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Gossip

Pop mit Würde

24.06.2009, 14:26, Text: Wolfgang Frömberg, Foto: Lars Borges

Eine DIY-Post-Punk-Band auf dem Weg, den Underground für immer hinter sich zu lassen? Eine Produktion von Rick Rubin, die Gossip mit ihrem ersten Studioalbum für ein Major-Label in die Download-Charts katapultieren soll? "Music For Men" ist tatsächlich ein Paket aus lauter Songs, die unter Hit-Verdacht stehen. Aber keine Angst, Beth Ditto, Brace Paine und Hannah Billie würden längst nicht alles tun oder glauben, um Erfolg zu haben. Das erklärten sie Wolfgang Frömberg beim Gespräch in München. Fotos: Lars Borges.

Würde speist sich aus der Kunst, im rechten Moment "Nein" sagen zu können, vor allem, wenn man sich im kulturindustriellen Feld bewegt, wo "Ja und Amen" Gesetz ist.


Beth Ditto ist wie schon andere Role-Models des unangepassten Pop-Lebens in der glamourösen Modewelt angekommen. Nicht vollkommen überraschend, da Körperpolitik immer etwas mit bewusster (Ver-) Kleidung zu tun hat - und Beth Ditto einen recht umfangreichen Körper mit entwaffnender Aura in die Waagschale wirft. Seit dem Erfolg von Gossips Anti-Bush-Hymne "Standing In The Way Of Control" und der erhöhten Aufmerksamkeit für ihre Person kann Beth Ditto es sich leisten, den Balanceakt zwischen Haltung und Lifestyle mit voller Wucht zu vollführen, ohne als Poserin gebrandmarkt zu werden.



Hemmungen oder Berührungsängste scheint sie nicht zu kennen. So lässt sie die Hüllen auch mal fallen, wie auf dem Titelbild des Love Magazines, und verkörpert bei Pariser Modeschauen die Antithese zu Kate Moss. Der Song "Dimestore Diamond" vom neuen Gossip-Album "Music For Men" bringt auf den Punkt, wie man es in einem bestimmten Kontext schafft - hier ist es die schnöde Welt des Billigladens -, das eigene Licht im speziellen Glanz erstrahlen zu lassen:

"Everybody knows / The thing she does to please / Low cut sweaters / With her skirts above her knees / She's a dimestore diamond / Everybody knows / Just where she gets her clothes / A watercolor painting / In a Renoir pose."
Der Grad der Selbstinszenierung ist also von den Umständen abhängig, die das Theater provozieren. Die Solidarität mit den Mitteln und Wegen einer Königin des Alltags, die sich in dem Stück äußert, kann man als typisch für Gossip-Lyrics bezeichnen, die dem lahm gewordenen Begriff der Selbstverwirklichung aus der Freakperspektive auf die Sprünge helfen. Ob man als jugendliche Ausreißerin unterwegs ist oder als ikonisches Unikum, als Callas des Underground in der Barbie-Glitzerwelt - es soll immer bitte schön darum gehen, den Kopf oben zu halten. "Fighting Fire With Fire" vom letzten so erfolgreichen Album verkündete programmatisch: "You'll find yr place in the world girl / All you gotta do is stand up / And fight fire with fire / In the end no one is innocent / Big or small it makes no difference / Get up, stand out and hold yr head up higher."
Beth Ditto ist sich der Gefahr bewusst, allzu leichtfertig eine produktive, abweichende Position im Sell-out-Verfahren als leuchtende Ikone all derer herzuschenken, die es natürlich nicht schaffen werden, selbstverwirklicht in ihre Fußstapfen zu treten. Den Lagerfelds dieser Welt geht es schließlich nicht um die Schönheit in uns allen, sondern immer nur um die Ausnahmeerscheinung. Der Modekette Topshop hat Beth Ditto immerhin eine Kollektion unter ihrem Namen verweigert, da von dem Label keine Übergrößen angeboten werden. Wenn es schon kein richtiges Leben im falschen gibt, so gibt es manche richtige Entscheidung, manches treffende Nein. Einige frühe Bewunderer von Gossip, die wieder in der Besetzung Ditto (Gesang), Brace Paine (Gitarre, Bass, Keyboards), Hannah Billie (Schlagzeug) antreten, dürften die Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit dennoch skeptisch betrachtet haben. Denn seit der Nachricht, dass Rick Rubin die Produktion des Albums nach "Standing In the Way Of Control" übernehmen würde, war eine verstärkte Rockband-Werdung des performativen Ensembles zu erwarten. Und so, liebe Leute, ist es auch gekommen. Die Hit-Verdächtigkeit der einzelnen Songs, viele davon zitatgespickt, mal voll auf die Zwölf, dann wieder eher unterschwellig, ist aber dennoch eine Überraschung. Und auch wenn Gossip sich momentan derart selbstbewusst durch den Mainstream treiben lassen - ihr innerer Kompass, so geben sie zu Protokoll, funktioniert noch.



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aus Intro #173 (Juli 2009)
 
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