Karpatenhund
Im Interview: "In Deutschland ist Pop doch Volkstheater!"
11.09.2009, 15:23, Text:
linus volkmann, Foto: Tobias Vollmer
Pop ist doch kein Rätsel. Bei Karpatenhund wird allerdings mal eine Ausnahme gemacht. Einige Enden des Kölner Knäuels führen zu smartem DIY, zu grellem MTV, andere zum ARD-Vorabendprogramm, dem Spiegel, einem Fanta-4-Tribute, New York und den Fehlfarben. Musik dabei: dorniger Multiball-Pop. Texte: gefährlich. Veränderung: groß. Was man bräuchte, ist ein Lösungsbuch. Linus Volkmann hat's geschrieben.
Tutorial
Schneller als die Musik von Karpatenhund war von Anfang an (also 2004, 2005) ihre Legende. Man hörte von dieser Band und ihrer einhergehenden Anmaßung. Jene besagte, man könne den Pop-Zirkus einfach mal schadlos durchspielen. Indem man ihm Zucker gibt und sich selbst nicht zum Affen macht.
Klingt locker, ist gemeinhin aber so unmöglich, dass einen der Versuch allein schon für die medizinisch-psychologische Untersuchung (Volksmund: Idiotentest) vorschlägig macht. Idiotisch schien es auch weiterzulaufen.
Diverse große Plattenfirmen rissen sich um die Band, ein sogenannter "Bidding War" entbrannte. Die Zeit rund um das Silbermond- und Juli-Hoch in den Charts dürfte ihren Teil dazu beigetragen haben. Ein heute mittlerweile abgewickelter Major bekam den Zuschlag. Und einige Zeit stolperte man natürlich (wie auch misstrauisch) über die Musik. Auf den ersten Blick fröhlichster Pop für die Stufenfahrt oder die Afterhour der Campus Invasion. Alko-Pop, wie der Bachelor sagt.
Dabei aber so verdammt nachhaltig. Auch lange nach der Party summte man noch "Gegen den Rest" oder "Lass uns zusammen verschwinden heut' Nacht" und stellte fest, dass das sowohl musikalisch, aber vor allem auch textlich viel reicher war als die ganze Krempel-Attacke der vergleichbaren Deutsch-Acts zusammen. Außerdem beteiligte sich die Band ja auch nicht wie angedroht an dem honkigen MTV-Format, wo zwei junge Bands als Ich-AGs durch den Osten trampen, um zu beweisen, wie kunstlos Pop mittlerweile ist, und es nur darum geht, prekär seinen Job zu machen.
Sollten Karpatenhund also tatsächlich das U-Boot sein, das glamourösen, unegalen Pop in die Charts schmuggelt? Ist so was in Deutschland überhaupt erlaubt?
Björn von der Band kennt die Zweifel daran selbst recht genau: "Schon so was wie die Pet Shop Boys könnte auf Deutsch nicht funktionieren, also eine Band, die den Radioerfolg forciert, aber sich trotzdem eine linke Indie-Cleverness bewahrt. Das liegt sicher auch an der deutschen Geschichte, wie schnell alles Populäre nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut werden musste. Das sieht man zum Beispiel an Filmen: Neben düsteren Filmen gab es nur noch Heinz Erhardt und so, der den Leute sagte: 'Denk jetzt nicht dran, dass du vor fünf Jahren noch Nazi warst, hier hast du die Mädchen vom Immenhof.' So hat sich Popkultur in Deutschland völlig anders entwickelt als in den anderen westlichen Ländern. Popmusik ist hier immer noch ein Stück Volkstheater, die Vorsilbe bedeutet ja bereits: 'Es ist klein, es ist wenig, es ist Dreck.' So bleiben nur die beiden Extreme: es total populistisch zu machen oder aber, dass man sich gegen den Mainstream stellt und damit dann hochkulturelleren Zuspruch erntet. Aber beides zu verbinden klappt kaum mehr als in einem kurzen Moment wie bei Tocotronic oder bei 'Graue Wolken' von Blumfeld."
Bewusst wider diese Erkenntnis trat die Band aber genau mit jener Idee an von Pop als Subversion, von Pop als unwiderstehliche Infiltration der Feindfresse. Und das Karpatenhund-Debüt kam diesem feuchtesten Traum der Kulturlinken näher als sonst eine Platte dieses Jahrzehnts. Und nach so einem Coup lieferten 4/5 der Band mit dem Indie-Folk-Flaggschiff Locas In Love auch noch fix das Opus magnum "Saurus" ab, letztes Jahr folgte das "Winter"-Album - und nun also die Fortsetzung von der Pop-Weltübernahmefantasie Karpatenhund.
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Intro 11.09.2009 | 15:23:00
Wer Popmusik mag, wird diese Platte lieben. Fühlt euch ermutigt, diese Platte zu hören, diese Band zu entdecken.
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