Moderat
Im Interview: Songleichen aus dem Keller
28.04.2009, 15:01, Text:
Martin Riemann, Foto: Melissa Hostetler
Immer wieder gut, wie herzlich Berliner miteinander umgehen. Als Sascha Ring von Apparat seine beiden Modeselektor-Buddys Sebastian Szary und Gernot Bronsert als Raveband bezeichnet, fliegen gleich die Fäuste. Na ja, fast. Unter dem Namen Moderat machte das Trio einen langen Berliner Winter lang solche Reibereien zur Tugend. Was dabei rauskam, soll allerdings mehr sein als ein Modeselektor-vs.-Apparat-Album. Sagt Martin Riemann.
Das neue Branding habe es laut Gernot jedem ermöglicht, seine sogenannten "Songleichen" aus dem Keller zu holen und im Clinch mit den anderen zur Vollendung zu bringen. Auf diese Weise wurden Teile von Ambient, House, Postrock und Dubstep zusammengenäht und reanimiert. Klingt natürlich monströs, ist aber alles eher entschleunigt, deep und in Moll. War ja Winter. "Dubstep zum Heulen", genrefiziert Gernot das Soundergebnis.
Er wirkt rein äußerlich mit seiner auffällig gepflegten Garderobe und Baseballcap wie ein Fremdkörper neben Sebastian und Sascha. Und noch nicht mal die passen wirklich zusammen, denn der eine ist auf eine ganz andere Art salopp gestylt als der andere! Einig sind sie sich allerdings in der Empörung darüber, dass Gernot die gemeinsame Arbeit gerne herunterspiele und zu vergessen scheine, dass jedem einzelnen Track minutiöse Planung vorausgegangen und also keineswegs nur easy und spontan gewesen sei. Dafür findet er allerdings beneidenswert treffende Bilder für die führende Klangfarbe des Albums: "Kachelöfen, alter Golf, voller Aschenbecher, H-Milch, aber teure Schuhe." Yep, genau so hört sich das Teil an, dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Auch wenn Gerüchten nach für die Aufnahmen sündhaft teures Analogequipment benutzt wurde, entstanden die Stücke zu 95 % am Rechner. Richtig ist, dass für den Gesang des scheppernden Raggabastards "Sick With It" Eased (a.k.a. Dellé von Seeed) gewonnen werden konnte. Der gibt sich hier betont aggressiv - vermutlich wurde dieser eigentlich stets gut gelaunte Mensch vom rauen Moderat-Umgangston dazu getrieben. Dass mit der Wahl des Gastes um die Ecke Richtung Charts geschielt wird, bestreiten die drei übrigens glaubhaft. Eased war für sie zunächst nur der nette Typ, der in einem benachbarten Studio aufnahm, und sollte sich erst später als Seeed-Sänger herausstellen. Zumal sie von solchen Strategien eh nichts halten. Für Moderat ist klar: Flirtet man - wenn auch nur kurz - aus der Nische heraus mit dem Mainstream, dann kehrt einem die Basis den Rücken. Da bleiben die drei doch lieber in ihrer kleinen Welt - wenn sie sich mal einigen können, wie die heißt.
Moderat "Moderat" (CD/Vinyl // BPitch / Rough Trade)
In Deutschland am 14.05.
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