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Jochen Distelmeyer

Im Interview: A Dream Goes On Forever

07.10.2009, 16:58, Text: Mario Lasar, Thomas Venker, Foto: Sibylle Fendt
[1 Kommentar]

Jochen Distelmeyer trägt ein weit aufgeknöpftes weißes Hemd, eine blaue Anzughose und dazu passende Wildleder-Desertboots. Er hat manikürte Fingernägel, mit denen er manchmal auf den Tisch klopft. Beim Sprechen streut er regelmäßig das seinen Worten Emphase verleihende, fragend intonierte Alexander-Kluge-Ja ein. Soeben hat er sein erstes Soloalbum "Heavy" veröffentlicht. Dass das alte Columbia-Logo reaktiviert wurde (das auch schon das Cover von "Verbotene Früchte" zierte), habe nichts mit Bob Dylan zu tun, erzählt er Thomas Venker und Mario Lasar.

Als vor einigen Wochen der Song "Wohin mit dem Hass?" auf Jochen Distelmeyers Webseite veröffentlicht wurde, waren viele alte AnhängerInnen überrascht von der offensiv auf Rock getrimmten musikalischen Ausrichtung des Stücks. Man hatte nach dem Ende von Blumfeld insgeheim mit einer Hinwendung zu einer lieblicheren Reinhard-Mey-Ästhetik oder zumindest einer deutlicheren Annäherung an Blue-Eyed-Soul-Terrain im Sinne von Prefab Sprout gerechnet. "Heavy" jedoch wird beherrscht von einem dualen, aber nicht oppositionellen Verhältnis zwischen ungestümen Rockstücken à la "Wohin mit dem Hass?" und stromlinienförmig gestalteten, halbakustisch instrumentierten Songs, die eine eher gleitende Qualität entfalten.


Formal betrachtet blenden die Stücke der letzteren Kategorie jede Art von Reibung aus, was einen reizvollen Zustand der Harmonie herzustellen scheint, der jedoch häufig dadurch gebrochen wird, dass die Texte von Verlust und unerfüllten Sehnsüchten handeln. Die Rocknummern sind in textlicher Hinsicht mehr auf durchgeknallte Paranoia fixiert und scheinen noch am ehesten die von vielen verloren geglaubte Verschlüsselungs-Rhetorik wieder aufzunehmen ("Hinter der Musik"), für die Blumfeld zumindest eine Zeit lang standen.
Tendenziell markiert das Album allerdings eine Abkehr von transzendenter Sprache, die einhergeht mit der Umarmung einer weltzugewandten Immanenz. Ein Effekt davon ist, dass das Intimitätspotenzial unverhohlener ausgeschöpft wird. So arbeitet das "ein grundsätzlich präsentes Glücksempfinden" (Jochen Distelmeyer) kommunizierende, "wunderschöne" (ich) "Lass uns Liebe sein" mit einer elaborierten Liebeslied-Rhetorik, die in musikalischer Hinsicht mit einer knackigen Bassdrum kombiniert wird. Interessant ist, dass in die Liebes-Metaphorik ein Wort wie "Lebenslügen" eingeschleust wird (Jochen: "Das ist nicht eingeschleust, ich schreibe nicht strategisch"), das die Vorstellung von Leichtigkeit nicht konterkariert, sondern enorm erweitert. Also doch wieder Transzendenz? Ich glaube, Jochen Distelmeyers Musik entzieht sich Ausschließlichkeit und Eindimensionalität. Dazu passt, dass sich auch eine zunächst so bescheiden und bodenständig wirkende Zeile wie "Am Ende ist es nur ein Song" (aus "Murmel", dessen Szenario mich an "Bach, Beethoven, Mozart & Me" von Phil Ochs erinnert) im Grunde als Meta-Kommentar erweist; aber, wie ein Freund neulich meinte: "Überinterpretieren ist langweilig geworden." Okay. Vielleicht reicht es auch, sich daran zu erinnern, dass Jochen Distelmeyer einst gesungen hat: "Es könnte viel bedeuten" (aus "Tausend Tränen tief", einem Lied, das letztlich von der universalen Wirkungsweise der neuen Liebeslieder nicht so weit entfernt ist).

Man kann so auch, wenn man will, Hinweise darauf finden, dass das Album an bestimmte Gesten anschließt, die man von Blumfeld kennt. Mindestens drei neue Songs ("Regen", "Hiob" und "Lass uns Liebe sein") verweisen auf die Traum-Terminologie, die bereits in "Tics" vom letzten Blumfeld-Album "Verbotene Früchte" anklang ("Die Träume stehen leer"). Was vor siebzehn Jahren als "Traum:2" umschrieben wurde, mündet jetzt in der Aussage "Wir sind geboren, um zusammen zu leben" ("Ob man nicht alleine leben kann? Was ist das denn für 'ne Frage? Du kannst es ja mal versuchen. Ich ruf dich in vierzig Jahren noch mal an!" - JD).
Alles beim Alten also? Kontinuität galore? Dafür würde neben den gerade dargelegten Hinweisen auch der Umstand sprechen, dass es sich beim Eröffnungsstück "Regen" um ein unbegleitetes A-cappella-Stück handelt, eine Tradition, die an Blumfeld-Stücke wie "Eines Tages" oder "L'Etat Et Moi" anzuknüpfen scheint. Mit dieser Vermutung konfrontiert, gibt sich Jochen Distelmeyer antagonistisch:

Also, um Kontinuität ging es da jetzt nicht. Ich fand, es war die perfekte Form für den Song, und mir gefiel, wie sich das Feedback des folgenden "Wohin mit dem Hass?" aus der Stille herausschält. Dieser Moment war mitentscheidend dafür, "Regen" so zu machen. Mir ist dann erst, als wir im Studio die Reihenfolge der Stücke festgelegt haben, aufgefallen, dass es vorher auch schon so Sprechstücke gab, aber die waren ja nicht, wie jetzt "Regen", gesungen.


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aus Intro #176 (Oktober 2009)
 
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  • User: Hauptmann Fuchs
  • Hauptmann Fuchs 09.10.2009 | 19:36:37
    zur Klärung eines Sachverhalts
    Das alte Columbia-Logo wurde nicht für blumfeld oder reaktiviert, wie es im teaser zwar nicht behaupet, aber doch angedeutet wird. das ziert seit jahren jede columbia-platte. also jede mir bekannte, d.h. primal scream und die ting-tings.

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