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Hudson Mohawke

Lost in Selbstliebe

20.10.2009, 15:34, Text: arno raffeiner

Es ist an der Zeit, eine neue Ära des Cyber-Soul auszurufen. Die Zukunft beginnt in Schottland, und sie ist bunt. Behauptet zumindest Arno Raffeiner.

Eine ganze Stadt sieht lila: Warp feiert in seiner alten Heimatstadt Sheffield zwanzigsten Label-Geburtstag. Aber der bucklige Typ vorne auf der Bühne schert sich einen Teufel darum. Er lässt aus seinem Laptop einen wahren Farbregen in die Halle einer ehemaligen Stahlgießerei sprühen. Zum Abschluss seines Sets rumpelt ein Remix von Tweets "Oops Oh My" in die Menge. "I was looking so good I couldn't reject myself ...": die definitive Selbstliebehymne des Cyber-Soul. Er fährt mit seinem Mix fast ein bisschen zu prollig über die grazil-geilen Beats des Originals, aber es passt zur Geburtstagssause, zu den Tausenden schwitzigen Körpern, "so buttery brown and tantalizing". Genau nach solch schmieriger Verführung giert Ross Birchard. Danach hat der junge Produzent aus Glasgow schließlich auch sein Debütalbum benannt: "Butter". Er hat dafür seine eigenen Beats immer wieder gesamplet, gefaltet und neu angemalt, bis sie plötzlich als bunte Kolibri-Bastarde durch sein Studio flatterten. Selbstliebe kann recht wundersame Blüten treiben.


Birchard ist tatsächlich einer dieser Nerds, die sich allein zu Hause alles selbst beibringen. Mit acht Jahren fummelte er an Tapes herum, als Teenager war er prämierter Turntablist, nun mutierte er unter dem Decknamen Hudson Mohawke zu einer Art schottischem Pharrell Williams, eigentlich genauso sexy, nur versehentlich im Körper des schüchternen Riesenbabys aus der Nachbarklasse gelandet. Hängeschultern, Schwimmreifen unterm Fantasy-T-Shirt und Patschhändchen, die beim Interview ein wenig angespannt in seiner Vierfacher-Espresso-Tasse herumlöffeln. Dabei braucht er bestimmt nicht nervös zu sein, ist seine Erscheinung doch für einen periodisch wiederholten Ritus der Musikkritik gut. Es ist wieder so weit: Hier sitzt die Zukunft des R'n'B.

Ein bemerkenswertes Kuriosum dabei: Bass spielt hier nur eine Nebenrolle. "Nicht dass ich Bass nicht mag, aber das ist eben nicht alles. Der Bass ist nur so wichtig wie die anderen Elemente auch. Dieser Wettkampf, wer das bassigste Ding dreht, interessiert mich überhaupt nicht." Tatsächlich erschlägt einen Mohawkes Musik nicht mit Niederfrequenzgewalt, sondern mit ihrer Melodieverrücktheit, die einen aus den Boxen direkt anspringt. Er hat eine Schwäche für quirliges 8-Bit-Computerspielgedudel, für Retortenbläser, Plastikgitarren und ähnlich billig emulierte Sounds. Aus solchen Klängen strickt man natürlich kein düsteres Geisterschloss, dafür aber eine fantastische Märchenwelt in VGA-Grellness, mit grob gerastertem Pixelpinsel hingekleckst. "Ich habe es geliebt, in Computerspielen absolut verloren zu gehen", erzählt Mohawke. "Neben dem Turntable-Ding war es als Teenager meine zweite große Leidenschaft, in ein Game einzutauchen und monatelang überhaupt nicht mehr aus dem Haus zu gehen, einfach nur in dieser Fantasiewelt zu leben."

Tracks wie "Joy Fantastic" oder "FUSE" haben nun die idealen Farben und das perfekte Layout für eine Visitenkarte als Mischpultmeister im dicken R'n'B-Geschäft. Was auf "Butter" noch an Leerstellen, Skizzenhaftigkeit und holpriger Linienführung zu sehen ist - all das also, was an einem ungestümen, irgendwie noch unfertigen Debüt fasziniert -, das wird Hudson Mohawke als Nerd im Hintergrund für die großen Namen in den Charts bestimmt noch ein wenig glattbügeln. Aber auch das wird große grelle Kunst werden.



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aus Intro #177 (November 2009)
 
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