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Julian Casablancas

Frei von Dämonen

18.11.2009, 12:03, Text: Thomas Venker, Foto: Elisabeth Moch

"Is This It", fragten die Strokes Anfang des Jahrzehnts und kickstarteten damit die Rückkehr des guten Rock in die Öffentlichkeit. Passend zum Ende der von ihnen geprägten Dekade legt nun Strokes-Sänger Julian Casablancas mit "Phrazes For The Young" sein Solodebüt vor. Thomas Venker stalkte ihn verzweifelt in New York und Los Angeles und stellte ihn letztendlich erfolgreich von zu Hause aus.

Die Vorgeschichte zum Intro-Gespräch mit Julian Casablancas ist eine endlose Tragödie nicht stattgefundener Dates, geschuldet einem zwischen US-Promoverpflichtungen, Videodreh, Tourproben und Privatleben hin und her hechelnden Protagonisten. Da gab es verwelkte Rosen in einer New Yorker Hotellobby, einsam geschlürften Kaffee in der Blauen Gans zu Tribeca, "Schlaflos in Seattle"-verdächtige spätnächtliche Anrufversuche in Los Angeles sowie "E-Mail für dich"-würdige Rettungsversuche - und ganz am Ende, als schon keiner mehr an eine gemeinsame Zukunft glauben wollte, klingelte das Telefon einer Wohnung in der Kölner Nordstart. Am Apparat ein sehr entspannt wirkender Casablancas, der in seiner verpeilten Art erst zweimal das Gespräch unfreiwillig beendet, bis er endlich richtig gesprächsbereit ist:

Das war das kürzeste Interview, das ich je gegeben habe. [lacht] Du sagtest: "Wie geht's?", und dann kam ich schon wieder auf die blöde Taste ... Na ja, du hättest immerhin schreiben können: "Es geht im gut."

Da wären die Leser bestimmt beruhigt gewesen. Aber mal sehen, ob wir nicht doch noch etwas mehr aus dir rausbekommen. Lass mich mit einer dir vielleicht seltsam anmutenden Frage beginnen: Was würde der Julian Casablancas aus dem Jahr 2000 sagen, wenn er dem heutigen Julian begegnen würde?
[lacht und denkt sehr lange nach] Er hätte einen Beweis gewollt, dass das so kommt. Er hätte es hinterfragt, warum ich ein Soloalbum mache. Aber nachdem ich es ihm erklärt hätte, wär er verständnisvoll und würde sagen: "Don't border, I heard ya!"


Wann kam dir das erste Mal der Gedanke, solo zu gehen?
Vor zweieinhalb Jahren, würde ich sagen. Ich musste damals einsehen, dass andere Leute sich partout aus der Strokes-Blase herausbegeben wollten. Verstehst du? Aber das ist okay, ich respektiere das. Die Leute wollen neue Sachen ausprobieren ...

Das heißt, dass du in der Folge die Songs des Albums gezielt für dieses geschrieben und nicht erst bei den Strokes eingebracht hast?
Nein. Ich wollte ja eigentlich nie ein Soloalbum machen, sie hätten also sehr gut Strokes-Songs werden können. Ich habe sie der Band auch vorgespielt und gefragt, ob sie sie wollen - aber sie waren nicht interessiert. Ich wollte sie aber nicht aufgeben, also musste ich handeln.

Ich habe dieses Zitat von dir gefunden, wo du über das Lesen sprichst. Du sagst da, dass du in deinem Leben nur zwei Bücher gelesen habest, zum einen "Die Odyssee" von Homer und dann noch  "Schuld und Sühne" (a.k.a. "Verbrechen und Strafe") von Dostojewski. Ehrlich, ich glaub dir kein Wort. Jemand, der diese beiden Bücher gelesen hat, ist ein Leser und denkt definitiv viel über die Gesellschaft und seine Existenz in dieser nach.
[lacht] Okay, okay. Du hast natürlich recht. Lass es mich so ausdrücken: Das sind die beiden einzigen Bücher, die ich ohne Pause von Anfang bis Ende durchgelesen habe.

Würdest du sagen, dass sich diese schweren Themen, die beide Bücher mit sich rumschleppen, auch in deinen Texten niederschlagen?
Das ist schwer zu beantworten. Ein bisschen auf jeden Fall. Meine Texte sind eher vage - das mag ich, da es mehr Spielraum für die Interpretation lässt. Dostojewski widmet sich ja, wie übrigens auch Edgar Allen Poe, den ich auch sehr schätze, dem innerstädtischen Wahnsinn - sie wühlen sich da beide geradezu rein. An Homer hingegen schätze ich, dass jeder Satz für sich ein Statement ist. Alles ist in sich abgeschlossen - und das innerhalb einer großen Reise; jede Zeile macht eine Welt auf. Um auf deine Frage zurückzukommen: Ja, dahin will ich auch gerne mit meinen Texten - womit ich aber nicht sage, dass ich diesen Leuten das Wasser reichen kann. [lacht]

Dann lass uns doch mal über deine Zeilen reden. In "11th Dimension" findet sich folgendes Zitat: "Never been so good in shaking hands". Viele bekannte Persönlichkeiten beklagen sich ja über die negativen Nebeneffekte ihrer Popularität. Wärst du also lieber unbekannt, wenn du die Zeit noch mal zurückdrehen könntest?
Das ist eigentlich ein Witz, den ich von einem amerikanischen Comedian übernommen habe. Weißt du, die Amerikaner wollen ja nie normal deine Hand schütteln. Hier findet das in so vielen irritierenden Varianten statt: Die einen wollen dich stattdessen umarmen, andere schieben dir die Faust entgegen oder machen seltsame Auf- und Abbewegungen - insofern ist das als Spaß gedacht, von wegen: Da komm ich nicht mehr mit. Ich bin einfach nicht gut in diesen codierten Spielen. Ich stell mich also quasi bloß. Ich mag diese Zeile sehr. Eigentlich wollte ich "wave" statt "shake" sagen, aber das klang nicht so cool. Das ist auch so 'ne Sache beim Texteschreiben. Man muss sich oft zwischen der Bedeutung und dem Sound entscheiden.

Und du entscheidest dich dann für den Sound?
Na ja, irgendwie schon. Nehmen wir doch mal dieses Beispiel. Eigentlich will ich sagen: "life is crazy", aber es klingt nun mal so viel besser, wenn ich sage: "life is strawberry".

[lacht] Das ist wirklich ein schönes Beispiel. Schön absurd.
[lacht auch] Aber dann will man natürlich nicht nur absurd rüberkommen, also muss die Mission sein, beides zu verbinden: den schönen Klang und den Transport von Anliegen. Ich will ja nicht vage sein, aber ich will eben auch keine langweilig klingenden Texte abliefern. Es ist doch toll, wenn sich viele verschiedene Bedeutungen aufmachen. Diese ganzen Texte, in denen ein Typ in den Club geht, ein Mädchen auf der Tanzfläche sieht, es mag, wie sie tanzt, und sich dann was weiß ich was vorstellt, was zwischen ihnen passiert, sind doch - ja: langweilig. Aber ich mag das Ende. Insofern müssen vorher ein paar andere Bedeutungslagen über den Text. Bei mir tanzt das Mädchen erst mal sehr lange, passieren in ihr und mit mir viele seltsame Dinge.

Interessant. Dann lass uns doch gleich über den Albumtitel sprechen: "Phrazes For The Young". Sehr kokett. Meinst du das insofern ironisch, als dass du - aus der Position des Indierock-Establishment heraus - die Jungen provozieren willst, da die Jungen gefälligst gegen die Alten rebellieren sollen?
Neiiiiiiin. Absolut neeeeeiiiiiin. Eher das Gegenteil: Ich erzähle ihnen Sachen, die ich selbst gerne gehört hätte, als ich 16 war.

Hm, und denkst du, sie wollen das hören? Und wolltest du das wirklich damals?
Ich musste mir das alles selbst erarbeiten, erst erlesen, dann erleben, und dabei sicherlich auch den einen oder anderen Fehler machen. Aber es gibt doch immer Leute, die den gleichen Weg vor dir beschritten haben. Wär es nicht alles so viel leichter, angenehmer, wenn sie das mit einem teilen würden? Aber um auf deinen Einwand zurückzukommen: Ich maße mir nicht an, dass ich diese Stimme bin, und schon gar nicht, dass ich erhört werde. Ich mag nur die Idee, dass es diesen Austausch gibt.

Fürs Protokoll, und da ich es eh schon gefragt habe: Mit dem Backlash der Bekanntheit haderst du also nicht?
Nein, nein.

Auf der nächsten Seite :"Welcher Tag ist denn heute?"


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aus Intro #178 (Dezember 2009/Januar 2010)
 
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