Warp Records
Punk, HipHop, Acid House - seither ist alles nur gemorpht!
18.11.2009, 16:57, Text:
arno raffeiner, Foto: Elisabeth Moch
[1 Kommentar]
Seit 20 Jahren elektronische Avantgarde. Was wie ein Widerspruch in sich klingt, das hat Steve Beckett gemeinsam mit Partner Rob Mitchell (der 2001 leider an Krebs verstarb) mit seinem Label Warp irgendwie doch hingekriegt. Eben, weil er sich um die Zuschreibung "elektronisch" nie groß gekümmert hat. Deswegen war er auch der ideale Kandidat, um mit Arno Raffeiner über die Rhythmen und Sounds der letzten Dekade zu sprechen, und zwar kurz vor der großen Warp20-Sause im Herzen seiner alten Heimatstadt Sheffield.
Herr Beckett, wie fühlt es sich an, heute den zwanzigsten Geburtstag von Warp Records zu feiern, hier in Sheffield, wo für Sie Ende der 80er-Jahre alles begann?
Schön und merkwürdig. Dauernd laufen mir alte Bekannte über den Weg. Es ist lustig, dass wir für das Wochenende hier auch wieder einen kleinen Warp-Shop eingerichtet haben. Da kommen Erinnerungen an die damaligen Samstagnachmittage hoch, an die vielen Leute, die im Plattenladen waren und die Division Street rauf und runter spaziert sind. Der Laden war nur fünf Minuten von hier die Straße runter. Jetzt befindet sich dort eine Filiale von Costa Coffee, so wie es eben allen Plattenläden ergangen ist.
Für ein Wochenende ist also alles ein bisschen so wie früher. Seit den Jahren 1989 und 2001 hat sich aber viel verändert. Wie fanden Sie die Nullerjahre in Bezug auf elektronische Musik?
Es gab in dem Jahrzehnt kein Jahr, in dem ich dachte: "Oh nein, es wird keine gute Musik mehr veröffentlicht!" Elektronische Musik schafft es, sich immer wieder in spannende neue Dinge zu verwandeln, sich neu zu erfinden. Nach der "Artificial Intelligence"-Serie auf Warp dachte ich, dass sich die Musik selbst verzehren würde, dass sie immer noch intellektueller und verkopfter und dadurch bald ausgebrannt sein würde. Aber sie hat es immer wieder geschafft, sich selbst zu reanimieren und mit interessanten Klängen um die Ecke zu kommen. In meinen Ohren war der interessanteste Sound der letzten Jahre Dubstep und alles, was daraus wurde, ob man das nun Wonky oder Twisted HipHop nennt. Leute wie Mala oder Burial natürlich und die Produzenten, hinter denen wir her waren: Flying Lotus, Hudson Mohawke, Rustie. All das sind Acts, die meine Ohren wieder für elektronische Musik geöffnet und mich begeistert haben. Sie sind der Sache wieder auf den Grund gegangen: mit mächtigen Sounds, die den Funk in sich haben, nicht zu intellektuell, sondern immer noch roh und emotional sind. Das liebe ich an elektronischer Musik.
Es gab also durchaus eine Phase, in der Sie nicht besonders an elektronischer Musik interessiert waren?
Ja, nach "Artificial Intelligence II". Nicht dass ich die Schnauze richtig voll hatte, aber ich wusste genau, dass ich mich, wenn wir diesen Weg weitergegangen wären, sehr bald wirklich gelangweilt hätte. Ich kann mich erinnern, wie mein Partner Rob Mitchell und ich vor meinem Haus saßen und beschlossen, nicht irgendwann "Artificial Intelligence 54" zu machen. Es musste sich etwas ändern. Nach der zweiten "AI"-Compilation hatte ich wirklich genug von dieser Art intelligenter elektronischer Musik. Sie war eher mit dem Kopf gemacht - wissenschaftlich, mathematisch, formelhaft - und hat mich persönlich emotional nicht so bewegt, wie es mir vorher mit anderer elektronischer Musik passiert war.
Rund um das Jahr 2000 war die Hochzeit von Clicks & Cuts, von sehr konzeptionellen Ansätzen, die mit digitalen Mitteln Derivate von Dance Music schufen, die auf einer theoretischen Ebene etwa mit dem Poststrukturalismus verbunden wurden, auf der ästhetischen Seite aber bald redundant wurden.
So läuft es bei vielen Dingen. Die ersten Lebenszeichen einer neuen Szene sind frisch und begeisternd. Außerdem mag ich die Tatsache, dass die Musik damals in einen größeren, auch künstlerischen Kontext gestellt wurde. Aber irgendwann wird die ursprüngliche Idee so oft reproduziert, dass sie nur mehr verwässert ist. So wie in der Kunst: Als die ersten Typen den Dekonstruktivismus erfanden, hat einen das schlicht umgehauen. Alle, die das in der Folge imitierten, wirkten irgendwann nur noch schlapp. Das passiert mit jeder neuen Idee.
Wenn man das Ganze mit etwas mehr Distanz, sozusagen aus einer Mainstream-Perspektive betrachtet: Nach der Ära der Rave-Nation in den 90ern glaubten viele, Techno sei tot. Hat das je gestimmt?
Oh nein, natürlich nicht. Aber wie bei allem gab es Höhen und Tiefen. Das ganze Ding wurde irgendwann so sehr kommerzialisiert, dass nur mehr Leute auf den Zug sprangen, die dachten, das sei der Weg, um Geld zu machen. So geht jede Szene kaputt. Aber wenn der Hype einmal vorbei ist, dann gibt es immer noch die Leute im Kern der Szene, die eine ganz andere, unverfälschte Motivation im Herzen haben. Sie kennen die Essenz hinter der Musik, und die treibt sie immer wieder neu an.
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Synapsenkitzler_de 14.01.2010 | 17:54:56
Synapsenkitzler
Hochgradig lesens- und empfehlenswerter Artikel.
Bedankt.
Editiert von
Synapsenkitzler_de am 14.01.2010 17:55:32
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