Matias Aguayo / The Very Best
Säbel, Sample, Enterhaken: kein Benimmbuch für Piraten
26.10.2009, 12:59, Text:
arno raffeiner, Foto: Katharina Poblotzki
Alphorn-Techno, Cumbia-House und Ghetto-Pop: Auf diese schicken Bindestrichnamen könnte man nur einige der jüngsten produktiven Landnahmen im Zeitalter des Globalisierungspop taufen. Den immer wieder umgehenden Gespenstern namens Langeweile und Kolonialismus antworten viele Musiker mit Sound-Piraterie. Darauf steppt auch Arno Raffeiner einen Beschwörungstanz: Auf dass es Bootlegs und Straßenpartys regne!
Wer ist das liebste Hollywood-Monster aller Dancefloor-Hipster? Jack Sparrow. Allerdings ein Sparrow, den es von seinem Karibikklamaukland an das Horn von Afrika verschlagen hat: Kalaschnikows statt Säbel, Geisterschiffe, die Arctic Sea statt Black Pearl heißen, dazu festgesetzte Öltanker, ausgemergelte Besatzungen sowie Hubschrauber und Fregatten, die in den Gewässern vor Somalia den freien Warenverkehr sichern sollen. Piraterie feiert nicht nur auf der Leinwand ein großes Comeback, sondern auch auf den Weltmeeren. Und als Metaphernbösewicht der Musikindustrie sowieso. Während deren Kapitäne auf ihren alten Business-Schlachtschiffen erst noch schimpfen, dann kapitulieren, sind von Musikern auch andere Töne zu hören.
Fotostrecke:Matias Aguayo - Intro-Fotoshooting
Matias Aguayo ist Mitte der 70er in Santiago de Chile geboren, hauptsächlich in Köln aufgewachsen und organisiert sein Leben derzeit zwischen Paris und Buenos Aires. Klingt eher nach Weltbürger als nach Kolonialherr. Er war eine Hälfte von Closer Musik, veröffentlichte nach deren Split ein famoses Soloalbum voller verschleppter Techno-Grooves und gründete vor Kurzem mit einer Posse südamerikanischer Freunde das Freestyle-Dance-Label Cómeme. Nun erscheint auf Kompakt sein zweites Album "Ay Ay Ay", ein im Kontext von House und Techno sehr ungewohntes, mutiges Werk. "Es ging darum, dem ersten Impuls zu folgen", erzählt Aguayo. Darum hat er seine schnell eingesungenen Ideen diesmal nicht bloß als Skizzen, sondern direkt als Material verwendet. "Ay Ay Ay" ist hauptsächlich aus seiner Stimme gemacht, durchdrungen von lateinamerikanischer Rhythmik und dem ungezwungenen Vibe spontaner Straßenpartys. Unter dem Label BumBumBox zieht Aguayo mit seiner Posse nämlich quer über den Kontinent und beschallt mit Ghettoblastern den öffentlichen Raum.
Den lateinamerikanischen Einfluss auf seine Musik bejaht er bedingungslos. Aber er sieht ihn nicht als eine konzeptionelle oder strategische Entscheidung für Folklore-House, sondern als Ergebnis eines Prozesses. Offenheit und sozialer Austausch mit seinen Koproduzenten Vicente Sanfuentes und Marcus Rossknecht waren die wichtigsten Bedingungen dafür. "Ich habe die Idee vom Künstler, der irgendwie nach der Lösung sucht, nie gemocht", sagt er. Stattdessen mag er die Vorstellung des Künstlers als Schwamm: Was ihn umgibt, das saugt er zwangsläufig auf. "Ich kann wirklich nur das widerspiegeln, was da ist. Und wenn das etwas mit Inspiration und Weiterentwicklung zu tun hat und mit der Zeit, in der man lebt, kann man eigentlich gar nicht so viel falsch machen."
Nur mit Hey-Ethno!-Sticker
In letzter Zeit haben sich viele Produzenten in ihren Studios offenbar bevorzugt mit "ethnischem" Instrumentarium umgeben. Ein bisschen Kalimba hier, eine Sitar da, ein paar Tablas dazwischen, und schon wird aus der alten Langeweile neue Begeisterung. Partisanen-Disco, Gulagorchester und Balkan-Beats waren die Folge. Das große Erweckungserlebnis für viele war vor einigen Jahren Funk Carioca, d. h., jene billig zusammengeklauten "Favela Booty Beats" aus Rio de Janeiro: so imfame wie faszinierende Sound-Piraterie.
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