Soap & Skin

Im Interview: Allein mit der Angst

25.02.2009, 12:16, Text: arno raffeiner, Foto: Sandra Stein
[4 Kommentare]

Warum nur ist das Leiden anderer Menschen so schrecklich-schön anzuschauen? Das wissen Gala und Bild wohl am besten. Soap & Skin aber gibt nun neue Rätsel auf. Sie liefert sich ihrer Kunst und dem Publikum vollkommen aus - und bewahrt sich trotzdem ein undurchdringliches Geheimnis. Arno Raffeiner hörte dem nachdenklichen Schweigen über ihr erstes Album zu.

Ein österreichisches Kuhdorf im frühen 19. Jahrhundert. Ein sehr jung sehr erwachsen gewordenes Genie verliert sich in Einsamkeit, Wahn, Todessehnsucht. Als einzige Möglichkeit zur Flucht bleibt nur die Musik: das mächtige Dröhnen und Donnern Hunderter Orgelpfeifen. Dieses Genie, von dem Ende des 20. Jahrhunderts ein millionenfach verkauftes Buch ("Schlafes Bruder*") erzählte, müsste heute Anja Plaschg heißen.


Mit dem kleinen Unterschied, dass Plaschg nicht in einer finsteren Kirche an der Orgel, sondern in ihrem Zimmer an einem E-Piano sitzt, um zu Soap & Skin zu werden, um sich in jene Zustände zu versetzen, in denen sie kurz aus der Welt verschwinden und eins werden kann mit ihrem Unterbewusstsein.

Ehrfurcht, Ergriffenheit, Faszination, ausgelöst durch tiefe Blicke in die Seelenabgründe einer tragischen Künstlerin: Selten zuvor wurde die Ära pechschwarzer Romantik so überwältigend ins digitale Jetzt überführt wie von Soap & Skin. Ihre Geschichte müsste vermutlich nicht noch einmal erzählt werden. Es ist die alte Geschichte vom Wunderkind, und sie wurde in den letzten Jahren oft genug wiederholt. Geboren 1990 in der Steiermark, Kindheit in einem kleinen Dorf nahe der elterlichen Schweinefarm, Musikunterricht ab sieben Jahren, fanatisches Klavierspiel mit 13 und erste Kompositionen mit 14, dann der Schulabbruch und mit 16 die Aufnahme an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Vor zweieinhalb Jahren erschien bei Shitkatapult Soap & Skins erstes Stück, das wahre Begeisterungsstürme und ein großes Rauschen im Blätterwald auslöste. Von Lokalzeitungen über Musikzeitschriften bis zur renommierten Tagespresse schlugen alle auf den ganz großen Gong. So jung, so talentiert, so verzweifelt!



Heute ist Anja Plaschg noch keine 19 und veröffentlicht ihr lange erwartetes erstes Album. Ohne Klischees (etwa das der tragischen Diva), ohne Zwiespalt (Voyeurismus bedienen, trotzdem hingucken) und vor allem ohne Pathos lässt sich auch jetzt noch nicht darüber schreiben. Mit ihr über das Album zu sprechen ist auch nicht einfach. Ihre Stimme ist oft nahe am Verschwinden - wenn sie überhaupt etwas sagt. Das Verhältnis zwischen dem manchmal quälend langen Rauschen der Stille, das man nach einem Interview mit Plaschg auf Band hat, und den kraftlos hingestückelten, aber enormen Wortmonstern, die ihr dann aus dem Mund fallen, ist ziemlich einseitig. Und doch wiegen die Monster schwerer. Es ist wie bei ihrer Musik: meist sehr reduziert, immer sehr intensiv.


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aus Intro #169 (März 2009)
 
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  • User: atzine
  • atzine 03.03.2009 | 14:58:28

    sie hat auf jeden fall ein ohr verdient, eher zwei

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