Blood On The Dancefloor
Wie der Horror aus dem Film kam
27.10.2009, 12:31, Text:
Sebastian Ingenhoff, Foto: Anna Giertz
Pünktlich zum Wintereinbruch besinnt sich die elektronische Tanzmusik auf ihre düstere Seite. Die Horrorfilmscores von Dario Argento und John Carpenter dienen als Hauptinspirationsquelle. Sebastian Ingenhoff hat Blut geleckt und sich in der gotischen Disco mal umgeschaut.
Goblin lehren das Fürchten
Dario Argentos "Suspiria" von 1977 zählt nicht allein seiner drastischen Bildsprache wegen zu den gruseligsten Filmen aller Zeiten, erst im Zusammenspiel mit dem Soundtrack von Goblin gibt einem der Streifen den Rest. Diese geisternde Kirchenorgel! Die zischenden Hexen. Die unheimlich heulenden Gitarren! Auch ohne synästhetisch befähigt zu sein, kann man gar nicht anders, als rot zu sehen. Wer sich nach diesem Intro noch ans Fenster traut, dem ist nicht mehr zu helfen. Wie leicht so eine Hexe da durchbrechen kann, hat man ja gesehen ...
Degoutante Yes-Gitarren, bizarre Synthesizergeräusche, kreischende Elektronik, zuckrige Disco, alles wird vermischt in einem Hexenkessel, in dem auch Kinder gekocht werden. "Suspiria" ist ein sonisches Gemetzel, das man sich nicht am Stück anhören kann, es sei denn, man ist geisteskrank. Man braucht Pausen, muss mal die Nadel aus der Rille nehmen und hat bestenfalls noch jemanden neben sich, der einen in die Arme nimmt. Goblin wollten mit allen Mitteln beweisen, dass sich Gegensätze wie Disco und Progrock, Harmonie und Zerstörungslust, Düsternis und Wohlklang doch irgendwie synthetisieren lassen.
Es folgten zahlreiche weitere Filmscores für Argento, in Zusammenarbeit mit Zombiemeister Romero spielte die Band 1978 mit dem gespenstisch-hypnotischen "Dawn Of The Dead"-Soundtrack einen weiteren Meilenstein in Sachen Blutgroove ein. Nebenbei schrieb Claudio Simonetti mit diversen Soloarbeiten und Seitenprojekten Italo-Disco-Geschichte.
Die Düsternis lehrt das Tanzen
Die Zeit der ganz großen Filmkomponisten scheint zwar vorbei zu sein, doch erlebte die Musik von Genre-Ikonen wie John Carpenter oder eben Simonetti zuletzt eine ziemliche Renaissance. Die Pariser Hipster Justice jagten Goblins "Tenebre" 2007 noch einmal durch den Filter und verkauften das Ganze als eigenen Song. Und auch im Zuge des Cosmic-Disco-Revivals der letzten Jahre, einem ohnehin eklektischen Genre, entdeckten junge Produzenten wieder vermehrt die dunkle Seite der Discomusik, düstere Soundtrackteppiche und Dissonanzen vermischten sich mit kosmischen Rhythmen. Vor allem in den USA und Großbritannien hat sich eine regelrechte Szene für - ja, wäre der Begriff nicht so albern und mit garstigem EBM konnotiert, könnte man sagen - "Gothic Disco" herausgebildet. Mit trübsinnigen Gruftis in Lackmantel und Lederhose, die man aus der Dorfdisco kennt, hat das aber nicht viel zu tun. Man bedient sich zwar ein bisschen in Sachen Schmuck und Theatralik bei diesen, trägt schon mal venezianische Masken, wie die Londoner Band Brassica, oder schminkt sich dezent - schwarze Kleidung spielt ansonsten jedoch keine sonderlich große Rolle.
Die Bands heißen Diamond Vampires, Cold Cave, Human Shields, Gatekeeper oder White Car. Neben den erwähnten Horrorfilmscores als Hauptinspirationsquelle spielen noch Einflüsse aus Industrial, Krautrock, Postpunk, Ambient oder Techno eine Rolle. Dementsprechend schwer ist es, von einer klar definierten Szene mit festen Codes zu sprechen. Einige der Protagonisten machen schon seit Jahren Musik und kommen ursprünglich vom Techno. Andere Bands, wie Cold Cave aus Philadelphia, verbinden ihre Elektronikklänge mit Joy-Divison-artigem Gesang, Gitarren und klassischen Songstrukturen.
Auch das britische Label Dissident Records, derzeit einer der Hauptakteure in Sachen tanzbarer Düsternis, beschränkt sich bei Weitem nicht auf die dunklen Klänge, sondern glänzte in den letzten Jahren ebenso durch gute House-Veröffentlichungen. Die Dissident-Platten erscheinen hauptsächlich als One-Sided-12-Inch und sind, da ohnehin nur auf zweihundert Stück pro Katalognummer limitiert, hierzulande schwer erhältlich. Ab und an erscheinen Labelcompilations auf CD, und Gerüchten zufolge ist langfristig eine Zusammenarbeit mit einem deutschen Vertrieb in Planung. Ansonsten gibt es kaum Promo, wenig Öffentlichkeit und auch strikt keine MP3-Releases, was Dissident binnen kürzester Zeit zu einer Art Mythos werden ließ. Betreiber Andy Blake wird demnächst ein weiteres Label namens Black Edition lancieren. Noch existieren relativ wenig Labels mit klarem Fokus auf das Genre. Jon Berry und Michael Mayer, Mitarbeiter beziehungsweise Miteigentümer von Kompakt, brachten gerade die erste Katalognummer ihres neuen Imprints Fright Records auf den Weg.
Ansonsten gibt es den einen oder anderen kleinen Szenehit, wobei es sich teilweise um Remixe handelt. Das Londoner Projekt Diamond Vampires bearbeitete etwa das Telepathe-Stück "Devil's Trident" in einer Brachialversion, die sogar noch das Original schlägt.
Gavin Russom sorgte mit seinem psychotischen Remix von "Boundary Waters", einem Song des deutsch-amerikanischen Krautrock-Kunstprojekts Palms, für Wellen und wusste das esoterisch anmutende Naturlied bluten zu lassen. Insgesamt hat diese Musik jedoch, im Gegensatz zum tatsächlichen Gothic, mit Esoterik und Mystizismus relativ wenig am Hut. Es geht um die dunkle Seite der Nacht. Welch geisterhafte Blüten das Ganze noch treiben wird, darauf darf man jedenfalls gespannt sein.
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Some people choose it like church. It’s there. Do you go to the gym or don’t you go to the gym? Do you watch porn or don’t you watch porn? Do you disco or don’t you disco? There’s no alternative. It does this thing that nothing else does, which is you dance for a looong time same tempo, you get all these funny feelings.






