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Hot Chip

Alles ist erlaubt

22.01.2010, 15:47, Text: Sebastian Ingenhoff, Foto: Kathrin Spirk

Spätestens mit dem Album "Made In The Dark" sind Hot Chip zur Band der Superlative geworden. Mit vielen schönen bizarren Blüten in Sound, Show und Erscheinung. Auch angesichts des neuen Albums "One Life Stand" weiß Sebastian Ingenhoff nur Spannendes über die Band zu berichten.

Hot Chip sind seit dem Lo-Fi-Kleinod "Coming On Strong" aus dem Jahr 2004 mit jeder Platte gewachsen. So ist es wenig verwunderlich, dass auch das Medienecho immer wahnsinniger wurde. Als die "Rettung der Popmusik" wurden die Londoner schon gefeiert. Als eine "Band völlig neuen Typs". Und so weiter. Die Folge: Von Hot Chip erwartet man nicht nur ein neues Album, sondern mindestens einen Meilenstein. Und selbst wenn Vorsicht geboten sein mag in Sachen Superlative, wird man "One Life Stand" tatsächlich als einen solchen bezeichnen dürfen.


Es gibt keine herausragenden Hits wie noch auf "The Warning", auch kein übermäßiges Genrehopping wie auf "Made In The Dark". Einfach zehn gleichwertige großartige Songs, die in genau dieser Reihenfolge Sinn machen. Es handelt sich tatsächlich um ein Album. Produktionstechnisch haben die fünf zur Beletage der elektronischen Popmusik aufgeschlossen, auch wenn die Songs immer noch zu Teilen in Alexis' und Joes Schlafzimmern fabriziert werden. Das Stück "I Feel Better" ist ein würdiger Abschluss des Autotune-Jahres 2009. Trotz der vielen Instrumente und Ideen wirkt nichts opulent oder zu dick aufgetragen. Hot Chip sind keine Angeber, sondern nähern sich der Popmusik mit Respekt und einer gewissen Demut. Darin sind sie niedlich wie eh und je. Den ganzen Trubel um die eigenen Personen verstehen sie immer noch nicht so ganz.


Der reizvolle Owen

Alexis Taylor, Owen Clarke und Felix Martin sind zum Interviewmarathon nach Berlin bestellt worden, Joe Goddard und Al Doyle absolvieren zeitgleich in Paris ein ähnliches Programm. Wir befinden uns im Weekend, dem Club mit dem Panoramablick aus dem zwölften Stock über den Alexanderplatz. Alexis streunt mit seinem Manager telefonierend durch den Raum, irgendwas mit den Credits im Booklet stimmt offenbar nicht. Die Genervtheit hält sich aber im Rahmen. Wer die Band schon mal interviewt hat, weiß, dass man selbst am Ende eines langen Promotages auf allürenfreie und redselige Gesprächspartner trifft. Auch muss man keine Befürchtungen haben, immer die gleichen Standardantworten kredenzt zu bekommen, egal wen von der Bande man interviewt.
Diesmal gibt es Owen, den reizvollen. Das ist der Gutgekleidete, der überhaupt nicht nach Nerd aussieht. Wobei die Sache mit dem Nerdtum schon etwas überstrapaziert wurde im Zusammenhang mit Hot Chip. Denn natürlich ist jeder interessante Künstler ein Nerd. Owen hat unglaublich schöne Augen, er sieht aus wie ein klassischer Schauspieler. Bau dir ein Kind aus den Knochen von Cary Grant, werden sich seine Eltern gedacht haben. Als Jüngling schickte man ihn auf die Kunsthochschule, er aber stieg schließlich bei seinen Schulfreunden als Provisorium ein, zunächst nur für die Konzerte. Damals waren Hot Chip noch ein Zwei-Mann-Projekt, bestehend aus Alexis und Joe, das alte Spacemen-3-Stücke coverte. Die beiden schreiben auch jetzt noch den Großteil der Songs. Felix, Al und Owen ergänzen die Skizzen im Proberaum, den man sich mittlerweile wie ein kleines Studio vorstellen muss. Meistens gehen die Stücke am Ende dann in eine völlig andere Richtung als geplant. Oft gebe es verschiedene Varianten der einzelnen Songs. Nicht leicht, sich da für die objektiv beste zu entscheiden, erzählt er.


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aus Intro #179 (Februar 2010)
 
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