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Simian Mobile Disco

Im Interview: The Electric Geeksville Acid Test

31.08.2009, 13:21, Text: Sebastian Ingenhoff, Foto: Sandra Stein

Simian Mobile Disco haben den Hype um New Rave und ihre erste Platte "Attack Decay Sustain Release" unbeschadet überstanden. In ihrem Zweitwerk geht es um die Versprechen von Techno, umgesetzt mit den Mitteln von Pop. Den Popjob übernehmen die namhaften Gaststars. Man selbst gibt sich dagegen erschreckend unprätentiös. Sebastian Ingenhoff traf die beiden auf dem Electronic Beats Festival und war ganz baff ob so viel Nettigkeit. Fotos: Sandra Stein.

From Simeon To: Simian
Die Geschichte von Simian beginnt Ende der Sechziger in New York. Damals gründete der Schlagzeuger Danny Taylor mit dem wahnsinnigen Gerätebauer Simeon Coxe III die Silver Apples. Das Duo veröffentlichte zwei wegweisende und gefeierte Alben. In den Neunzigern gab es ein kleines Comeback, unter anderem spielte Coxe 2006 mit Alan Vega das Stück "Silver Monk Time" für das gleichnamige Tributalbum an die Monks ein.


Simeon Coxe III lötete sich in den Sechzigern legendäre modulare Synthesizer zusammen. Einen davon taufte er "The Simeon" und führte ihn als elektronisches Alter Ego spazieren. Der Simeon war ein komplexer Kasten, den man mit Händen und Füßen, manchmal auch mit den Ellenbogen bedienen musste. Coxe sah den Simeon als vollwertiges, eigenständiges Bandmitglied, als eine Art popmusikalischen HAL. Er betonte immer wieder, dass die Klangerzeugnisse einzig und allein von den Launen der Maschine abhängig seien, völlig entkoppelt von seinem Erzeuger. Nicht nur deswegen zählen die Silver Apples zu den ersten amerikanischen Bands, die mit den Mitteln elektronischer Musik arbeiteten und antizipierten, was auf der anderen Atlantikseite von John Peel später Krautrock genannt werden sollte. Kraftwerk waren große Fans von Simeon Coxe III, auch der Einfluss auf Bands wie Goblin, Alan Vegas Suicide, Spacemen 3 bzw. Spiritualized oder Komponisten wie Vangelis ist unbestritten.



Natürlich vergöttern auch Jas Anthony Shaw und James Ellis Ford von Simian Mobile Disco die Silver Apples als Wegbereiter moderner elektronischer Musik. Der Name Simian Mobile Disco stellt eine Reminiszenz an den Coxe'schen Simeon dar, wenn auch orthografisch leicht abgewandelt. Schon die Vorgängerband Simian, deren Hit "We Are Your Friends" in der Justice-Bearbeitung das Ed-Banger-Label auf den Weg brachte und den New-Rave-Alarm auslöste, zeigte sich massiv durch die Silver Apples beeinflusst. Im letzten Jahr ließen die Briten das Simian-Mobile-Disco-Stück "Scott" von Coxe für das "Sample And Hold"-Remixalbum noch mal bearbeiten, auch wenn dieser sein Gerät seit einem Unfall nicht mehr so furios wie früher bedienen kann.
Mit Coxe teilen Simian Mobile Disco die Vorliebe für selbst zusammengeschraubte modulare Synthesizer. Shaw und Ford produzieren ihre Musik hauptsächlich mit altem Schrott. Sie lungern auf eBay herum, bestellen sich ausrangierte Drummaschinen und Sequencer, bauen diese auseinander und löten sie mit anderen Teilen wieder neu zusammen. Ihr Studio muss man sich vorstellen wie eine Werkstatt. Der Maschinenpark, den die Briten live zur Schau stellen, ähnelt optisch dem originalen Coxe'schen Kastenroboter, ist aber noch platzraubender. Sie nennen ihren Geräteturm mit den vielen blinkenden Knöpfchen "Little Geeksville".

From ADSR To: POP
Das erste SMD-Album "Attack Decay Sustain Release" war nach den vier Grundfunktionen des hauptsächlichen Klangerzeugers betitelt worden. In logistischer Hinsicht sei das Ding eine völlige Katastrophe, weil man sich die Einstellungen der einzelnen Tracks immer auf einem Zettel notieren müsse und das Teil überhaupt viel zu viele Elemente habe, als dass es von einer einzelnen Person bedient werden könne. So ergibt sich auf der Bühne eine Art "Reise nach Jerusalem". Man steht nicht einfach blöde in der Ecke wie viele Laptopmusiker, die nebenher noch ihre Mails checken. Ford und Shaw jagen wie Cheech und Chong auf Ritalin um ihren Gerätetisch und drehen fleißig Knöpfchen.

Ford: Ich habe schon so viele elektronische Shows gesehen, bei denen du nie weißt, was die Leute eigentlich machen. Ein Konzert muss ein Happening sein, ich möchte sehen, dass auf der Bühne auch etwas passiert. Wir improvisieren viel, mixen auch live, wodurch wir ständig die Strukturen unserer Songs verändern. Unsere Show ändert sich von Nacht zu Nacht. Wir setzen zwar bestimmte Parameter, aber es ist niemals dasselbe.
Shaw: Wir sind keine Dogmatiker, und es gibt bestimmt gute Sachen, die mit dem Laptop produziert worden sind. Aber für uns ist es einfach aufregender, mit diesem alten analogen Equipment zu arbeiten, das teilweise schon halb auseinanderfällt.

Morgan Geist hat in einem Interview mal gesagt, dass die zeitgenössische elektronische Musik oftmals eine gewisse Wärme missen lassen würde, dass man bei guter Tanzmusik eben immer den Menschen hinter den Maschinen heraushören müsse. Ansonsten sei elektronische Musik seelenlos, kalt und beliebig. Alles lediglich eine Frage des Equipments?
S: Das trifft ganz genau den Punkt. Was Dancemusik angeht, sind wir durch Chicago-House sozialisiert worden. Ich meine, das war ganz simple Musik, da stand irgendwer mit einer Roland 303 und ein paar Samplern herum und kitzelte diese wahnsinnigen Sounds aus der Maschine. Es ging eben nicht darum, perfekt zu sein, alle Fehler im Nachhinein wieder ausmerzen zu können. Es ging einfach um diesen ganz speziellen Sound, der zu einem gewissen Zeitpunkt aus dem Ding herauskommt und so konserviert wird, vielleicht noch garniert mit ein paar klassischen Soul-Elementen. Dieser ganze alte Acidkram klang immer total neben der Spur, nimm zum Beispiel DJ Pierre. Gerade das Unsaubere, Unfertige daran hat mich so sehr weggeblasen. Ich konnte mir dieses Gezwitscher stundenlang anhören. Und natürlich war das eine Frage des Equipments. Er hat sein Gerät einfach auf eine Art benutzt, wie es vor ihm keiner gemacht hat.
F: Wir haben sicherlich eine sehr altmodische, nerdige Herangehensweise an Tanzmusik. Vieles ist dem Zufall zu verdanken. Wenn wir etwas hören, das wir mögen, dann nehmen wir es auf. Einstöpseln und los. Vieles endet dann tatsächlich im totalen Chaos, manches führt aber auch zu vorzeigbaren Resultaten.

Simian Mobile Disco bedienen sich aus dem breiten Fundus der elektronischen Tanzmusik, wobei sie auf direkte Samples verzichten. Das "Pump Up The Jam"-Zitat aus "It's The Beat" war eher einem Zufall geschuldet, die frappierende Ähnlichkeit wurde Shaw und Ford angeblich erst gewahr, als man sie darauf ansprach. Es ließ sich stets heraushören, dass beide mehr dem songorientierten Komponieren als der reinen Beatbastelei entstammen, es ging nie um den funktionalen Dancefloortrack. Das sollte sich mit dem neuen Album geändert haben, denn ursprünglich war "Temporary Pleasure" als Instrumentalwerk geplant, mit zehnminütigen Tracks ohne großartigen Schnickschnack. Eine charmante Verbeugung vor den frühen House- und Technoproduktionen aus Detroit und Chicago.



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aus Intro #175 (September 2009)
 
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