Die Goldenen Zitronen
Die gespenstische Linke
23.10.2009, 17:23, Text:
Martin Büsser, Foto: Alfred Jansen
[21 Kommentare]
Drei Jahre nach dem kämpferisch betitelten Album "Lenin" wird es dunkel: "Die Entstehung der Nacht" ist kein Titel, der sich nach gesellschaftlichem Umsturz anhört. Haben Die Goldenen Zitronen kapituliert? Fischt nun eine der letzten radikalen linken Bands ebenfalls in neoromantischen Gewässern? Von Martin Büsser.
Nein, im Gegenteil. Die Texte bleiben weiterhin kämpferisch, aber auf keine konkrete Schlacht hin ausgerichtet. Wut und Verzweiflung mischen sich und führen zu großartigen Textcollagen, die allerdings viele Fragen aufwerfen und kaum Antworten liefern. Wenn es stimmt, dass Die Goldenen Zitronen wie keine andere Band die Situation der Linken im Land stets reflektiert und abgebildet haben, dann sind sie nun an dem Punkt angelangt, an dem sich die Frage stellt, ob und inwieweit die Linken überhaupt noch fassbar sind. Dabei ist nicht von "der Linken" als einer im bürgerlichen Lager zwar verpönten, aber keineswegs umstürzlerischen Partei die Rede, sondern von jener außerparlamentarischen Opposition, die noch bis in die 1980er-Jahre hinein das intellektuelle Klima im Land bestimmt und sich seither wie ein Gespenst verflüchtigt hat. Geblieben sind nur Trümmer, unvereinbare Fraktionen. Autonome Antiimperialisten, israelfreundliche Antideutsche, neoliberale Sozialdemokraten, populistische Verteidiger des "kleinen Mannes" - all das soll irgendwie "links" sein und passt doch gar nicht mehr zusammen.
"Das wäre ja schrecklich, wenn die Band tatsächlich die Linke repräsentierten sollte, das ist nicht unsere Aufgabe", wehrt Schorsch Kamerun daher verständlicherweise ab. "Diese alte linke Selbstsicherheit geht ja gar nicht mehr auf. Dieses Denken in 'Das sind die Guten, das sind die Bösen' stimmt ja nicht, schon gar nicht, wenn man sich kritisch mit einem Phänomen wie der RAF auseinandersetzt." Trotzdem geht es, so Kamerun, immer noch darum, "eine Sprache für die Wut zu finden". Alleine, dass diese Wut ebenfalls gespenstisch amorph bleibt. Sie ist auch Wut gegenüber der eigenen Ohnmacht und den inneren Widersprüchen, wie eine Zeile aus "Bloß weil ich friere" sehr gut auf den Punkt bringt: "Ich halte brennende Autos für ein starkes Ausdrucksmittel, getraue mich aber nicht, eines anzuzünden, da ich viele Freunde habe, die eine Beschädigung ihres Autos für einen Angriff auf ihre Persönlichkeit halten würden."
Fotostrecke:Die Goldenen Zitronen - Intro-Fotoshooting
Die Widersprüche sind da, der Feind ist nicht mehr so leicht benannt. Denker wie Michel Foucault haben schon in den 1970ern mit linken Bequemlichkeiten aufgeräumt und gezeigt, dass es kein Außen der Machtverhältnisse gibt, da diese uns allen eingeschrieben sind. Aber es gibt konkrete Auswirkungen des Kapitalismus, Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Ausgrenzung, Unterdrückung. Dies lässt sich benennen. Deshalb haben Die Goldenen Zitronen Anfang September in Hamburg an einer Veranstaltung gegen die Gentrifizierung von St. Pauli teilgenommen.
"Das sind Prozesse, die ganz konkret ablesbar sind", erklärt Mense Reents. "Die erste Phase der Gentrifizierung findet man selbst ja sogar noch gut, wenn die ersten Plattenläden ins Viertel kommen. Doch alles Weitere lässt sich nicht kontrollieren. Künstler werten ein Viertel auf, und obwohl man es als Künstler gar nicht will, sorgt man dafür, dass die Mieten steigen und sich viele Leute ein solches Viertel gar nicht mehr leisten können." - "Wir sind ja selbst Gentrifizierer gewesen", ergänzt Schorsch, "als wir in St. Pauli unseren Pudel-Club aufgemacht haben. Aber wir wollten kein Geld rausziehen, das ist der Unterschied zu denen, die dafür sorgen, dass sich viele Arbeiter die Mieten nicht mehr leisten können. Das Fatale daran ist, dass du als Künstler bei diesem Prozess auch noch instrumentalisiert wirst. Eine Hamburger Werbezeitschrift hat zum Beispiel Die Goldenen Zitronen aufs Cover getan, ohne dass wir davon wussten. Wir haben nie für Hamburg Werbung gemacht, aber Hamburg macht Werbung mit uns. Sie machen sich durch uns zum 'coolen Flecken'. Das ist ebenso bedenklich, wie wenn das Publikum bei unserem Auftritt auf dem Roskilde Festival 'St. Pauli' brüllt. Wir sind nicht St. Pauli. Ich komme aus einem Dorf, wo es die Nöte nicht gab, die jetzt jene Leute betreffen, die St. Pauli verlassen müssen. Darum ist es mir auch wichtig, bei einer solchen Veranstaltung gegen Gentrifizierung zu spielen, denn hier geht es um ganz klare Sachverhalte."
Das Gespräch nimmt noch viele Wendungen. Es geht um Sinn und Sinnlosigkeit des 1. Mai als Ritual, um das Weiterexistieren von DIY-Strukturen und um die Frage danach, ob und inwieweit Kunst subventioniert werden muss, um weiterhin überleben zu können. Über die Musik der Goldenen Zitronen wird wenig gesprochen: "Ich habe gar keine Laune mehr, all die musikalischen Einflüsse aufzuzählen. So etwas hält nur auf", erklärt Schorsch. "Die Musik entsteht sowieso sehr spontan", erzählt Mense, "da gibt es keine Konzepte, keinen Masterplan. Da kommen fünf Leute zusammen, die sich monatelang nicht gesehen haben, also wird erst einmal improvisiert. Und natürlich setzen sich immer wieder Vorlieben durch, zum Beispiel Teds Vorliebe für Halbtonschritte und Stoisches." - "Künstler, die konzeptionell arbeiten, sind mir suspekt", sagt Schorsch. "Das Konzeptionelle nehme ich ihnen nicht ab. Insofern sind Die Goldenen Zitronen, um das schreckliche Wort zu benutzen, authentisch, an unserer Musik ist immer ablesbar, was wir treiben und was uns umtreibt."
Termine Die Goldenen Zitronen
04.11.2009 Münster, Gleis 22 » Details | Merken | Anreise
05.11.2009 Hannover, Indiego Glocksee » Details | Merken | Anreise
06.11.2009 Amsterdam, Paradiso » Details | Merken | Anreise
07.11.2009 Düsseldorf, Stone im Ratinger Hof » Details | Merken | Anreise
10.11.2009 Stuttgart, Schocken » Details | Merken | Anreise
11.11.2009 Darmstadt, 603 qm » Details | Merken | Anreise
13.11.2009 Bremen, Stauerei » Details | Merken | Anreise
14.11.2009 Hamburg, Uebel & Gefährlich » Details | Merken | Anreise
25.11.2009 München, 59:1 » Details | Merken | Anreise
26.11.2009 Zürich, Exil » Details | Merken | Anreise
27.11.2009 Bern, Dampfzentrale » Details | Merken | Anreise
28.11.2009 Freiburg, Theater » Details | Merken | Anreise
01.12.2009 Wien, Fluc » Details | Merken | Anreise
02.12.2009 Linz, Stadtwerkstatt » Details | Merken | Anreise
04.12.2009 Regensburg, Alte Mälzerei » Details | Merken | Anreise
05.12.2009 Heidelberg, Karlstorbahnhof » Details | Merken | Anreise
16.12.2009 Berlin, Festsaal Kreuzberg » Details | Merken | Anreise
17.12.2009 Leipzig, Centraltheater » Details | Merken | Anreise
18.12.2009 Dresden, Groove Station » Details | Merken | Anreise
19.12.2009 Nürnberg, Desi » Details | Merken | Anreise
18.05.2010 Essen, Grend » Details | Merken | Anreise
19.05.2010 Köln, Papierfabrik Ehrenfeld » Details | Merken | Anreise
21.05.2010 Tübingen, Sudhaus » Details | Merken | Anreise
23.05.2010 Frankfurt / Main, Café Exzess » Details | Merken | Anreise
02.07.2010 Feldkirch, Altes Hallenbad » Details | Merken | Anreise
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hatebag 04.11.2009 | 12:05:22
You're welcome
Das Interview hier gefällt mir fast besser.
Ihr bekommt eine Menge Anerkennung von Kritikern. Interessiert es euch was Journalisten über euch sagen/schreiben?
Wenn ich ein Jahr an so einer Platte arbeite, würde ich lügen, wenn ich sagte es interessiert mich nicht, was die Leute schreiben. Es stimmt zwar, dass unsere Platten beliebte Projektionsflächen für Musikschreiber sind, aber all diese Aufmerksamkeit bedeutet noch lange nicht, dass wir uns jedes mal richtig verstanden fühlen. In unserer Wahrnehmung hat sich die Musikberichterstattung immer mehr in Richtung Konsumberatung entwickelt...
Wie steht ihr zu Internet-Communities wie Myspace, Facebook etc. Nutzt ihr diese Plattformen gerne um mit euren Fans zu kommunizieren?
Wir machen da überhaupt nicht mit. Ich glaube da murksen irgendwelche Leute mit unserem Namen rum. Es ist mir ein Rätsel warum ich meine Daten einem Faschisten wie Murdoch zur Verfügung stellen - oder digitale Friends sammeln soll.
In den letzten Jahren haben sich immer mehr Rockbands in die Charts katapultiert. Findet ihr das gut und würdet ihr euch selbst solch eine Entwicklung wünschen?
Gibt es was langweiligeres als zeitgenössische Rockbands?
Wie viele Kaiser Chiefs und Silbermonde braucht die Welt eigentlich noch? Aber das lustige an Charts ist ja sowieso, dass sie als Gradmesser für populäre Musik sowie so nicht mehr taugen. Was heute ein kommerziell erfolgreicher Act ist, hat die Verkaufszahlen von einem Indie-Act vor 20 jahren.
firna 04.11.2009 | 19:22:17
authentische Hobbyhure
das wär bei inro zur hälfte als "zu "glamour"-feindlich" zensiert. weil silbermond sind doch echte stars und eine welt aus freier konsumberatung an allllen orten das höchste des möglichen.
aber imernst, die zitronen sind doch selbst wahnsinnig halbherzig, wenn sie hier ein interview geben. hier werden sie konzeptionell/strategisch eingearbeitet, kriegen ihre kleine halbe seite am rande und liefern intro hingegen, so ziemlich wie all die anderen kleinen, beweuem nützlichen deutschen indiehomies, das notwendige stück restkredibilität und integrativen halt, um nicht als komplett belangloses werbeblättchen einfach in wenigen jahren zu verschwinden.
da bleibt irgendwie die frage, was letztlich mehr und ob es das wert ist.
Editiert von
firna am 04.11.2009 19:59:39
firna 04.11.2009 | 20:02:17
authentische Hobbyhure
"bequemen" heisst das vesrchüsselte wort.
hansmoleman 04.11.2009 | 20:09:02
...behaupte ich mal so.
die zitronen machen stinknormale promo für ihr album und ihre konzerte, so wie jede band. da bietet es sich auch kaum an, nur handverlesenen fotokopierten fanzines die ehre einer audienz zu gewähren. dass irgendwelche selbstherrlichen hosenscheisser sich darüber echauffieren könnten, ist denen aus gutem grund scheissegal.
firna 04.11.2009 | 20:13:07
authentische Hobbyhure
du hast es erfasst hans. die zitronen sind halt knallharte profis wie auch du es mal sein wirst, wenn groß.
nur ist dann eine myspace seite noch stinknormalere promo, die den zitronen ja wiederum nicht scheissegal ist. immer diese widersprüche. obwohl, stimmt ja gar nicht. scheissegal ist den zitronen, als bekanntlich zutiefst moralische band, bekanntlich am ehesten scheissegal.
hansmoleman 04.11.2009 | 20:17:02
...behaupte ich mal so.
also hobby-musiker sind das ja nun nicht... und selbst die machen, im rahmen ihrer möglichkeiten, promo. ich würde ja sagen: "fang am besten auch mal damit an", aber in deinem fall lohnt das nicht.
firna 04.11.2009 | 20:20:33
authentische Hobbyhure
die goldene regel die nur die könige kapieren:
wenn musik kein hobby mehr ist, wird sie schlecht.
firna 04.11.2009 | 20:21:52
authentische Hobbyhure
bezahlung ist nebensache. verbreitung ok, dafür muss man was tun. meinetwegen auch bei egalen opportunisten, aber nicht wenn man den scheiss schon 20 jahre lang macht.
hansmoleman 04.11.2009 | 20:26:33
...behaupte ich mal so.
und gute filme machen nur hobby-filmer, gute bilder malen nur hobbymaler, gute bücher schreiben nur hobby-schriftsteller und das einzig gute fernsehprogramm war die hobbythek...
hansmoleman 04.11.2009 | 20:27:39
...behaupte ich mal so.
und alle, die geld dafür kriegen sind nutten! und wenn ich gross bin kriegt papi hausarrest, da kann er mal sehen!
firna 04.11.2009 | 20:36:49
authentische Hobbyhure
du bist echt ein genie hans.
nochmal das was fast jeder hier weiß (ausser schons und du vielleicht): es geht um prioritäten, und die liegen bei allen leuten, die mit ihrer individuellen leidenschaft, ihrem selbst entwickelten können irgendwann erfolgreich wurden eben bei der freude am eigenen schaffen.
wenns gut bezahlt wird, super. aber wenn man sich unter wert verkauft, scheisse.
firna 04.11.2009 | 20:41:16
authentische Hobbyhure
unter wert verkaufen heisst übrigens nicht zwingend "zu wenig geld kriegen". das heisst in gewissen branchen unter anderem auch "mit den falschen leuten geredet". nur gibt es gegenwärtig das problem des nichtvorhandenseins einer freien, vielfältigen informationskultur, gerade im bereich film oder musik. es ist eben alles zurechtgestutzt auf wenige integrierte, und eben sehr abgestanden wirkende portale. und wenn manjetzt sagt, es gäbe doch all die blogs dann liegt in genau dieser unbestimmten beliebigkeit das problem.
Editiert von
firna am 04.11.2009 20:42:48
hansmoleman 04.11.2009 | 20:42:06
...behaupte ich mal so.
aber beruf ist auf jedenfall was anderes... das ist ja, wo man morgens immer hingehen muss, obwohl man's nicht mag...
firna 04.11.2009 | 20:45:15
authentische Hobbyhure
solls geben. aber i der regel kriegt man dort auf jeden fall sehr genau gesagt, was man zu tun und zu lassen hat den ganzen tag über. und da klafft eben die lücke, die schon ewig und nun scheinbar endgültig geschlossen werden soll: die spaßlosen verbieten den spaß, oder rücken sich alles so zurecht, als wäre jedes leben so spaßlos wie das eigene. gelle hans?
hansmoleman 04.11.2009 | 20:48:42
...behaupte ich mal so.i der regel kriegt man dort auf jeden fall sehr genau gesagt, was man zu tun und zu lassen hat den ganzen tag über.
es sei denn, man arbeitet selbständig... so wie freischaffende künstler... und spass... naja, dein letztes video, dass dir letztens selbst schon peinlich war... sieht so etwa spass aus? dann verzichte ich doch lieber. loser wie äääch...
firna 04.11.2009 | 20:52:57
authentische Hobbyhure
es war mir selbst peinlich? so ernst nehm ich mich eigentlich nicht, das war ja eher ein gag weil ich an dem tag weder computer, tonbandgerät noch handy hatte und mit einer fotokamera aufnehmen musste.
und eigentlich ist so ein lakonisch selbstmitleidiges lied ziemlich wertvoll als erinnerung an einen seltenen, aber schönen, melancholischen gemütszustand. derat einsichtig und rein ist man ja nicht alle tage.
firna 04.11.2009 | 20:56:33
authentische Hobbyhure
es sei denn, man arbeitet selbständig... so wie freischaffende künstler.
zum einen hab ich nie gesagt, dass nur künstler glücklich arbeiten. im gegenteil, viele künstler arbeiten ja mittlerweile recht zwaghaft. eigentlich ist das mit der leidenschaft ein bißchen branchenunabhängig. es gibt maurer, die würden am liebsten sogar nachts häuser hochziehen.
firna 04.11.2009 | 20:58:21
authentische Hobbyhure
achja zum anderen gibts genug selbstständige, die sich verschätzt haben und nun von ihrer selbstständigkeit überfordert sind und sich mehr quälen, als jeder beamte es je müsste.
doch eines bleibt immer klar: nichts ist so eindemensional wie bürgerliches ordnungsdenken.
tidbit 04.11.2009 | 21:04:57
(@_@)oO0°*´¸.•’´¯)i°♥
weihnachstsfeier also am 28sten. ok. bin dann da
hansmoleman 04.11.2009 | 21:06:55
...behaupte ich mal so.
was es nicht alles gibt...
firna 04.11.2009 | 23:33:21
authentische Hobbyhure
"unser alljährliches großevent ist ganz und gar nichts alltägliches!"
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