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The Hidden Cameras

Silence Can Be A Headline

21.10.2009, 16:46, Text: Lutz Happel

Joel Gibb, der Dreh- und Angelpunkt des kanadischen Bandkollektivs Hidden Cameras, bastelt weiter an der künstlerischen Umsetzung seiner selbst. Und diese wird immer komplizierter. Lutz Happel über Musik, die sich Gay-Church-Folk nennt, und warum mittlerweile selbst das zu kurz greift.

Da sitzt er nun am Ufer der Spree, mit Dreitagebart, im Unterhemd und entspannt wie nur was. Vor vier Jahren kam Joel Gibb, Kopf und Herz der Hidden Cameras, aus dem an musikalischen Innovationen nicht gerade armen Toronto nach Berlin. Und offenbar fühlt er sich immer noch pudelwohl mit seiner Entscheidung: "Ich mag die Kultur hier. Die Leute haben weniger Angst, geben sich wie Teenager, die sturmfrei haben und von ihren Eltern vernachlässigt werden. In Toronto haben die Leute Angst, ihr Bier mit raus aus dem Club zu nehmen. Oder Last Call - so was gibt's hier nicht."


Dieser Ortswechsel von Repression (Toronto) zu liberaler Verlotterung (Berlin) hat im Leben des Joel Gibb einiges verändert, so manches beschleunigt. Zum Beispiel die Entfaltung seiner künstlerisch-musikalischen Qualitäten, die in der Vergangenheit vor lauter queerer Schockeffekte des Öfteren etwas vernachlässigt wurden. Dabei ging es Gibb mit den Hidden Cameras von Anfang an weniger um kalkulierte Effekte als um die Notwendigkeit künstlerischer Konsequenz, und diese war oft drastisch, schrill und dirty. Ein ganzer Kosmos schwuler Sexpraktiken eröffnete sich dem Hörer früherer Alben: "Enema", "Vaseline", "Choking" oder "Golden Streams" wurden darin besungen, und diese wortwörtlichen Poplyrics wurden kontrastiert durch eine parodistische Religionsästhetik der vielköpfigen Truppe, musikalisch unterfüttert mit pompösen Streichersätzen und klerikalen Orgeleien irgendwo zwischen Pornofilm und Kirchentag. Gay-Church-Folk eben.

Das war bisweilen schon mehr als zotig, aber eben auch ein sehr wichtiger und wirksamer künstlerischer Gegenentwurf zu homophoben Interpretationen populärer Kultur, von biblischen Mythen bis zu Gender-faschistischen Castingshows, von offen rassistischen Fanatikern wie Fred Phelps gar nicht zu reden. Und ganz nebenbei wurde damit auch das eine oder andere schwule Klischee (antiseptischer Epilierfanatismus, Schlagerkitsch, Village People) gleich mitzertrümmert. Daher waren The Hidden Cameras camp im besten Sinne, weil hier das Klischee nicht einfach nur zur Bloßstellung augenzwinkernd ins Unermessliche getrieben, sondern ganz ernst gemeint zu etwas ästhetisch Komplexem transformiert wurde. Das ließ sich zum Glück nicht so einfach in die Ordner "Agitation" oder "schwule Popmusik" filen. Da kam einem automatisch allerlei traditionsreiches Verweismaterial in den Kopf: Susan Sontag, Jack Smith, John Waters, The Cockettes, Bruce LaBruce - das Ganze ging also weit über den Dunstkreis parodierender Drag-Queens hinaus.




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aus Intro #177 (November 2009)
 
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