Major Lazer
Diplo meets Switch: "Zwei weiße Typen bringen's nicht!"
24.06.2009, 16:34, Text:
Martin Riemann, Foto: Sibilla Calzolari
Surf-Gitarren? Black-Flag-Samples? Mobiltelefonvibratoren? Babygebrüll auf Autotune? Hört sich nach Dancehall an! Bitte?! Major Lazer geben auf "Guns Don't Kill People ... Lazers Do" Stoff, als wären zwei besoffene DJs aus Philadelphia und London in Jamaika einmarschiert. Und unter uns - genau das ist passiert, nur nüchterner. Fand jedenfalls Martin Riemann heraus.
Mit dem Superhelden Major Lazer wollen Diplo und Switch dem Image der maroden jamaikanischen Dancehall-Szene eine Generalüberholung erteilen. Dafür gibt's eine Mischung aus dem Artwork alter Scientist-Alben und der Ästhetik des L.A.-Hardcores der 80er. Und natürlich Diplos schroffen Everything-goes-Sound, den er selbst gerne als futuristisch bezeichnet. Leider erscheint Diplo alleine zum Interview - Switch ist verhindert, wird aber durch eine Laserkanone zumindest symbolisch in den Raum geholt. Auf Diplos rechtem Unterarm sind, schön krude, die Umrisse seines Namensgebers Diplodocus eintätowiert. Er trägt ein Germs-Shirt und hat kurze ungekämmte Haare.
Das Major-Lazer-Album ist ziemlich aufregend. Vor allem, weil ihr es tatsächlich geschafft habt, ungewohnte Elemente einzubauen. Ist ja bei einem Genre wie Reggae, wo es vor fremden Einflüssen nur so wimmelt, nicht gerade einfach.
Das ist eine Fortführung meiner Arbeit für M.I.A. und Santogold. Ich habe mich gleichzeitig mit Dancehall beschäftigt, und das ergab dann diesen Crossover-Effekt. Es war immer schon mein Anspruch, Ungewohntes in meinen Sound zu injizieren, ob ich jetzt einen Dubstep-Beat in ein HipHop-Stück einbaue oder versuche, House für ein Reggaepublikum zu machen - ich bin immer zuerst DJ und liebe es, die Stile zu mischen. Gerade Dancehall war immer schon sehr anpassungsfähig. Vor drei Jahren gab es diese indischen Einflüsse, letztes Jahr war es mehr HipHop. Ich halte das Genre für komplett vernachlässigt. Die ganze Musikindustrie leidet, aber nirgendwo mehr als in Jamaika. Die meisten Künstler haben zwar noch ihr Einkommen, aber die Plattenindustrie ist so gut wie verschwunden, es gibt einfach keine Alben mehr. Deswegen haben wir uns die Figur des Major Lazer ausgedacht, also einen jamaikanischen Superhelden.
So, wie sich das anhört, ist es also gegen den Zeitgeist, jetzt ein Reggae-Album zu machen.
Es ist nicht cool.
Von dir hätten manche auch eher etwas in Richtung Baile Funk erwartet, oder?
Wir hatten erst auch einen Baile-Funk-Track auf dem Album, wir können sogar die ganze Platte auch noch als Baile-Funk-Version rausbringen, vielleicht machen wir das sogar noch. Aber wir wollten als Ausgangspunkt erst mal ein starkes Album haben, deswegen nur Reggae. Es kommen ja jetzt sowieso noch tonnenweise Remixe davon. Es wird dieses Jahr auch noch ein Diplo-Album geben, das sich eher in die Richtung von Sachen wie Modeselektor bewegen wird, more deep and more mad. Aber diesmal war die Figur des Major Lazer wichtiger, er verkörpert für uns eine neue Attitüde gegenüber der jamaikanischen Kultur.
Was für eine Attitüde soll das sein?
Wir wollen eine andere Perspektive bringen. Mit den ganzen neuen Künstlern und Stilen aus Jamaika und den neuen Möglichkeiten, diese ganzen Sachen zu vermischen. Unser Artwork ist sehr stark von den 80ern beeinflusst, sehr Dub, sehr Punkrock. Deshalb liebe ich Musik - man kann überall Beziehungen herstellen. Ich bin mit Punk, Heavy Metal, Reggae und HipHop aufgewachsen. Dieses Gefühl möchte ich zurückbringen. Ich möchte keine Alben mehr machen, die ein bisschen dies und ein bisschen das sind.
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