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Tocotronic

Die Gunst des Zweifels

22.01.2010, 15:48, Text: Mario Lasar, Foto: Michael Mann
[1 Kommentar]

Nach dem Flirt mit Unvernunft und der Hinwendung zur Selbstaufgabe folgt mit "Schall & Wahn", benannt nach einem William-Faulkner-Roman, ein Album, auf dem sich die Band darin gefällt, sich in Musik zu verlieren - ohne Netz und doppelten Boden, dabei aber doppelbödiger denn je. Mario Lasar traf die Band zu Kaffee und Käsekuchen in Berlin.

Es gilt Songs zu bestaunen, die ihre Protagonisten am Rande jedweden Konsens' positionieren, um sie von dort aus Worte Richtung Mitte singen zu lassen, die dennoch völlig dezentralisiert anmuten. Es fliegt eben alles auseinander, zersplittert in tausend Teile und Spiegelscherben, in denen sich die Reflexion nur mehr als desintegrierte Erscheinung bricht ("Ich bin Graf von Monte Schizo", "Gesang des Tyrannen"), so wie die Bedeutungen der Begriffe, mit denen Tocotronic hantieren, gern spiegelverkehrt gelesen werden, um nicht zu sagen: gegen den Strich. "Du schönster Neid! Du schönste Gier! Schönste Feigheit!" singt Dirk von Lowtzow in der den Boden unten den Füßen verlierenden Hymne "Das Blut an meinen Händen", so mal wieder negative Konnotationen in positive umwandelnd. Neue Schwebezustände werden begünstigt durch die hier sehr prominent platzierten Streicher, die von dem Neue-Musik-Komponisten Thomas Meadowcroft arrangiert wurden.


In den Konferenzräumen von Universal Music in Berlin erzählt Dirk von Lowtzow, wie seine Kollegen Rick McPhail und Jan Müller Käsekuchen essend (Arne Zank bleibt abstinent: "Sollen die anderen doch fett werden!"): "Wir haben ganz bewusst jemanden gewählt, der nicht aus der Popecke kommt, um die Streicher mehr als Geräusch zur Geltung zu bringen, statt sie auf tautologische Weise alles zukleistern zu lassen. Es ging uns nicht um Aufschichtung, sondern um Reibung, was dann diese flirrende Qualität erzeugt."

Die Integration von Streichern sollte nicht den Eindruck erwecken, Tocotronic hätten sich von Rockmusik verabschiedet. Tatsächlich bleibt diese Ausdrucksform eine Konstante, die die Mitglieder der Band davor bewahrt, durch allzu individuelle Egotrips aus dem enthierarchisierten Kollektiv auszuscheren. Mehr denn je präsentiert man sich, der zersplitterten Ausrichtung des Albums zum Trotz, als Einheit, was sich auf aktuellen Pressefotos auch darin ausdrückt, dass man sich gegenseitig an den Händen fasst. "Wir wollten Zärtlichkeit statt Kumpelhaftigkeit und Machismo ausstellen", so Dirk von Lowtzow. Und fügt hinzu: "Wobei Letzteres natürlich auch seine Berechtigung hat. Slayer zum Beispiel möchte man sich ja nicht zärtlich vorstellen!" [lacht]

Die Geste der Eintracht ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich die seit "Pure Vernunft darf niemals siegen" als Quartett agierende Band "während der letzten drei Platten stetig weiter aneinander angenähert hat. Nicht dass man gänzlich auf derselben Wellenlänge läge, aber man hat sich ein bisschen gefunden", erzählt Rick McPhail, der seit 2005 festes Bandmitglied ist. Dirk spricht davon, dass sich durch beständiges Livespielen viele Stücke immer weiter verändert hätten, was sich in Dekonstruktion und Ausfransungen bemerkbar mache. Diese Entwicklung bildet sich nun auf offensive Weise in den mäandernden Songstrukturen des neuen Materials ab. So nimmt sich das Titelstück des Albums viel Zeit, von irrlichterndem Gefummel zu einer straffen Form zu finden. Und der Weg dahin lohnt sich, sowohl aufgrund einer entkörperlichten, jenseitig aufgeladenen Auslegung von Rockmusik als auch aufgrund der tollen Zeilen "Der Schlachtruf ist verhallt / Die Kräfte schwinden bald", die ein bisschen an die von "Kapitulation" bekannte Ästhetik des Aufgebens anknüpfen. "Der Song war eine Art Initialzündung, nachdem wir im Anschluss ans letzte Album erst mal gar nichts getan haben. Ich hatte in einem anderen Buch über diesen Faulkner-Roman namens 'Schall & Wahn' gelesen und fand den Titel so interessant. Auch hinsichtlich der Aneignungskette, weil Faulkner den Titel seinerseits wieder bei Shakespeare geklaut hat. Das ist der Gag dabei: etwas zu nehmen, um es umzumünzen. Es war von vornherein klar, dass bei diesem Album die Musik als solche [lacht] großen Raum einnehmen sollte. Zuerst gab es das Titelstück, wo es darum geht, wie man von der Musik gesteuert wird, statt aktiv Musik zu machen", so Dirk.


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aus Intro #179 (Februar 2010)
 
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  • User: die konsum jugend
  • die konsum jugend 22.01.2010 | 17:52:43
    indie
    Seit gestern könnt ihr ein wunderbares Interview auf www.lustiges-taschenbuch.de lesen. Viel Spass damit! Das ist der Höhepunkt unserer Karriere!

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