Health
Aus Liebe zur Entfremdung
21.08.2009, 19:30, Text:
Martin Büsser, Foto: John Londoño
In Leipzig regnet es in Strömen. Vier Minuten von der S-Bahn bis zum UT Connewitz reichen, um Martin Büsser bis auf die Knochen nass werden zu lassen. Dort, in einem alten Kinosaal, drehen Health gerade an einem Video zu ihrer aktuellen Veröffentlichung "Get Color". Der Soundcheck ist bereits so brachial laut, dass das Filmteam erst mal jemanden losschickt, um in der Apotheke Ohrenstöpsel zu kaufen.
Sänger und Gitarrist Jake Duzsik ist nicht undankbar darüber, für das Interview erst einmal in ein ruhiges Nebengebäude flüchten zu können. Ihren Videodreh nutzt die Band für ein paar Konzerte in Deutschland – und für zahlreiche Interviews, wie Jake freudig erzählt: "Es erstaunt mich, wie viel Aufmerksamkeit die Presse einer sperrigen Noise-Band wie uns schenkt. Das gibt mir Hoffnung, schließlich sind wir nicht die neuen Arctic Monkeys."
Und diktiert mir gleich darauf eine Lektion über die Zukunft des Musikjournalismus ins Mikro: "Wenn Musikzeitschriften überleben wollen, müssen sie wieder cool werden. Sie müssen dem Publikum das Gefühl vermitteln, wirklich etwas Neues zu entdecken. Die meisten Magazine in den USA haben das verpennt. Wenn der Rolling Stone eine Band als cool bezeichnet, weiß jeder, der etwas von Musik versteht, dass sie das Gegenteil von cool ist. Seit einiger Zeit versuchen diese Hefte, aus alten Fehlern zu lernen. Sie berichten inzwischen nicht mehr nur über Neil Young, sondern auch über Underground-Bands wie uns. Aber ich befürchte, sie haben ihre Glaubhaftigkeit längst verspielt."
Um so abgedroschene, aber doch nicht völlig überholte Begriffe wie "Glaubwürdigkeit" und "Underground" geht es auch in der Bandphilosophie von Health, dem neben No Age wohl heißesten Act, der aus dem Smell-Club hervorgegangen ist. Die Atmosphäre dieses Jugend- und Kulturzentrums hat den Sound der Band entscheidend geprägt. Inmitten von L.A. war der Club eine Insel für Gleichgesinnte, in der Musiker experimentieren konnten, ohne sich an den Gesetzen des Popmarktes orientieren zu müssen. Doch Jake spricht über das Smell bereits in der Vergangenheitsform: "Während unserer ersten Touren wurden wir von allen Leuten bedauert: 'Was, ihr kommt aus L.A.? Wie uncool!' Lange Zeit herrschte die Meinung vor, guter Underground könne nur aus Seattle, Portland oder New York kommen. Doch bis Anfang 2006 herrschte im Smell eine solche Atmosphäre der künstlerischen Offenheit, dass alle Beteiligten das Gefühl hatten, am derzeit besten Ort der Welt zu sein. L.A. ist eine schnöselige Stadt, die meisten, die dort hinziehen, wollen Filmstars werden und interessieren sich nicht für den musikalischen Underground. Aber genau das hat die wenigen, die anders ticken, noch mehr zusammengeschweißt, musikalisch noch radikaler gemacht. Doch dann kam 2006 die Presse und hat diesen Hype um das Smell veranstaltet, ein bisschen so wie damals mit Seattle und Nirvana. Und seitdem ist es nicht mehr das, was es einmal war. Ich weiß, wovon ich rede, schließlich haben wir unsere erste Platte komplett im Smell aufgenommen."
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