Bad Lieutenant
Worum es eigentlich geht
25.09.2009, 18:33, Text:
arno raffeiner, Foto: Elke Meitzel
Es wird langsam ziemlich eng zwischen den großen Kapiteln und dem Fußnotenapparat der Manchester-Popgeschichte. Bernard Sumners Band Bad Lieutenant ist bei genauerer Betrachtung zwar nur eine kleine Neuordnung der eigenen Joy-Division-New-Order-Vergangenheit: weniger Bass, mehr Gesang, milde Rückschau statt Exzess. Und doch stellte Arno Raffeiner beim Interview aller Historisierung und Faktizität zum Trotz fest: Es ist immer noch Platz für neue Rätsel.
Bernard Sumner fährt draußen noch ein paar Extrarunden in seinem Auto. Nicht etwa aus Freude an einem neuen Sportwagen, er findet nur die Einfahrt zur Hotelgarage nicht. Schuld sind Sergio Leone, Ennio Morricone und die Sex Pistols. Am vorläufigen Ende dieser Kausalkette, die ihn zu Bad Lieutenant und an diesem regnerischen Septembernachmittag in ein Hotel am Flughafen von Manchester führt, steht aber einmal mehr Sumners alter Schulkamerad Peter Hook.
Man muss immer ein bisschen weiter ausholen und Extrarunden fahren, wenn man sich dem Kosmos von Bernard Sumner und seiner Musik nähern möchte. Die Runden führen dabei über dreißig Jahre zurück in die Vergangenheit - und in das knapp eine Stunde entfernte Zentrum von Manchester. Das präsentiert sich aktuell in neuer, backsteinpolierter Pracht und wirkt trotzdem sehr rückwärtsgewandt. In den Einkaufsstraßen wird auf großen Plakaten das Erscheinen von "The Stone Roses" vor zwanzig Jahren gefeiert, in den Läden stapeln sich die knallgelben Bände der Geschichtsschreibung von Factory Records neben Morrissey- und Tony-Wilson-Biografien. Viele Fakten, viel Vergangenheit. Und mittendrin immer wieder Bernard Sumner. Seine Welt und mit ihr die von Manchester als Popmetropole scheint oft nur in Nerd-Parametern eines absoluten Wissensdiskurses fassbar zu werden. Dabei geht es doch in seinen Songs immer um die Suche nach dem einen bedingungslosen, unmittelbaren Popmoment, nach der ebenso subjektiven wie flüchtigen Lösung aller Texträtsel. Auch für ihren Schöpfer selbst, wie Sumner mit glockenheller Stimme in der kühl-funktionalen Atmosphäre eines Konferenzraums im Flughafenhotel erzählt: "Sehr selten schreibe ich Songs über ein bestimmtes Thema. Ich versuche eher nicht zu viel nachzudenken und mein Unterbewusstes sprechen zu lassen. Ich höre mir die Musik an, und die inspiriert die erste Zeile, die erste dann die zweite und so weiter. Erst danach lese ich den Text, frage mich, worum es eigentlich geht, und versuche meinen eigenen Song zu interpretieren." Ob ihm das denn auch immer gelinge? Sumner muss lachen: "Nein. Aber ich mag es, wenn die Leute ihre eigenen Interpretationen finden. Auch wenn die ganz unterschiedlich von meiner eigenen sein sollten, sind sie genauso gültig."
Die Weisheit, dass ein Song eben immer nur das bedeutet, was man selbst daraus macht, galt für New Order mit ihren anonym designten Plattenhüllen, mysteriösen Videos und Lyrics vielleicht noch ein bisschen mehr als für andere Bands. Und sie gilt nun auch für Sumners neue Band Bad Lieutenant, auch wenn die eben nicht New Order ist, wie er und die ihm am Konferenztisch gegenübersitzenden Mitglieder Phil Cunningham und Jake Evans betonen.
Der Manchester-Musealisierung zum Trotz hier also: ein frischer, aufregender Start, wie die Band zu Protokoll gibt. Auf dem Papier stimmt das auch. Nach einem hauptsächlich über die Medien ausgetragenen Streit mit Peter Hook wurden New Order (vorerst) aufgelöst. Die Idee für die neue Band wurde auf einer Silvesterparty bei Blur-Bassist Alex James geboren, der nun, letztendlich aus logistischen Gründen, nur als Gastmusiker dabei ist. Ebenso wie Stephen Morris, der bei einigen Songs sowie bei den Konzerten Schlagzeug spielt. Am Bad-Lieutenant-Debüt wurde im Studio aber hauptsächlich zu dritt über viele Monate hinweg gewerkelt.
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