Kasabian
Im Interview: Dracula, Napoleon, scheißegal
20.05.2009, 17:41, Text:
Christian Steinbrink, Foto: Diane Vincent
Kasabian haben mit "The West Ryder Pauper Lunatic Asylum" ein außergewöhnliches Album geschaffen, voller Kinomotiven und treibenden Grooves. Für Intro fragte Christian Steinbrink sich und die Band, wie man so ein Album überhaupt hinbekommt, wenn doch der Rest der britischen Popmusik derzeit so anders klingt.
"The West Ryder Pauper Lunatic Asylum" überfordert den Hörer fast schon ein bisschen mit seiner Kreativität und dieser Flut an Bilder aufmachenden Klängen. Meisterwerk ist nicht zu hoch gegriffen, so atmosphärisch, so eindringlich, so fühlbar ist das Album geworden - und vor allem so anders als alles, was aktuell sonst so auf der Insel erscheint.
Das Album besitzt einen unwiderstehlichen Groove, wartet mit einer Symphonie an Sounds auf, traut sich eine Menge, ist aber trotzdem smart genug, niemanden auszuschließen. Was sind das nur für Feingeister, die so etwas zusammenkomponieren? Es ist eigentlich nur einer, er hört auf den Namen Serge Pizzorno, hat Chris Karloff nach dessen Abgang als Hauptsongwriter abgelöst und um sich eine Bande von Rabauken geschart. Einen davon schickt er zum Gespräch - er selbst beschließt kurzfristig, im Nebenraum mit zwei Mädchen zu chillen.
Tom Meighan grinst über beide Ohren, als er es sich im Zimmer des Berliner Grand Hyatt Hotels bequem macht. Der Sänger von Kasabian ist breit, und er ist in Redelaune. Über alles kann man jetzt mit ihm plaudern, über Fußball und Hardrock, andere Bands und auch über seine Freundin. Aber über die Entstehung der wundervollen Musik seiner Band? Keine Chance. Der Grund ist offensichtlich: Das Selbstverständnis dieser Band aus Leicester, tiefste Midlands, lässt das einfach nicht zu: Kasabian sind Working Class, sie sind Oasis und nicht Blur, Happy Mondays und nicht Pulp. Und gemäß den britischen Kodizes geziemt es sich nicht, mit solch einem Background beflissen zu sein.
Sind Kasabian Intellektuelle, weil sie mit so vielen kulturellen Verweisen aufwarten? Meighan grinst nur spöttisch. Dann legt er los: Die Single "Vlad The Impaler", nach der historischen Gestalt aus dem Dracula-Mythos' benannt, hieße beispielsweise nur zufällig so, sie könne auch "William The Conqueror" heißen oder "Napoleon, King Of France". Wäre kein Unterschied. Die Ambition, mittels ihrer Musik auf irgendjemanden hinzuweisen, ist Meighan fremd. Und auf die Frage, ob sie durch ihre Musik nicht auch wie Lehrer Wissen vermitteln würden, reagiert er fast ungehalten.
Fakt ist: Kasabian haben von der atmosphärischen Kraft von klassischen Filmmusikkompositionen gelernt. Morricone wurde schon früher als Einfluss der Band genannt, das Wissen Pizzornos geht aber offensichtlich weit über solche Allgemeinplätze hinaus. Seine Stoßrichtung bei der Suche nach nutzbarem Material ist deutlich: atmosphärisch nicht zu komplex, dafür aber von einer originären, gerne altmodisch anmutenden Kraft. Pizzorno schaue alte Kunstfilme, aber auch Roadmovies, Western und die Retrostreifen von Tarantino, erzählt Meighan. Sicher gehören auch ostasiatische Kung-Fu-Filme zu seiner Sammlung. Denn ähnlich wie zu Hochzeiten von TripHop und Big Beat enthält Kasabians Musik scheinbar abgeschmackte, tausendmal verwendete Samples, die in ihren Kontext gestellt aber eine Revitalisierung erfahren und zu ihrer ursprünglichen Kraft zurückfinden. Auch hier ist Meighans Erklärung ganz simpel: Sie wollten eben trotz dieser Elemente nicht alt, sondern modern und frisch klingen. Wie auch immer sie das angestellt haben - es hat geklappt.
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Intro 20.05.2009 | 17:41:00
Kasabian haben mit "The West Ryder Pauper Lunatic Asylum" ein außergewöhnliches Album geschaffen, voller Kinomotiven und treibenden Grooves.
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