Tokio Hotel - Zwillinge im Interview: "Viele haben ein vorgefertigtes Bild von uns" Artikelbild (groß)

Tokio Hotel

Zwillinge im Interview: "Viele haben ein vorgefertigtes Bild von uns"

23.10.2009, 17:24, Text: Kerstin Grether, Sandra Grether, Foto: Katja Ruge
[3 Kommentare]

Zwillinge sind eine Herausforderung. Weil so gleichstark, proto-verwegen und Verwechslungsgefahr droht. Seit Jahren begeistern und polarisieren auf der Doppelidentität nunmehr Tokio Hotel. Kerstin und Sandra Grether, die Intro-eigene Zwillingsmacht, trafen die beiden in Hamburg und erklären das Phänomen, die Musik und den ganzen Rest.

Was wohl Außerirdische sagten, wenn sie von einem neugierigen Planeten "Ach, guck mal" auf die Erde geschickt würden, um das Phänomen Tokio Hotel zu beschreiben? Gut möglich, dass sie in den ersten beiden Alben jener "beliebtesten und unbeliebtesten Band Deutschlands" (FAZ) viel Schönes entdecken könnten.


Denn seit Nenas epochalem Frühwerk ist es keiner anderen deutschsprachigen Band mehr gelungen, so alltags-rebellischen Fantasy-Rock für eine junge, vornehmlich weibliche Zielgruppe zu produzieren. Noch dazu in einem originellen Stilmix, der durchaus auch ästhetisch mehr Ansprüche an sich selbst stellt als bloßes Funktionieren.

What It Feels Like For A Girl, Boy
Vor allem aber wären jene Außerirdischen wohl äußerst verblüfft darüber, dass ein Lederjacke zu Lidstrich und Langhaar-Dreadlocks tragender Pop-Sänger plötzlich wieder Himmel und Hölle in Bewegung setzt und polarisieren kann - nur weil es ihm Spaß macht, auch seine weiblichen Attribute zu betonen.

Die Außerirdischen würden sich womöglich an die Anfänge dessen erinnern, was wir Pop-Kultur nennen: an die Dekade nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Amerikaner das Wort "Teenager" als Marketingbegriff erfanden und die Presse den Massenhysterie auslösenden Frank Sinatra ständig anpöbelte, weil er keine Uniform trug und nicht im traditionellen Sinne maskulin wirkte. Denn jetzt mal angenommen, auf dem fernen Planeten gäbe es Fernsehen, Medien und Popkulturgeschichte: Würde unseren Außerirdischen dann nicht auffallen, dass die Verwischung von Geschlechtergrenzen doch jahrzehntelang zu den leichteren Übungen im Feld der Pop-Kultur gehörte? Vom bleichen, bisexuellen Bowie bis zu Green Days' Billie Joe Armstrong: Der "Crush With Eyeliner" (R.E.M.) hat beim männlichen Publikum stets für höchste Credibility-Werte gesorgt und in den künstlichen angloamerikanischen Galaxien des Pop schon lange keinen mehr aufgeregt. Bis zu Tokio Hotels mutigem Ritt durch den Monsun der deutschen Authentizitätshölle.

"Viele Leute haben ja ein Bild von uns und reagieren dann ganz automatisch. Vor allem in Begegnungen, die den ganzen Tag automatisch ablaufen." (Bill Kaulitz)

Da gefriert unseren Außerirdischen bei ganzem Leib und mechanischer Seele mal kurz das Blut in den Adern. Sie stellen sich vor: zwei schillernde, coole Fabelwesen auf einem ostdeutschen Kleinstadtschulhof, circa 2005, im tolerant-mobbenden Aggropocherwunderland, in diesen sumpfigen Nullerjahren der großen Koalitionen, mit all den Erwachsenen drum herum, die Authentizität und Vernunft rufen, um den ganzen eigenen Wahnsinn nicht zu fühlen ...

Und was kann man einem 15-jährigen Mädchen, das mit Internet-Pornografie und Frauen-verhöhnenden Rap-Nummern in den Charts aufgewachsen ist - in einer Zeit also, in der "Hure" zu einem anderen Wort für Frau werden konnte -, dann anderes wünschen als diesen romantischen, gitarrenriffigen, sexy Schrei nach Selbstbestimmung, in den Tokio Hotel ihre Erfahrungen mit alltäglichen Widersprüchen auf Provinzschulhöfen bereits mit eingeschrieben haben? Ja, Individualismus ist ein hohes Gut im Universum Tokio Hotel. Ist das, womit das verschieden gestylte Zwillings-Gespann das Format "Teenager-Band" gesprengt und neu erfunden hat. Ist das, was die zumeist weiblichen Fans wirklich interessiert: Wie macht man das - einen eigenen Weg gehen?

Denn man hätte es sich angesichts der enormen Polarisierungskräfte der vier Emoboys ja schon denken können: Die Fans von Tokio Hotel sind keinesfalls nur kreischende Honks. Sie können ihr Fantum und die Band oft kritisch und humorvoll reflektieren, wie man schnell bemerkt, wenn man sich durch die Fan-Foren klickt. Was all die höhnischen und erschreckend homophoben Stimmen in der Öffentlichkeit - wie immer in Fällen von Teen Scream - nicht davon abhält, den Mädchen ständig zu unterstellen, sie wären auf einen gigantischen Schwindel hereingefallen. Die Rebellion gegen solch öde Besserwisserei, gegen diesen ganzen stumpfsinnigen, sexualneidischen, männlichen Anti-Pop-Reflex ist aber längst Teil des Fan-Codes! Und schärft, wie bei jeder intensiv gelebten Subkultur, die sich gegen massive Widerstände behaupten muss, alle fünf Sinne für ein eigenständiges und kreatives Dasein (und den sechsten fürs Vorausahnen von Gefahren noch dazu).

Aber so, wie der Rock'n'Roll tausend Tode stirbt, so macht die Zukunft tausend Anfänge: Es ist sicher kein Zufall, dass Tokio Hotel jetzt in ihrer glücklich-abgründigen Science-Fiction-Hymne "The Dark Side Of The Sun" (deutsche Version: "Sonnensystem") Frank Sinatras "My Way"-Evergreen zitieren, während sie ihre eigenen glorreichen Wege nachzeichnen: "Hello! The end is near, hello, we're still standing here - the future's just begun, on the dark side of the sun."


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aus Intro #177 (November 2009)
 
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Tokio Hotel, Humanoid
Intro.de Künstlerseite von Tokio Hotel
Alle Artikel von Kerstin Grether, Sandra Grether
 
  • User: Intro
  • Intro 23.10.2009 | 17:24:00

    Kerstin und Sandra Grether, die Intro-eigene Zwillingsmacht, trafen Bill und Tom Kaulitz in Hamburg und erklären das Phänomen, die Musik und den ganzen Rest.

  • carol.iina 26.04.2010 | 19:50:08

    Priscila, ich liebe dich sz

  • User: Stimmungshochhalter
  • Stimmungshochhalter 26.04.2010 | 19:54:04
    man kommt zu nix
    Was wohl Außerirdische sagten, wenn sie von einem neugierigen Planeten "Ach, guck mal" auf die Erde geschickt würden, um das Phänomen Tokio Hotel zu beschreiben?

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