser Autor Lutz Happel sprach mit ihnen über ihr neues Album "Sainthood", das Erwachsenwerden und die Professionalisierung der Leidenschaft.

Talking Bout My Generation
Ortstermin Ramones-Museum, Berlin. An den Wänden hängen vergilbte Zettel mit Songtexten, grobkörnige Schwarz-Weiß-Fotografien, alte Band-T-Shirts, Exponate aus einer fernen Vergangenheit. Museen sind Orte der Toten. Die Silver Jews sangen vor ein paar Jahren die Zeile: "Punkrock died when the first kids said: Punk's not dead!" Nun ja, in einer kleinen Vitrine ist jedenfalls eine speckige Lederkutte mit den Unterschriften der vier Ur-Amipunkrocker Ramones ausgestellt, hinter Glas, datiert auf 1995; da waren Tegan und Sara 15 und im Begriff, ihren Highschoolabschluss zu machen. Und die Ramones waren so gut wie am Ende.


Nun, 14 Jahre später, sitzen die Schwestern Quin in einer kleinen dunklen Nische des Ramones-Museums, genau dort, wo ein Flachbild-Fernseher an der Wand hängt. Es ist das einzige Anzeichen der Gegenwart in diesem Punkrockschrein. Und die beiden wirken wie quirlige Enkel, die ihre komischen Großeltern auf dem Friedhof besuchen. Agitation? Manifeste? Selbstzerstörung? Das eigene Leben als Beglaubigung der Musik? Punkrock? Die Geschichte von Tegan And Sara hat andere Rahmenbedingungen.

"Wir sind keine politische Band, aber wir sind superpolitische Menschen in einer Band", meint Tegan dazu. Man könnte, diesen Duktus aufgreifend, hinzufügen, dass sie keine Gay-Band sind, sondern Gay-People, die in einer Band sind. Vor zehn Jahren spielten sie auf der Lilith Fair, einem Festival für ausschließlich Künstlerinnen, ein genreübergreifender feministischer Schulterschluss von L7 bis Sheryl Crow. Und noch immer betonen sie, wie wichtig für sie als Teenager Künstlerinnen wie Kathleen Hanna (Bikini Kill, Le Tigre) oder Ani DiFranco waren; als Rückendeckung für das eigene Leben, um sich selbst zu positionieren, als queere eineiige Zwillinge.


Spricht man die beiden heute auf diese ziemlich einzigartige biografische Besonderheit an, merkt man, dass sie ihren Standpunkt längst gefunden haben. Sie verstehe, sagt Sara, das sei schon "fucking fascinating". Es hört sich höflich, aber etwas gelangweilt an und so, als ob es nicht viel mit ihrer Musik zu tun habe. Der Habitus wirkt ein bisschen so, wie Charlotte Roche über Alice Schwarzer zu reden pflegt, wie über jemanden, der einmal wichtig gewesen ist, vor langer Zeit. Und ebenso wie Roche spielen die beiden umtriebigen Zwillingsschwestern gekonnt auf der Klaviatur der Medien und entwaffnen ihr Gegenüber eher durch Sympathie als durch Aggressivität. Sie haben kein Problem damit, als Role-Models der queeren Mainstream-Kultur vereinnahmt zu werden. Ganz im Gegenteil, von solchen Role-Models gäbe es noch viel zu wenige. Überhaupt fällt auf, dass "Mainstream" oder "Karriere" keine Schimpfwörter für die beiden sind.

Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut
Bemerkenswert ist das auch, weil der zielstrebige Aufstieg der beiden Kanadierinnen wirklich nichts auslässt, was man unter dem American Dream eines Musikerinnenlebens subsumieren könnte: Das Spektrum reicht von verregneten Warm-up-Shows vor drei zahlenden Gästen bis zur Appearance bei Late-Night-Talker David Letterman. Und wie sollte dieser Dream anders anfangen als mit einem gewonnenen Nachwuchswettbewerb in ihrer Heimatstadt Calgary? Das Preisgeld wurde gleich in die erste eigene Plattenproduktion ("Under Feet Like Ours") gebuttert. Als wenig später dann niemand Geringerer als Neil Young von dem ersten Release der talentierten Indie-Schwestern Wind bekam, hatten sie bald nicht nur einen richtigen Deal für ihr zweites Album "This Business Of Art" mit Vapor Records (Youngs Label), sondern auch noch einen erstklassigen Rockopa als Mentor. "Wir verstehen uns sehr gut mit Neil", erzählt Tegan. "Er hat eine wundervolle Familie. Seine Kinder sind in unserem Alter." Young hat sicherlich dazu beigetragen, dass seine beiden Schützlinge fortan die Hälfte ihrer Twen-Jahre mit Herumtouren verbrachten, zusammen mit ihm selbst, Ryan Adams, den Pretenders, Ben Folds, The Killers, Weezer und und und.



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aus Intro #179 (Februar 2010)
 
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