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Zoot Woman

Im Interview: Schneeweißchen und die Mundschenke der Königin

13.07.2009, 12:50, Text: arno raffeiner, Foto: Joachim Zimmermann

Niemand weiß, wie lange der ganze Laden noch läuft. Aber hier und jetzt gibt es Grund zu feiern. Das große Ende ist vorerst noch Zukunftsmusik. Dafür klingt "Things Are What They Used To Be", das dritte Album von Zoot Woman, wunderbar nach Alles-Wollen und Möbiusschleifen. Arno Raffeiner durfte die Band in ihrem Londoner Studio, ihr Label in dessen Berliner Büro sowie eines der letzten Wochenenden im Scala-Club besuchen. Mit nach Hause gebracht hat er ein Märchen.

Irgendwo im Dunkel des Hauseingangs, neben all den Graffiti-Tags, den zerfledderten Stickern, dem bröckelnden Putz, könnte vielleicht noch ein Klingelknopf versteckt sein. Nur wo? Das Abscannen der maroden Mauerstruktur nach einem Sesam-öffne-dich wird zunehmend aussichtsloser, als plötzlich eine praktischere Lösung auftaucht, in das Haus am nördlichen Ende der Berliner Friedrichstraße eingelassen zu werden: der automatische Türöffner in Form von Ben Oertel, eigens drei Stockwerke heruntergesprintet, um aufzumachen.


Nein, Klingeln oder gar eine Gegensprechanlage gäbe es nicht, erzählt er nach der Begrüßung. Hier, in diesem vorletzten verfallenden Alte-Mitte-Haus am Oranienburger Tor, im Räumungsklagendistrikt der immer näher rückenden Investorengelder zwischen Friedrichstadtpalast und dem Kunsthaus Tacheles, sei man schon froh, dass in letzter Zeit die Stromversorgung einigermaßen stabil gewesen sei - es sei denn, jemand hat aus Versehen gleichzeitig Wasserkocher und Herd angeschaltet. Dann ist wieder mal Zwangspause im Label-Büro von Snowhite und in den direkt daneben gelegenen Räumen der Betreiber des Clubs Scala, der sich in den unteren zwei Stockwerken befindet.

Obdach im letzten Subkulturschuppen

Im Eingangsbereich auf der dritten Etage liegen noch einige der Luftballonskulpturen herum, die Peaches für ihren Videoclip zu "More" basteln ließ. Sie hat hier ihr Studio und ist offiziell die Mieterin der dritten Etage - wenn man ein solches Wort für die zwischen undurchsichtig bis halblegal changierenden Verhältnisse in diesem Haus verwenden möchte. Denn besonders offiziell fühlt sich hier nichts an, eher schon nach nächsten Montag einen Anruf bekommen: "Am Freitag seid ihr raus!" Was durchaus jederzeit passieren könnte, wie Ben erzählt.



Trotzdem empfängt uns oben Desiree Vach mit bester Laune und rotem Sekt in Plastikbechern. Niemand weiß, wie lange der ganze Laden noch laufen wird, aber hier und jetzt gibt es Grund zu feiern. Desi und Ben haben eben ihr gemeinsames Label (und außerdem auch noch: Management, Verlag und Music Consulting) Snowhite aus der Taufe gehoben und dürfen auf ein sensationelles Signing anstoßen. Es klingt nach einer Geschichte wie von Schneeweißchen und Rosenrot, dass der Mundschenk der Queen of Pop nach einer bitterlangen Albumpause mit seinen Getreuen plötzlich im letzten runtergerockten Subkulturschuppen in Berlin-Mitte ein neues Label-Obdach finden sollte. Aber Snowhite haben genau dieses Märchen wahr gemacht: Sie veröffentlichen das dritte Album von Zoot Woman.

Der Rahmen, in dem sich die Handlung abspielt, lässt sich wie folgt vorstellen: durchaus großzügige Räume, die charmant chaotisch und gemütlich wirken. Auf den ersten Blick an einem Frühsommerabend zumindest. Dann erst hört man von der irreparabel defekten Heizung, entdeckt einige kaputte Fensterscheiben und das Baugerüst davor, das seit Monaten Licht und Sicht nimmt. Das Gerüst wurde nicht etwa für Sanierungsarbeiten hochgezogen, sondern sollte wohl mittels Platz für Werbebanner etwas Kapital aus dem maroden Bau schlagen. Derzeit ist allerdings alles grau in grau verpackt. Ziemlich verschämt steht das Gebäude da. Als hätten sich die Besitzer gedacht: Verstecken und so tun, als würde was passieren, ist immer besser, als die eigene Ratlosigkeit zu zeigen.

Desi und Ben hingegen zeigen derweil ihre Agilität. Sie schmeißen sich für den Intro-Fotografen Joachim Zimmermann auf ein Fake-Eisbärfell, als würden sie im freien Fall über den Wolken schweben, werfen sich vor den Graffiti im Treppenhaus in Pose und drehen Pirouetten vor der Kamera. "Was tut man nicht alles für den Erfolg", stöhnt Ben und klettert mit Desi auch noch durch ein Fenster auf das Baugerüst hinaus. Immerhin: Dafür taugt es. Zum Rausgehn und Runtergucken. Ein seltenes Gefühl: hoch über dem Friedrichstraßenverkehr im Abendhauch stehen und langsam den Dämmer heraufziehen sehen, der von der kommenden Nacht kündet. Wenig später wird im unteren Teil des Gebäudes im Scala Snowhites Label-Gründung und die Partyreihe "Nightmare On Friedrichstraße" gefeiert. Dass "Part 3" dieser Reihe auch der letzte Teil sein wird, kann zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen. Das Line-up auf drei Floors wirkt wie immer verschwenderisch, der große Kennenlernstau auf der namengebenden Treppe des Scala ist vorprogrammiert. Und auf dem oberen Floor gibt es eine neue Rundumtapezierung zu bestaunen. Das von Paul Snowden ausgegebene Kampfmotto "RAVE IS THE NEW RIOT" wurde erst tags zuvor eingeweiht. Nur ein paar Nächte später hat die schwarz-weiße Riot-Tapete schon endgültig ausgedient. Nicht mal eine Woche nach der Gründungsparty kommt eine E-Mail von Desi: neue Büroräume gesucht. Kurz darauf kündigt auch das Scala sein allerletztes Feierwochenende mit Auftritten der Junior Boys, Brace Paine als DJ der Gossip-Aftershow-Party und zig anderen Acts an. Aber das große Ende ist an diesem Abend noch Zukunftsmusik.



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aus Intro #174 (August 2009)
 
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