Antony And The Johnsons
Im Interview: Die Utopie in Dir
03.02.2009, 10:55, Text:
Hanno Stecher
Der Erfolg von Hercules And Love Affair im vergangenen Jahr dürfte nicht zuletzt auch auf Antony Hegartys Konto gehen, der für den Gesang und die Lyrics vieler ihrer Songs zuständig war. Der New Yorker scheint mit seiner leuchtenden Stimme und seinem Hang zu großen Gesten den Nerv der Zeit zu treffen. Nach einer scheinbar endlosen Reihe erfolgreicher Kooperationen und Gastspiele, die infolge des 2005 erschienenen Albums "I Am A Bird Now" entstanden sind, legt er nun endlich ein neues Album vor. Hanno Stecher traf ihn in Hamburg.
Donnerstagmorgen, Wintereinbruch in Hamburg. Wir sitzen im obersten Stockwerk hinter der breiten Glasfassade eines großen Hotelkomplexes. Antony blickt wie hypnotisiert auf die graue Binnenalster unter uns. Er ist blass und wirkt sichtlich mitgenommen - auch wenn er sich, als ich mit meinen Fragen beginne, alle Mühe gibt, frisch zu wirken. Sein übernächtigter Zustand scheint nicht von ungefähr zu kommen: Im Vorgespräch mit der Promoterin seiner Plattenfirma konnte ich heimlich einen Blick auf die Liste der Interviewpartner vom Vortag werfen: zehn an der Zahl, ein Who-is-who der deutschen Kulturmagazine und Feuilletons.
Doch meine anfängliche Angst, als erster Journalist des zweiten vollgestopften Interviewtages auf einen unaufmerksamen oder gar griesgrämigen Menschen zu treffen, wird schnell zerstreut. Stattdessen bin ich, wie wohl bereits eine ganze Reihe von Journalisten vor mir, innerhalb kürzester Zeit dem Charme dieses körperlich wuchtigen und gleichzeitig immer angenehm zurückhaltenden Menschen erlegen. Und auch Antony selbst blüht während des Gespräches nach und nach auf und berichtet mir augenzwinkernd von seinem überraschenden Rollenwechsel vom New Yorker Drag-Aktivisten zum neuen Liebling der Musikindustrie.
Video: Antony And The Johnsons - "Another World"
The big wheel
Tatsächlich konnten sich Antony und seine Mitstreiter The Johnsons spätestens 2005 mit dem Erhalt des Mercury-Preises für "I Am A Bird Now" auch jenseits subkultureller Zusammenhänge einer wachsenden internationalen Aufmerksamkeit sicher sein. Und das auf allen Kanälen: Plötzlich kursierten im Internet ellenlange akademische Texte über Antonys Stimme als Archetypus für die "queere Stimme" in der Popkultur. Die New York Times erforschte in einem großen Artikel seine Einflüsse als Drag- und Transgender-Aktivist bis in die Siebzigerjahre zurück. Und seine Plattenfirma verschickt nummerierte Journalistenexemplare des neuen Albums "The Crying Light", die mit Wasserzeichen und Kopierschutz versehen sind. Das zeugt von großen Erwartungen. Und - ohne hier jetzt die Obama-Keule rausholen zu wollen - irgendwie ist es auch ein kleines Wunder. Fragt sich nur, wie sich das alles anfühlt für einen Künstler, den gerade die große Intimität seiner Songs durch die Offenlegung scheinbar intimster Gedankengänge auszeichnet.
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