Miike Snow
Hase mit Hörnern
23.10.2009, 17:23, Text:
Lutz Happel
Ein Duo, das für Spears, Madonna und Co. die Hits zusammenschraubt, und ein Sänger aus Übersee casten sich gegenseitig und verstecken sich hinter einem komischen Fabeltier, um die Indiewelt aufzumischen? Genug Kuriositäten, um ihnen auf den Grund zu gehen, findet unser Autor Lutz Happel.
Das Weekend. Kein schlechter Ort, um diese Band zu treffen. Von der Dachterrasse des Clubs aus, knapp 70 Meter über dem Alexanderplatz gelegen, hat man eine prima Aussicht über die ewige Gentrifizierungsbaustelle Berlin-Mitte. Nachts ist diese Terrasse vollgestopft mit der jüngsten Generation europäischer Feierhipster, denen die Billig-Airline das Partytaxi und das Vice Magazine der Stilberater ist.
Auf der ausnahmsweise menschenleeren Terrasse sitzen nun also die Jungs von Miike Snow herum. Man ist fast versucht, die Atmosphäre des Ortes mit der Identität der Band gleichzusetzen. Miike Snow, das sind zwei junge, absurd erfolgreiche Gun-for-hire-Produzenten aus Stockholm - mit allen nötigen Wassern der Studiotechnik gewaschen - und ein New Yorker Glamrock-Frontmann mit ordentlich Falsett-Kompetenz, deren Wege sich beim Herumjetten als musikalische Handlungsreisende irgendwann getroffen haben und die daraufhin beschlossen, die Welt gemeinsam zu erobern. Hört sich an wie eine geschickt eingefädelte transatlantische Traumhochzeit im Indie-Disneyland. Nur dass hier nichts eingefädelt ist. Es geschah einfach so und ist in Anbetracht der Umstände gar nicht so verwunderlich.
Miike Snow sind das Produkt einer Coming-of-age-Story dreier Typen, in einer Zeit, in der sich Musiken längst bis zu Subkategorien zehnter Ordnung auseinanderdiversifiziert haben, die so zugekleistert ist mit Pop, dass der Diskurs über Popkultur gerne mal in der Flut des Materials unterzugehen droht, in der Revolutionäres vor lauter Möglichkeiten und Verfügbarkeiten im MySpace-Universum ein weltvergessenes Dasein fristet. Das kann man als nicht mehr ganz taufrischen Kulturpessimismus oder fabelhafte Entwicklung begreifen. Zumindest ist Miike Snow als schwer verortbares durchglobalisiertes Pop-Dingsbums zwischen New York, Göteborg und einer Videoclip-Erzählung irgendwo in Indien in dieser Hinsicht das spannendste Versuchskaninchen, das seit Langem auf diese Welt dezentraler Musikdistribution losgelassen wurde. Weil Miike Snow so gut in diese Zeit passen, weil sie nur kaum noch nach den Regeln alter Verortungsstrategien funktionieren, nicht musikalisch und ideologisch schon gar nicht. Feuilletonisten aufgepasst: Diese Platte könnte Everybody's Darling werden.
Aber der Reihe nach:
Christian Karlsson und Pontus Winnberg - Buddys seit der Schulzeit - fangen an, wie man eben mit 15 anfängt, wenn man ein Herz und ein paar Freunde hat, in Punkbands, nur um ein paar Jahre später im Zuge der Digitalisierung dieses Planeten ein eigenes Studio einzurichten und als Produzentenduo Bloodshy&Avant zu firmieren. Spätestens zu Beginn dieses Jahrtausends ist es aber vorbei mit derartigen biografischen Allgemeinplätzen, denn die Auftragsarbeiten der beiden gebürtigen Göteborger gehen ab da geradezu durch die Decke: Sugababes, Ms. Dynamite, Madonna, Kelis, Kylie Minogue, J. Lo ... Wer einen Bloodshy&Avant-Beat gebastelt haben will, bekommt ihn. Das breitenwirksamste Beispiel ist wohl Britney Spears' "Toxic". Was umso erstaunlicher ist: Die beiden sind dabei nie zu Studio-Nutten verkommen, wie Karlsson betont: "Unsere Einstellung zu Aufträgen war immer: Nimm den Beat so, wie er ist, oder eben nicht." Die beiden toben sich ein paar Jahre hemmungslos im High-Profile-Segment aus, aber Freunde im musikalischen und menschlichen Sinne nennen sie eher Kollegen wie Lykke Li, Peter Bjorn And John, Teddy Bears oder die Swedish House Mafia. Auch das eigene Label Ändersson ist eine wichtige Marke auf der musikalischen Landkarte der beiden Schweden, mit Acts wie Little Majorette, Meadow oder Sky Ferreira. Eine kleiner Verortungsversuch sei daher doch gestattet: Der schwedische Exportschlager "hochpolierte Popmusik mit digital-indieeskem Einschlag" schlägt bei Miike Snow schon durch und lässt erkennen, wohin es Karlsson und Winnberg wirklich zieht.
Entsprechend war es also nur eine Frage der Zeit, bis da was unter eigenem Namen kommen musste, zumal dieses viele Fremdproduzieren ein "ideales Bootcamp" für den eigenen Sound gewesen sei, so Karlsson, "und natürlich ist man emotional ganz anders dabei, wenn der eigene Name drübersteht". Man konnte eben nur nicht sagen, wann das eigene Kind zur Welt kommen würde, weil immer so schrecklich viel zu tun war.
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