Depeche Mode
Im Interview: Tatbestand Schwarze Messe
23.04.2009, 14:38, Text:
Jürgen Dobelmann, Foto: Elisabeth Moch
[3 Kommentare]
Nach fast dreißig Jahren im Popbiz gibt es - je nach Jahrgang - die unterschiedlichsten Gründe, Depeche Mode für relevant, genial, beispiellos oder gar unverzichtbar zu halten. Für diejenigen, die die Anfänge der Band 1981 miterlebt haben, wie unser Autor Jürgen Dobelmann, stehen Martin Gore, Dave Gahan und Andrew Fletcher für nicht weniger als den Neubeginn der Popmusik. Hundert Million verkaufte Tonträger später veröffentlichte die Band mit "Sounds Of The Universe" im April 2009 ihr zwölftes Album.
Immer, wenn ich Martin Gore sehe, frage ich mich, ob er heutzutage wohl noch einen Song wie "See You" hinbekäme. Jene knapp vier Minuten Popmagie, gleichsam schlagerhaft-traditionell in Komposition und Vortrag und doch futuristisch-unterkühlt in Produktion und Arrangement, mit denen der damals 21-Jährige im Sommer 1982 seinen offiziellen Einstand als musikalisch Alleinverantwortlicher bei Depeche Mode gab. Damals, nach dem Abschied des bisherigen Bandleaders Vince Clarke.
Die Single, umschmückt vom legendär hübschen Moritz-Rrr-Artwork, wurde in ihrer Heimat zum bis dahin größten Hit der jungen Briten (Platz sechs), bescherte der Band die erste Chartsplatzierung in Deutschland und zerstreute mit einem Schlag sämtliche Bedenken, das Amt des Hauptsongwriters könne zu schwer auf Gores schmalen Schultern lasten. Die versnobten Mädchen aus Southampton mit den skurrilen Frisuren und den Koffern, in denen sich kein Kleidungsstück fand, das nicht schwarz war, brachten die neue Musik per Schüleraustausch damals in meine schwäbische Heimatstadt, in der bis dahin Zappa und die Stones regiert hatten. Und veränderten damit so ziemlich alles.
Je länger ich Martin Gore im März 2009 beim Interview zuhöre, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass er meine Sicht der Dinge partout nicht teilen mag. Nicht nur, dass das von mir so geschätzte Stück seit Jahrzehnten aus dem aktiven Repertoire der Band verschwunden ist, es drängt sich im Verlauf des Gesprächs darüber hinaus der Verdacht auf, dass, hätte der Wahl-Kalifornier seinerzeit über heutiges Know-how nebst Technik verfügt, ein simples Popliedlein wie "See You" vor 27 Jahren in dieser Form nicht entstanden wäre. Vermutlich müsste das besungene Protagonisten-Pärchen beim schüchternen Rendezvous auf der Parkbank heutzutage statt mit romantisierendem Satzgesang nach ca. siebzig Sekunden mit dem ersten akustischen Panzerfaust-Beschuss rechnen.
So wie auf dem neuen Depeche-Mode-Album "Sounds Of The Universe": Spätestens nach drei bis vier Akkorden ohrschmeichlerischer harmonischer Wohltat wird der Hörer dort durch einen vorsätzlich dissonanten Sound-Querschläger aus allen Träumen gerissen oder unvermittelt auf einen weiteren Trip ins Jammertal des Gore'schen Electro-Blues geschickt. Keine Frage, natürlich sind dies genau jene Stilelemente, die die Abermillionen Depeche-Mode-Fans auf der ganzen Welt mit jedem neuen Album heiß herbeisehnen. Dennoch drängt sich die Frage auf, ob der 47-Jährige nach fast dreißig Jahren im Musikbusiness - inklusive Geld-, Fanhysterie-, Drogen- und Scheidungs-Rambazamba - überhaupt noch in der Lage wäre, vier Minuten ungetrübte Pop-Harmonie zu ertragen bzw. zu komponieren. "Für mich ist es so: Das, was wir jetzt machen, ist ganz einfach interessant", erklärt Gore. "Das Klangbild funktioniert. Es ist ja auch nicht so, dass überhaupt keine cleanen Sounds auf der Platte wären, da sind sogar eine ganze Menge. Doch wie wir unsere Klänge kreieren, passt ganz einfach wesentlich besser zu den Songs, die wir heutzutage schreiben."
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Jimmy The Exploder 29.04.2009 | 17:55:33
. . .
Schöner und vielschichtiger Artikel. Ich finde auch, dass See you eine viel zu sehr unterschätzte und wunderbare Single ist.
Editiert von
Jimmy The Exploder am 29.04.2009 17:59:44
Editiert von
Jimmy The Exploder am 29.04.2009 18:08:25
advocatus diaboli 04.05.2009 | 19:31:10
dass gore, wenn er auf ´see you ´angesprochen wird, hörner aufsetzt kann ich sehr gut nachvollziehen.
Nordicjack 04.05.2009 | 22:55:36
Wieso gerade auf "see you" ansprechen?
Das is fast 27 Jahre her?
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